AUFERSTANDEN AUS RUINEN


Biennale (2): Der Deutsche Pavillon unter ostdeutscher Perspektive – spielerisch und bedrückend zugleich

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Neue Haut aus alte Steinen: Der Deutsche Pavillon im ostdeutschen Gewand

Venedig – Der erste Blick irritiert. Der Deutsche Pavillon der Biennale 2026 zeigt sich namenlos ohne den gewohnten Schriftzug „Germania“ und in anderem Gewand. Das Gebäude – 1909 als Bayrischer Pavillon errichtet und ab 1912 als Deutscher genutzt – war 1938 von den Nationalsozialisten im monumentalen Stil umgebaut worden. Seitdem ihn die Bundesrepublik betreibt, hat es etwa mit dem aufgebrochenen Fußboden des Konzeptkünstlers Hans Haacke 1993 unterschiedliche Versuche gegeben, sich mit der Ästhetik der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Jetzt tritt er uns identitätslos und in einer schmutzig verwaschenen Haut aus rund drei Millionen Mosaiksteinen gegenüber. Die wurde der Fassade eines von Abriss bedrohten Ostberliner Plattenbaus samt aufgesprayten Graffitis nachgebildet. Aus dem Deutschen ist ein Ostdeutscher Pavillon geworden.

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Wie eine Wunderkammer: Detail aus Henrike Naumanns Wandinstallation, die sie als „archäologische Vorgeschichte der Gegenwart“ versteht

Und das nicht nur von außen. Für die Ausstellung unter dem Titel „Ruin“ hat die Thüringer Kuratorin Kathleen Reinhardt im Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen zwei Künstlerinnen berufen, die eine enge Beziehung zur Geschichte der DDR und den Umbrüchen nach der Vereinigung der beiden deutschen Republiken haben: Die 1984 im sächsischen Zwickau geborene Henrike Naumann, deren Tod kurz vor der Eröffnung der Biennale eine tiefe Wunde hinterlässt, und die in 1987 in Vietnam geborene Sung Tieu, die Anfang der 1990-Jahre nach Berlin kam. Ihr Vater hatte als Vertragsarbeiter in der DDR in einem Wohnkomplex für Fremdarbeiter in der Ostberliner Gehrenseestraße gelebt, dessen nachgebildete Fassadenmosaike jetzt den Deutschen Pavillon ummanteln.

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Gepolsterte und möblierte Interpretation von Henrike Naumann einer Arbeit ihres Großvaters Karl Heinz Jacob. Der ostdeutsche Künstler hatte 1960/61 im damaligen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) ein Wandgemälde mit dem Titel „Die Mechanisierung der Landwirtschaft“ entworfen

Henrike Naumann hatte sich einen Namen durch Installationen, Filme und Aktionen gemacht, in denen sie sich soziopolitisch mit Design und Einrichtungsgegenständen der Nachwendezeit sowie mit rechter Subkultur auseinandersetzte. Im Hauptraum des Pavillons werden jetzt spielerische wie bedrückende Arbeiten von ihr gezeigt. Zwei „eiserne“ Vorhänge aus Kettenhemden oder ein lang gezogenes Metallrelief eines Wohnzimmers im postmodernen „New German Designs“ der 1980er-Jahre. Gegenüber sieht man die gepolsterte und möblierte Interpretation eines sozialistisch-realistischen Wandgemäldes nach Motiven ihres Großvaters, des DDR-Künstlers Karl Heinz Jakob. Die Eingangswand prägt eine Art „Wunderkammer“, ein Ensemble aus dem ostdeutschen Alltag mit Erinnerungsstücken an KPD-Führer, Gasmasken oder Schnitzarbeiten – eine „archäologische Vorgeschichte der Gegenwart“. Und unter der Decke verläuft ein Fries halbierter Stühle, die die deutsche Designgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts nacherzählen. Wobei die Wandfarbe des Raumes durchgehend in einem Grünton gehalten ist, wie er in den sowjetischen Kasernen der DDR vorherrschend war.

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Aktion der Tanzgruppe „Danza Verticale“ mit dem Titel „Trümmerfrauen“

Noch vor ihrem Tod hatte Henrike Naumann eine Zusammenarbeit mit der venezianischen Tanzgruppe „Il Posto – Danza Verticale“ in den Weg geleitet, die jetzt an bestimmten Tagen eine artistische Performance mit dem Titel „Trümmerfrau“ inszenieren.

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Biographisch kalibriert: Aluminiumstange von Sung Tieu. Die Einbuchtungen entsprechen den Umfängen des Halses und der Handgelenke der Künstlerin

In den Nebenräumen, die Sung Tieu eher konzeptionell bespielt, stößt man auf Aluminiumstangen, die durch Ausformungen nach ihren Körpermaßen oder denen ihrer Mutter strukturiert sind. Oder man sieht sich einer Invasion von 800 Marienkäfern gegenüber. Was mit Käfern so dekorativ wie abstoßend wirken kann, spielt die merkwürdige Grundstimmung dieser gelungenen Ausstellung wider. Die DDR, einst auferstanden aus Ruinen, hat uns privat wie öffentlich Material hinterlassen, das heiter wie warnend ganz Deutschland durchsetzt.

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Tieus Marienkäfer zwischen Dekoration und Plage.

Ruin. Deutscher Beitrag zur Kunstbiennale Venedig 2026. Katalog (Distanz Verlag) 30 Euro. 

Der Text ist in leicht gekürzter Form auch in der Stuttgarter Zeitung (23.5.) erschienen

Auf Cluverius: hier zur Hauptausstellung der Biennale und hier zu den Debatten vor der Eröffnung