DAS EIGENE SCHICKSAL IN DIE HÄNDE NEHMEN


Die erste vollständige deutsche Übersetzung des Bandes mit Erzählungen von Beppe Fenoglio „Die 23 Tage der Stadt Alba“ im Wagenbach Verlag unterstreicht nicht nur die bedeutende Rolle des Autors als literarischer Zeuge der Resistenza, sondern auch die Aktualität der Auseinandersetzung mit dem italienischen Widerstand.

„Der Nachmittag wurde zur Feierstunde erklärt, die Menschen strömten in die Cafés und gaben den Partisanen Getränke aus.“ – Skizze der Skyline von Alba

Mailand/Turin – „Alba nahmen sie mit zweitausend am 10. Oktober ein und verloren es mit zweihundert am 2. November des Jahres 1944.“ So beginnt die Titelgeschichte „Die 23 Tage der Stadt Alba“ einer Sammlung von Erzählungen von Beppe Fenoglio aus dem Jahr 1952. Sie vereint Geschichten der Zeit des Widerstands in Italien gegen Faschismus und deutsche Besatzung 1943-45 mit weiteren Prosatexten über die Jahre unmittelbar nach Kriegsende. Anti-heroische Episoden der Resistenza werden so durch Schilderung des Alltags und der Widersprüche der folgenden Friedensjahre ergänzt. Der Berliner Verlag Klaus Wagenbach hat sie jetzt in seiner Reihe „Klassiker und Wiederentdeckungen“ in einer ersten vollständigen Übersetzung zusammen mit einem gründlichen Nachwort und einem hilfreichen Glossar zum historischen Hintergrund herausgegeben.

Der Autor Beppe Fenoglio (1922 – 1963), der selbst am Partisanenkampf und an der kurzen Befreiung seiner Heimatstadt Alba als „Repubblica partigiana“ teilgenommen hatte, gilt heute trotz eines schmalen Oeuvres als einer der bedeutendsten literarischen Zeugen der italienischen Resistenza. Zu Lebzeiten erschienen neben dem vorliegenden Erzählungen zwei weitere Prosabände, die jedoch wegen ihrer wenig verherrlichenden, manchmal ironischen, aber immer einfühlsamen Schilderung des antifaschistischen Widerstands auf Kritik des gesellschaftlichen Umfelds stießen. Das war noch nicht bereit, sich offen und selbstkritisch mit den Widersprüchen einer Zeit des Bürgerkriegs auseinanderzusetzen. Erst posthum veröffentlichte, teils unvollendete Romane wie „Eine Privatsache“ (siehe hier auf Cluverius) oder „Il partigiano Johnny“ fanden eine breitere Anerkennung.

Zwischen Epos und Prosa

Die deutsche Übersetzung der Erzählungen in „Die 23 Tage der Stadt Alba“ fußt auf einer Gruppenarbeit, die aus Seminaren und Workshops verschiedener Universitäten (Jena, Kiel, Marburg und St. Gallen) hervorgegangen ist. So ist einerseits eine wissenschaftlich fundierte Übersetzung entstanden, die Fenoglios großartige Verwebung von Umgangs- und Hochsprache aufgreift. Zugleich wird sie dem hohen literarischen Anspruch des Autors auch im Deutschen gerecht. Sie hat Klang und ist eine Übersetzung auf sprachlich höchstem Niveau. Sie greift dabei auch den Unterschied der Tonlagen zwischen der episch antirhetorischen Spannungen der Erzählungen aus dem Widerstand und den prosaisch desillusionierten der Nachkriegszeit heraus. Ob Fenoglio aber so das „Epos des bewaffneten Widerstands wie einen modernen Kampf um Troja für immer im kollektiven literarischen Gedächtnis“ festschreiben wollte, wie es im Nachwort des Übersetzerkollektivs heißt, klingt vielleicht ein bisschen zu pathetisch.

Wie wichtig seine Texte heute noch sind, zeigen Debatten in der italienischen Öffentlichkeit aktuell im Umfeld zum 25. April, dem Feiertag zur Befreiung von Faschismus und deutscher Besatzung auch in diesem Jahr 2026. Auf der einen Seite wird mit Hinweis auf die Vielschichtigkeit des Widerstands von Kommunisten bis zu Monarchisten, von Klerikalen bis zu Militaristen immer betont, das sei ein gemeinsames Fest der Italiener. Dagegen unterstreichen Historiker wie Giovanni De Luna mit Verweis auf diejenigen, deren Zurückschauen mit der Geschichte der Repubblica di Salò verbunden bleibt, dass der 25. April nie ein Fest aller Italiener gewesen sei. De Luna erinnert an den großen Resistenza-Forscher Claudio Pavone, der im Widerstand mindestens „drei Kriege“ unterschied: den Bürgerkrieg zwischen faschistischen und antifaschistischen Italienern, den national-patriotischen Krieg gegen den deutschen Besatzer sowie den der „Klassen“ zwischen Arbeiterschaft und Eigentümern von Kapital. Darüber hinaus aber gab es die breite Grauzone derjenigen, die den Kopf in den Sand steckten in der Hoffnung, dass „passasse la nottata“, dass irgendwann die Nacht vorbeigehen würde.

Gegen Krieg und für Frieden

Der einflussreiche Journalist Aldo Cazzullo (Corriere della Sera) vertritt die These, dass „wir Antifaschisten den Krieg der Erinnerung verloren haben“. Nicht weil die Italiener heute Faschisten seien, sondern weil viele Italiener – „und ich fürchte die Mehrheit“ – kein negatives Bild vom Faschismus haben. Zudem werde die Resistenza als „eine Sache der Linken“ angesehen, während inzwischen sogar die Regierung von „Anti-Antifaschisten“ gebildet werde. Deshalb, so der Soziologe (und Sohn eines Widerstandskämpfers) Marco Revelli in La Stampa, komme es darauf an, die moralische Bedeutung der Resistenza zu unterstreichen, von jeder Mythisierung und Widerstandsrhetorik Abstand zu nehmen und nicht zu vergessen, dass die Resistenza zwar auch ein militärischer Kampf war, aber vor allem ein Kampf gegen Krieg und für Frieden. Das sind genau die Aspekte, die auf die eine oder andere Weise die Texte von Beppe Fenoglio auszeichnen, ihren Reichtum und ihre Bedeutung für aktuelle gesellschaftliche Diskussionen ausmachen.

Hoffnung macht, dass heute viele Jugendliche die Arbeiten von Beppe Fenoglio für sich entdecken. Worauf etwa auch Margherita, die Tochter des Schriftstellers, gerade in einem Interview mit La Stampa hinweist. Denn seine Werke hätten „weder Zeit noch Ort“, und es gäbe immer wieder Räume, in denen man gegen Armut und für Freiheit kämpfe. „Die Themen sind universal: Krieg und Frieden, Verlangen, das eigene Schicksal in die Hände zu nehmen.“ So schmücken besonders junge Menschen das Grab von Beppe Fenoglio in Alba mit frischen Blumen und hinterlassen kleine Botschaften.

Beppe Fenoglio: Die 23 Tage der Stadt Alba. Erzählungen. Herausgegeben und aus dem Italienischen von Edoardo Costadura, Charlotte Eggers, Marco Menicacci, Olaf Müller, Simone Rude, Sandra Stuwe. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin (2026). 192 Seiten, 24 Euro

Auf Cluverius siehe auch die Rezension „Durch Nacht und Nebel“ über den Roman „Eine Privatsache“ von Beppe Fenoglio (Wagenbach 2022)