BUONGIORNO!


Das Piccolo Teatro holt das Kino auf die Bühne und inszeniert den Filmklassiker „Miracolo a Milano“ aus den 1950er-Jahren für das Theaterpublikum von heute – und spiegelt zugleich die gegenwertige Stadtentwicklung in jener der Vergangenheit

© Foto Master Pasquali / Piccolo Teatro

Giulia Lazzarini (Lolotta) und Lino Guanciale (Totò): Die Lust, eine alte Geschichte neu zu erzählen

Mailand – Als der Film „Miracolo a Milano“ von Vittorio De Sica und Cesare Zavattini 1951 in die Kinos kam, reagierte die Kritik gespalten. Einerseits war der fabelhafte Charakter dieses „Wunders von Mailand“ verdächtig und wurde als sozial vertröstend kritisiert. Anderseits wurde das Märchenhafte als Überwindung eines inzwischen steril empfunden Neorealismus gefeiert und die „favola bella“ als der Traum einer besseren Welt. 75 Jahre danach holt das Piccolo Teatro das Kino von einst in einer theatralischen Bearbeitung auf die Bühne. Mit vielen Einspielungen von Filmsequenzen, aber auch mit Videobildern der Metropole von heute, möchte die Inszenierung von Claudio Longhi eine Hommage an Mailand sein und zugleich einen kritischen Blick auf die Gegenwart bieten.

Die Bearbeitung für das Theater u. a. durch den Schriftsteller Paolo Di Paolo und den Dramaturgen und Darsteller Lino Guanciale, der zudem die Hauptrolle spielt, folgt weitestgehend der Kinohandlung. Und greift auch auf den kurzen Roman „Totò il buono“ (Totò der Gute) von Cesare Zavattini aus dem Jahr 1943 zurück, der dem Film zugrunde lag.

Auf Besenstielen in eine bessere Welt 

Erzählt wird die wundersame Geschichte vom Findelkind Totò, das nach dem Tod seiner Pflegemutter Lolotta in einem Waisenhaus aufwächst. Als mittelloser junger Erwachsener entlassen – ausgestattet mit einem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen – organisiert Totò das Leben einer illegalen Barackensiedlung der Vorstadt. Wobei er und die Bewohnerinnen und Bewohner sich Grundstücksspekulanten und der Polizei mit gleichsam märchenhaften Mitteln erwehren müssen. Schließlich können sie sich der Verhaftung durch „Flucht“ in eine bessere Welt entziehen – sie fliegen von der Piazza Duomo auf den Besen der Straßenfeger davon (- hier ein Ausschnitt aus dem Film)

© Foto Master Pasquali / Piccolo Teatro

Auf der Bühne wie in einem Filmstudio nachgestellt: Ein Sonnenstrahl, der den Nebel durchbricht und Wärme spendet

Ein magischer Realismus durchzieht diese Geschichte, die auch im Theater lebendig wird, wenn die Inszenierung die Bühne in ein Studio verwandelt, in dem der Film noch mal gedreht wird. Die Szenen wechseln sich in einer Art Revue ab, die unaufdringlich im Hintergrund musikalisch untermalt – teils mit Volksmusik, teils aber auch mit Zitaten klassischer Opern – durchaus gewollt an Brecht und seine „Dreigroschenoper“ erinnert. Die hatte 1956 im Beisein des Autors im Piccolo ihre italienische Uraufführung erlebt.

Eine Hommage an Brecht

Claudio Longhi, ein Schüler von Luca Ronconi und seit fünf Jahren als künstlerischer Leiter der Bühne sein Nachfolger, sieht in dem Zusammenspiel von Film, Literatur und Theater gleichsam eine „magische Quadratur des Kreises“. Die habe, so der Regisseur, „eine Art Kurzschluss mit dem heutigen Mailand ausgelöst“. Und biete die Möglichkeit, die Stadt von heute durch den Spiegel der Stadt der 1950er-Jahre zu betrachten. Wichtig war ihm dabei die Wahl der Revue als eine verfremdende Perspektive, „die eine Hommage an Brecht darstellt.“ Eine Perspektive entlang der Linien eines Walter Benjamins, fügt Lino Guanciale hinzu. Der Dramatiker spielt dabei auf die Zeichnung des „Angelus Novus“ von Paul Klee an, in der der Engel nach Benjamin fest den Blick in die Vergangenheit richte, während ihn der Wind des Fortschritts rückwärts in die Zukunft treibe.

Aus der Vergangenheit kommt auch der lokale Dialekt, den heute nur noch der ältere Teil des Publikums vollständig versteht und der dennoch die Inszenierung prägt. Er wirkt zusätzlich als Verfremdungseffekt. In den Aufführungen der Wochenenden bietet das Theater eine Untertitelung in italienischer und englischer Sprache an.

© Foto Master Pasquali / Piccolo Teatro

Giulia Lazzarini, die auf der Bühne ihren 92jährigen Geburtstag feiern konnte

Aber diese Theaterfassung eines Films zieht seine Kraft eben nicht aus der Macht des Wortes, sondern aus der des Spiels. Und das trotz der zarten Dialoge etwa zwischen Lino Guanciale als Totò und der zauberhaften, 92jährigen Giulia Lazzarini als Lolotta, die seit Giorgio Strehlers Zeiten zur Mailänder Bühne gehört. Das sind Dialoge, die gewissermaßen „Großaufnahmen“ entsprechen. Sie durchschneiden „Totaleinstellungen“, wenn bis zu 46 Darstellerinnen und Darsteller aus der Schauspielschule des Piccolos über die Bühne (und teilweise auch durch den Zuschauerraum) wirbeln. Hier verbinden sich der Spaß, Theater zu machen mit der Lust, eine Geschichte von einst neu zu erzählen.

Menschen, die durch die graue Stadt eilen, begrüßt Totò mit seinem freundlichen „Buongiorno“ – Still des Films „Miracolo a Milano“

Eine der Schlüsselszenen spielt gleich am Anfang des Films, wenn der an einem Wintertag eben aus dem Waisenhaus entlassene Totò in seiner ihm eingeborenen Freundlichkeit allen Personen, denen er begegnet „Buongiorno“, „Guten Tag“, wünscht. Viele haben es eilig, reagieren nicht oder antworten nur mürrisch. Einer beschwert sich gar und fragt, ob man sich kenne und was der Gruß überhaupt solle. Diese Szene funktioniert ebenso auf der Bühne, besonders wenn Lino Guanciale als Totò zusätzlich „Buongiorno“ auch ins Publikum ruft, was aber zunächst nur verhalten antwortet. „Das können wir doch bestimmt besser“, setzt der Darsteller in Art eines Conférenciers noch mal an und wiederholt den Gruß: Jetzt antwortet der Saal mit einem donnernden „Buongiorno!“

Mailand hat sich kulturell und urbanistischen in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren rasant modernisiert und zu einer europäischen Metropole entwickelt. Zugleich wächst der Gegensatz zwischen Zentrum und Vorstadt, Fortschritt und Armut, Privilegierten und Marginalisierten. Beklagt wird eine zunehmenden Entsolidarisierung und soziale Kälte. Das hat zu einer Debatte in den Medien über die Rolle der Stadt als Leuchtturm des modernen Italien geführt. In einem gewissen Sinne ist die Inszenierung von „Miracolo a Milano“ mit vielen begleitenden Veranstaltungen (Diskussionen, Lesungen, Spaziergängen) ein Beitrag zu dieser Mailand Debatte.

Bis 2. April. Alle Vorstellungen ausverkauft. Außerdem meldet das Theater, dass die Zahl der Abonnenten des Piccolos zum ersten Mal seit den Zeiten von Covid die Marke von 20.000 überschritten habe.

Miracolo a Milano. Von Vittorio De Sica und Cesare Zavattini, bearbeitet für das Theater durch Paolo Di Paolo. Mit u.a. Lino Guanciale, Giulia Lazzarini, Diana Manea, Mario Pirello sowie Schülerinnen und Schüler der Theaterschule “Luca Ronconi”. Regie: Claudio Longhi, Bühne: Guia Buzzi, Kostüme: Gianluca Sbicca, Licht: Manuel Frenda, Visual Design: Riccardo Frati, Dramaturgie: Lino Guanciale und Corrado Rovida. Teatro Strehler bis 2.4. Produktion: Piccolo Teatro di Milano – Teatro d’Europa 2026