Während der Winterspiele unterstreicht Mailand seine Stellung als internationale Metropole der schönen Künste u.a. mit Ausstellungen im Palazzo Reale. Eine über drei Regionen diffus gestreute „Kulturolympiade“ kommt dagegen nicht über lokale Bedeutung hinaus

Bereit zum Schlagabtausch – „Pugliatrice“ (1926, Ausschnitt) ein Gemälde aus der Geschichte der olympischen Spiele von Giacomo Gabbiani der Fondazione Rovati
Mailand – Auf einer Amphore aus dem 6. Jahrhundert vor Christus ist ein Diskuswerfer abgebildet. In der Nachbarvitrine liegt ein Staffelstab aus Aluminium mit Autogrammen der italienischen Athleten, die bei den Olympischen Spielen Tokio 2020 Gold gewinnen konnten. Daneben ist ein Lekythos, eine Ölkanne der ersten Hälfte des 5. Jahrhundert vor Christus zu sehen, die mit der Darstellung von Läufern verziert ist. Dann rückt das Gemälde einer Boxerin von 1926 ins Blickfeld. Mit einfachen, teilweise eindrucksvollen Belegen wird eine kleine, aber intensive Ausstellung ihrem Titel „Die Olympischen Spiele – Eine dreitausend Jahre lange Geschichte“ gerecht. Nur wenigen Veranstaltrungen, die zurzeit in Norditalien zu sehen sind, gelingt es, Sport und Kultur so zu verbinden wie diese Ausstellung in den eleganten Räumen der Mailänder Fondazione Rovati.

Als Olympia nur im Sommer stattfand – Diskuswerfer aus dem 4. Jahrhundert vor Chr. (Ausschnitt) in einer Ausstellung zur Geschichte der Olympischen Spiele in Mailand (Fondazione Rovati)
Bei den olympischen und paralympischen Winterspiele in Mailand Cortina 2026 in diesem Februar und März stehen die Sportwettbewerbe zwar im Vordergrund, aber zum offiziellen Veranstaltungsprogramm gehört auch eine „Kulturolympiade“. Sie will Sport zwischen Geschichte, Kunst und Kultur und der Gesellschaft verorten. Das Besondere dieser Spiele ist, dass sie an mehreren Orten der Regionen Lombardei, Trentino-Südtirol und Venetien gleichsam diffus ausgetragen werden. So ist ein ebenso diffuses, multidisziplinäres, zum Teil unübersichtliches Programm zwischen Dorffest und Literaturfestival, zwischen Wanderung und Ausstellungsparcour entstanden. Denn nicht nur die einzelnen Orte, sondern die ganzen Regionen nutzen weitflächig das globale Ereignis Olympia, um lokale Identitäten sichtbar zu machen. Es geht vor allem darum, das Territorium und seine Lebensstile auf unterschiedlichste Weise in der Spannung zwischen Aktivierung von Gemeinschaft und Werbung für Tourismus zu feiern. Die Programmbroschüre umfasst 240 Seiten.
Zukunftsorientiertes Mailand
Einerseits erweist sich so der lokale kulturelle Reichtum des Landes nach wie vor als eine Grundlage für die Bedeutung der Kulturnation Italien. Anderseits nutzt Italien diese Olympischen Spiele auch, um sich als kultureller Player auf der Weltbühne zu zeigen. Und hier steht natürlich Mailand im Mittelpunkt. Die international geprägte Stadt hat sich gleichsam als Angelpunkt zwischen Süd- und Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten städtebaulich auf Basis eines reichen historischen Erbes modern entfaltet und ihre industrielle Vergangenheit abgeschüttelt. Auch in Weiterentwicklung der Weltausstellung Expo 2015 konnte sie sich als finanzielles, kreatives, wissenschaftliches und auf Zukunftsökonomien ausgerichtetes Zentrum etablieren. Hier findet man die wichtigsten italienischen Einrichtungen des Verlagswesens, des Kunstmarktes, der Theater, der Presse und der elektronischen Medien. Unter den Großstädten des Landes gilt Mailand als die mit der höchsten Lebensqualität.

Der Skeleton-Athlet Akwasi Frimpong aus Ghana (2024) in der Ausstellung „White Out“ der Triennale kuratiert von Konstantin Grcic und Marco Sammicheli
Und genau das will Mailand jetzt der Welt in dieser olympischen Zeit zeigen und dabei etwas verstecken, dass es trotz seiner Spitzenvertreter in Fußball-, Basket- und Volleyball keine Stadt des Leistungs- und schon gar nicht des Wintersports ist. So scheinen etwa die plötzlich aus dem Boden geschossenen Ausstellungen zum Thema „Schnee und Eis“ zwischen Ausrüstungsgegenständen, Design und Umweltproblematiken in der Triennale oder im Mudec ebenso wenig in die Stadt zu passen wie die Fotos oder Malereien von Gebirgsregionen in der Fabbrica del Vapore – auch wenn man an klaren Tagen den Alpenkranz mit dem Monte Rosa vom Dach des Domes aus leuchten sehen kann.
Sogar das Piccolo Teatro bietet mit einer „Snowshow“ des russischen Mimen Slava sowie mit dem Stück „First Love“ von Marco D’Agostino ein Extraprogramm. Nur die Scala zeigt sich mit zwei kleinen (aber sehenswerten) Ausstellungen nicht den fünf Ringen, sondern dem einen verpflichtet: Wagners Ring des Nibelungen und der Geschichte herausragender Inszenierungen in Mailand. Im März bringt die Oper dann zweimal den kompletten Zyklus auf die Bühne, was man auch als olympische Leistung werten kann.
Palazzo Reale Superstar
Mailand punktet zurzeit mit seinen kulturellen Einrichtungen, in denen sich öffentliche wie private Initiativen treffen. Da ist etwa der kommunale Palazzo Reale – die unter den Habsburgern errichtete ehemalige Herrschaftsresidenz in Nachbarschaft zum Dom – mit über 7000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Hier wetteifern gerade mehrere noch bis in den Frühsommer zu sehende Großausstellungen miteinander, die nationale mit internationalen Strömungen verbinden.

Neugierig? „Curiosità“ von Silvestro Lega (1866, Ausschnitt) in der Ausstellung zur den Macchiaioli im Palazzo Reale
Darunter ist die Malerei der „Macchiaioli“ des 19. Jahrhunderts. Das sind Künstler wie Giovanni Testori oder Silvestro Lega, die in Italien mit ihrer Hell-dunkel-Technik in der Freiluftmalerei als Vorläufer des Impressionismus gelten und zu ihrer Zeit den Prozess der nationalen Einheit begleiteten. Das setzt sich fort in einen breit gefächerten Untersuchung der metaphysischen Malerei und Kultur von Giorgio de Chirico, Alberto Savinio, Carlo Carrà oder Giorgio Morandi und ihre Auswirkungen bis weit ins 20. Jahrhundert in Malerei, Architektur, Fotografie, Kino oder Mode.

Arbeiten von Giorgio de Chirico und eine Skulptur von Francesco Vezzoli (Ausstellung „Metafisica/Metafisiche“ kuratiert von Vincenzo Trione)
Aber Höhepunkt des Ausstellungsreigens im Palazzo Reale sind Anselm Kiefers 42 enorme Darstellungen von historischen Frauenfiguren aus dem Beginn der Neuzeit, die mit ihren wissenschaftlichen Interessen oft als „Alchimistinnen“ verfolgt wurden. Der Künstler hat mit seinen über drei Meter hohen Tafeln in der Sala delle Cariatidi eine Art Leporello gestellt, durch den man sich bewegt.

Monumental: Zur Geschichte von Frauen und Wissenschaft – Die „Alchimistinnen“ von Anselm Kiefer in der Sala delle Cariatidi des Palazzo Reale
Der ehemalige Ballsaal zeigt als einziger Raum des Residenzpalastes noch die Kriegszerstörungen des Weltkrieges an den bewusst nicht restaurierten Karyatiden, 40 weibliche Statuen, die den umlaufenden Balkonbereich tragen. Ein Raum, der Kiefer für seine Darstellungen auf Goldgrund von Figuren wie Caterina Sforza, Mary Anne Atwood oder Anne Marie von Ziegler inspiriert hat.

„Web“ (2026) – Installation von Mona Hatoum in der Ausstellung „Over, Under and Between“ der Fondazione Prada
Anselm Kiefer ist ja in Mailand bereits mit einer festen Schau monumentaler Werke (Himmelstürme) im Pirelli Hangar Bicocca vertreten. Die Stadt erweist sich auch jetzt mit ihren Wechselausstellungen zur internationalen Gegenwartskunst auf hohem Niveau: Zum Beispiel mit dem Südafrikaner William Kentridge (Palazzo Citterio), der Libanesin Mona Hatoum oder der Münchenerin Hito Steyerl (Fondazione / Osservatorio Prada). Die sinnlichen Fotografien von Robert Mapplethorpe unterreichen die zentrale Stellung des Palazzo Reale als Veranstaltungsort.

„More Sweetly Play the Dance“ Video-Installation (Ausschnitt) von William Kentridge (2015) im Palazzo Citterio
Ohne Olympia hätte die Stadt wohl auch nicht die Gelegenheit für kleine Gruppen geschaffen, in der Sala delle Asse des Castello Sforzescos auf das Gerüst der Restauratorinnen zu steigen und sie bei der Arbeit von Leonardos Decken- und Wandmalerei zu beobachten. So nah wird man dem Genie der Renaissance so schnell nicht wieder kommen. Wenn es auch im Verlauf der Spiele leichter scheint, an Karten für Sportereignisse (Eisschnelllauf, Kunstlauf, Hockey) zu finden als etwa für Leonardos Abendmahl, zeigt sich, dass Mailand wohl eher eine Kultur- als eine Olympiastadt ist.
In leicht gekürzter Form ist der Beitrag in der Stuttgarter Zeitung am 16.02.26 erschienen
Info zur Kulturolympiade hier
Veranstaltungen in Mailand (Auswahl)
Fondazione Rovati (Mi bis So 10.30 bis 19 Uhr) Info
Info: https://www.fondazioneluigirovati.org/it/appuntamenti-e-mostre/mostre/
- I Giochi Olimpici. Una storia lunga tremila anni. Bis 22.03. Eintritt 16 €
Palazzo Reale (tgl. außer Mo 10 bis 19.30 Uhr, Do bis 22.30 Uhr)
Info: https://www.palazzorealemilano.it/mostre/mostre-in-corso
- Robert Mapplethorpe. Le forme del desiderio. Bis 17.05. Eintritt 15 €
- Metafisica/Metafisiche. Modernità e Malincolia. Bis 21.06. Eintritt 15 €
- I Macchiaioli. Bis 14.06. Eintritt 15 €
- Anselm Kiefer. Le alchimiste. Bis 27.09. Eintritt 15 €
Triennale Milano (tgl. außer Mo 10.30 bis 20 Uhr)
Info: https://triennale.org
- White Out. The future of Winter Sport. Bis 15.03. Eintritt frei
Palazzo Citterio (tgl. außer Mo 8.30 bis 19.15 Uhr)
Info: https://palazzocitterio.org/mostre-ed-eventi/mostre/
- William Kentridge. More Sweetly Play the Dance and Remembering Morandi. Bis 5.04. Eintritt 12 €
Mudec (Mo 14.30 bis 19.30, Di bis So 9.30 bis 19.30, Do bis 22.30 Uhr)
Info: https://www.mudec.it/mostre-in-corso-2/
- Il senso della neve. Popoli, arte antica e sguardi contemporanei. Bis 28.06. Eintritt frei
Fondazione Prada (tgl. außer Di 10 bis 19 Uhr) Eintritt 15 €. Info
Info: https://www.fondazioneprada.org
- Over, Under and in Between. Mona Hatoum. Bis 9.11.
- Sueno Perro. Alejandro G. Inarritu. Bis 26.02
Osservatorio Prada (Mo, Mi bis Fr 14 bis 20 Uhr, Sa/So 11 bis 20 Uhr)
Info: https://www.fondazioneprada.org/visit/milano-osservatorio/
- The Island. Hito Steyerl. Bis 30.10. Eintritt 10 €
Hangar Bicocca (Do bis So 10.30 bis 20.30 Uhr) Eintritt frei. Info
Info: https://pirellihangarbicocca.org
- Anselm Kiefer. I Sette Palazzi Celesti. Dauerausst.
- Benni Bosetto. Rebecca. Bis 19.07.
Castello Sforzesco (tgl. außer Mo 10 bis 17.30 Uhr) Eintritt 5 €
Info: https://www.milanocastello.it
- Cantiere Sala delle Asse. Bis 14.03.
Gallerie d’Italia (tgl. außer Mo 9.30 bis 19.30, Do bis 22.30 Uhr) Eintritt 10
Info: https://gallerieditalia.com/it/milano/mostre-e-iniziative/#
- Roma e Milano capitali del neoclassicismo. Bis 6.4.
- Lo Studio di Giorgio Morandi. Bis 6.4.
- La Strada per Cortina. Giochi olimpici invernali 1956. Bis 3.5.
Museo Teatrale alla Scala (tgl. 10 bis 18 Uhr) Eintritt 12 €
Info: https://www.museoscala.org/it/index.html
- La rivoluzione del Ring. Visconti, Ronconi, Chéreau. Bis 3.05.
- Risonance Wagner. Visioni intorno al Ring. Bis 3.05.
Fabbrica del Vapore (Di bis Fr 15 bis 19 Uhr, Sa/So 11 bis 19 Uhr)
Info: https://www.fabbricadelvapore.org
- Water and Peaks. An Olimpic Journey through the Alps. Bis 6.04. Eintritt frei


