EINE STIMME GEBEN


50 Jahre Radio Popolare di Milano. Der linke Mailänder Lokalsender gilt als Einzelfall im Panorama des unabhängigen und nichtkommerziellen Rundfunks in Europa. Doch Radiomacher wie Hörer werden immer älter.

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All you need is (Radio) Pop – Murales neben den Studios des Senders in der Mailänder Vorstadt

Mailand – Rund zehn Jahre bevor in Deutschland private Radios neben den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Programme ausstrahlen konnten, begannen sich bereits in Italien private Sender als „radio libere“ neben der staatlichen RAI zu etablieren. Eine historische Entscheidung des römischen Verfassungsgerichts im Juli 1976 ließ die Ausstrahlung private Radioprogramme auf lokaler Ebene zu und legalisierte damit eine Reihe von Gründungen der Vorjahre. Dazu gehörte auch der Sender Radio Popolare in Mailand, der im Dezember 1975 gegründet ab dem September 1976 mit einem Vollprogramm auf Sendung ging. Während die meisten Radiostationen die Anfangsjahre dieser Entwicklung nicht überlebten, hat Radio Popolare nicht nur alle Krisen in der Medienlandschaft überwunden, sondern bis heute seinen Charakter als ein unabhängiger und gesellschaftspolitisch linksorientierter lokalverwurzelter Sender mit nationaler Ausstrahlung beibehalten.

Von einer Gruppe um dem gut mit gewerkschaftlichen wie außerparlamentarischen Gruppen vernetzten ehemaligen RAI-Journalisten Piero Scaramucci (1937-2019), wurde RP mit der Mission gegründet, jenen eine Stimme zu geben, die in den staatlichen Programmen der RAI nicht zu Wort kamen. Als eine wahres „Radio fürs Volk“ sollte der Sender über soziale Auseinandersetzungen, Arbeits- und Sozialkämpfe direkt und Vorort berichten und gesellschaftliche (auch geschlechtliche) Randgruppen mit einbeziehen. Das Telefon wurde weit vor der Handyzeit zu einem Mittel der Informationstechnik, indem man Interviews live in Telefonzellen vor Fabriktoren führte oder von Ihnen aus berichtete.  Indem man von Fenstern zur Straße aus einen Demonstrationszug begleitete oder Hörer einlud, anzurufen und ihre Eindrücke zu schildern. Zugleich wurde in langen Debattensendungen der Hörerschaft die Gelegenheit gegeben, ohne Filter („microfono aperto“) mit zu diskutieren.

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Wie alles anfing. Bewegte Jahre, Jahre der Bewegungen. Ausstellung zur Geschichte von 50 Jahren Radio Popolare

Zugleich kam es darauf an, in Nachrichten ein Gegengewicht zur politischen Information der staatlichen Medien anzubieten sowie ein alternatives Programm im Musik- und Unterhaltungsbereich aufzubauen. Durch diese Mischung aus Offenheit und Professionalität war es RP gerade in der zweiten Hälfte der politisch brisanten 1970er-Jahre gelungen, eine Art „Radio der Bewegung“ zu sein, ohne sich an einzelne Gruppen und Parteien zu binden – was vielen andere linken Alternativstationen in Italien (Rom, Bologna, Turin) ins Sektierertum verdrängte, bevor sie dann ein Opfer der inneren Widersprüche und Machtkämpfe der jeweiligen Gruppen wurden und schließen mussten.

Ein gewisser Mailänder Pragmatismus

In seinem Essay über La breve primavera della radio locale („Der kurze Frühling des Lokalradios“) spricht der Autor und langjährige RP-Mitarbeiter Marcello Lorrai von einem „gewissen Mailänder Pragmatismus“. Ein Pragmatismus, der es RP gestattete, finanzielle Unterstützung auch in bürgerlich-demokratischen Bereichen zu finden und früh Werbung nicht unter Tabu zu stellen, sondern als eine Notwendigkeit zum Überleben zu begreifen. „Mit der Unterstützung der Hörer wie durch die Werbung wurden die Gleise der Unabhängigkeit gelegt, auf denen sich Radio Popolare erfolgreich durch die Jahrzehnte bewegen konnte“, so Marcello Lorrai. Mithilfe der Hörerschaft (und bei zeitweiser Reduzierung der Gehälter) konnte auch die Wirtschaftskrise 2007 überwunden werden, als im gesamten Medienbereich der Anteil der lokalen Werbung dramatisch zurückging und zahlreiche Einrichtungen aufgeben mussten.

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Lorenza Ghidini (52), Chefredakteurin – kann auf 49 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählen

50 Jahre nach der Gründung hat sich der gesellschaftliche, politische und mediale Zusammenhang, in dem sich das Radio bewegt, radikal verwandelt. Internet, Podcasts, Blogs und soziale Medien wirken auf das Publikum ein und haben die Mediennutzung verändert. „Geblieben ist die außergewöhnliche Unterstützung durch Hörerinnen und Hörer“, betont Lorenza Ghidini,  Chefredakteurin seit 2024 und erste Frau an der Spitze des Senders, im Gespräch. „Radio Popolare stellt für seine Kernhörerschaft eine Gemeinschaft und nicht nur ein journalistisches Medium dar.“ Mit sogenannten „Abonnements“ – Einzelpersonen verpflichtet sich, mit mindestens 90 Euro im Jahr den Sender zu unterstützen – werden rund zwei Drittel der Kosten gedeckt. „Wir können im Augenblick auf 17.000 Abonnenten zählen“, resümiert die 52-jährige Mailänderin nicht ohne Stolz. Der Rest komme durch Werbung, Fundraising etc zusammen.

Eine Hörerzahl zwischen 200.000 und 300.000 Personen täglich

So kann RP die Jahresbilanz von rund vier Millionen Euro stemmen und 49 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen. Seit 1990 ist der Sender in Form einer Aktiengesellschaft („Errepi spa“) organisiert, wobei eine Kooperative der Redakteure die Mehrheit der Anteile hält. Die Hörerzahl liegt nach Schätzungen im Mittel pro Tag zwischen 200.000 und 300.000 Personen. Zum Einzugsbereich gehören Mailand und die Region Lombardei sowie Nachbarprovinzen im Piemont und der Emilia-Romagna – rund 12 Millionen Menschen.

Als linksorientiertes Lokalradio bildet RP mit seinem Vollprogramm einen „Einzelfall im Panorama des unabhängigen und nicht kommerziellen Rundfunks zumindest in Westeuropa“ (Marcello Lorrai). Seine Erfolgsgeschichte basiert vor allem auf dem professionellen Ansatz, ein Informationsprogramm mit rund einem Dutzend Nachrichtensendungen pro Tag plus Hintergrundsendungen (Internationale Politik, Lokalberichte, Pressespiegel, Programme für die LGBTQ-Bewegung, Antimafia-Schulung, Analysen der aktuellen Musikszene, lokale Kulturveranstaltungen u. v. a.) zu liefern. Und dabei immer wieder das Publikum per Telefon zu involvieren. Wobei das Programm analog über FM, aber auch digital (Internet oder App) zu empfangen ist.

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Ruhe vor dem Sturm – das Nachrichtenstudio am Nachmittag

Die Nachrichtenprogramme von RP mit nationalen und internationalen Meldungen werden mit dem „Popolare network“ über rund zwanzig andere private Radios in ganz Italien verbreitet. Noch heute gelten etwa die stundenlangen Direktübertragungen von den tragischen Zusammenstößen auf dem G8-Gipfel in Genua 2001 als ein Höhepunkt der jüngeren italienischen Radiogeschichte. Und mit seinen kritischen und ausführlichen Berichten über den israelischen Krieg gegen die Zivilbevölkerung im Gazastreifen spiegelte der Sender die Stimmung breiter Bevölkerungsschichten ab, bevor andere Medien sich anschlossen. Beim Hörerdiskussionen dieser Tage diskutierte man engagiert über die olympischen Winterspiele – Stimmen pro und contra, letztere wohl in der Mehrheit.

Die Wirklichkeit erzählen

Zur Feier des 50-jährigen Bestehens wurde im Dezember 25/Januar 26 in Mailand (Fabbrica del Vapore) eine Ausstellung organisiert, die neben einem breiten chronologischen Überblick auch die zahlreichen Aktivitäten des Radios bei der Organisation von Veranstaltungen und Festen dokumentierte. Veranstaltungen, bei denen immer wieder die für den Sender überlebenswichtige Nähe zur Hörerschaft gesucht wird Auf nicht wenigen Fotos zur Geschichte kann man auch ablesen, dass die Radiomacher am Mikrofon wie die meisten ihrer Hörerinnen und Hörer inzwischen in die Jahre gekommen sind. Der Turiner Medienwissenschaftler Pietro Adamo schreibt in einem Text für den Katalog: „Die Zukunft ist mit Schwierigkeiten bestickt. Die Frage des Alters ist fundamental.“ Denn die traditionellen Werte des Senders gehörten „zu einer Gegenkultur, von der uns ein halbes Jahrhundert trennt.“

Chefredakteurin Lorenza Ghidini hat sich vorgenommen, das Durchschnittsalter des Publikums zu senken. Wie weit sich das Radio Kommunikationsformen, mit denen heute Jugendliche interagieren, öffnen und sich gleichsam „neu erfinden kann“ (Pietro Adamo), muss sich zeigen. Lorenza Ghidini ist sich aber sicher: „Radio Popolare wird weiterhin eine Rolle spielen können, wenn es als ein glaubhaftes Medium – seriös, unabhängig und frei – die Wirklichkeit in all ihren Schattierungen erzählt.“ Und weiterhin denjenigen eine Stimme gibt, die anderswo nicht zu Wort kommen.

Radio Popolare, Via Ollearo 5, 20155 Milano. Info hier

50 e 50 la mostra. Radio Popolare 1975-2025. Ausstellungskatalog. contrasto editore, Roma. 175 pagg., 30 Euro. Zu bestellen hier.