Biennale (1): Die 61. Internationale Kunstbiennale Venedig setzt auf leise Töne und spiegelt in ihrer Hauptausstellung vor allem die Vielfalt des Globalen Südens, während die Länderpavillons auf der Suche nach einer eigenen Rolle sind

Mensch und Natur: Der US-Amerikaner Nick Cave prägt die Hauptausstellung mit sieben Skulpturen (Bronze/ diverse Materialien), die verschiedene Phasen einer Trauerarbeit symbolisieren – hier seine Arbeit am Hafenbecken des Arsenal
Venedig – Der Trubel im Vorfeld der 61. Kunstbiennale hat sich gelegt. Abgesehen von verstärkten Sicherheitsmaßnahmen etwa vor dem Pavillon Israels oder vor dem geschlossenen Russlands mit einem kuriosen Monitorprogramm davor (siehe hier auf Cluverius) pflegt die internationale Kunst und Kultur ihren Auftritt. Sie tut das nach dem diesjährigen Motto der Biennale „In Minor Keys“, in leiseren „Moll-Tönen“. So wie es sich die Kuratorin Koyo Kouoh (Kamerun/Schweiz) gewünscht hatte, die im Mai vergangenen Jahres im Alter von 57 Jahren unerwartet verstarb. Ein noch von ihr eingesetztes Mitarbeiterteam konnte zwar ihre Vorbereitungen konzeptionell erfolgreich zu Ende bringen, doch begann diese Biennale mit einem Hauch von Trauer.
Koyo Kouohs Hauptausstellung im zentralen Pavillon der Giardini und den historischen Werftanlagen des Arsenals versucht bei Verzicht auf eine thematische Struktur nach ihren Worten „Räume des Zuhörens“ und des künstlerischen Erlebens zu schaffen. Es ist ein Treffen von 110 Beteiligten: Künstlerinnen, Künstler, Kollektive und Schulen vornehmlich des globalen Südens, denen bis auf wenige Ausnahmen (noch) nicht den Sprung in die führenden westlichen Kunstsammlungen gelungen ist und die einem breiten Publikum eher unbekannt sind. Es geht um ökologischen Fragen, kulturellen Identitäten und soziale Auseinandersetzungen. Traditionelle Materialien und Techniken etwa Wolle und Weben spiele eine Rolle. Wobei westlich konnotierte Begriffe wie Kunsthandwerk oder gar Kitsch ins Leere greifen.

Einer der zentralen Räume der Hauptausstellung in den Giardini. In der Mitte der Halbrund mit dem „Rat für den Geist der Mutter“
In einem der Haupträume des zentralen Pavillons bilden Arbeiten aus dem Kamerun, Kuba, Porto Rico, dem Senegal und der USA ein Zusammentreffen. Man sieht sich einer Versammlung von Tieren aus Keramik gegenüber, die im Halbrund nach einem sakralen und ökologischen Konzept vieler indigener Gruppen einen „Rat für den Geist der Mutter“ bilden. Der „Rat“ wird flankiert mit einer Installation von zwei Figuren, Wächter oder Pilger aus Abfallmaterial. Gegenüber eine Art Lagerstatt aus Gebrauchsgegenständen, Symbolen und Lebensmitteln. Neben anderen Werken lassen 8 schmale hochaufgerichtete Gemäldetafeln mit einer Klanginstallation unterlegt eine „Anatomie des Magnolienbaums“ entstehen. Aus dem florealen Umfeld dieser Tafeln treten Abbildungen von Toni Morrison und Koyo Kouoh hervor. Morrison, die erste farbige Frau, die den Literaturnobelpreis erhielt (1993), war für die Kuratorin ein prägender literarischer Bezugspunkt.

Der Südafrikaner Johannes Phokela setzt sich mit dem Christentum des Westens auseinander („Inner Circle, 2021)
Zu den bekannteren Künstlern gehört der Südafrikaner Johannes Phokela, der etwa in einer blau-weißen Interpretation Michelangelos allein eine schwarze Frau das Jüngste Gericht überleben lässt. Die Jamaikanerin Ebony G. Patterson, die in den USA lebt und unterrichtet, richtet eine hohe Installation unter dem Titel „… fester…“ („gären“ oder „verfaulen“) auf, die sich auf der einen Seite mit roten, kraftlos nach unten weisenden Händen aus Vinyl wie ein Körper bläht und auf der anderen Seite mit Stoffbahnen u.a. aus Jacquard-Gewebe und Spitzen behängt ist Der US-Amerikaner Nick Cave liefert eine ganze Serie von großformatigen Skulpturen zumeist aus Bronze, bei denen der menschliche Körper mit pflanzlichen Elementen zusammen wächst – spektakulär im Freien am Ufer des Arsenals. Nationalitäten überlagern sich in dem Nigerianer Akinbode Akinbiyi, der in England geboren wurde und in Berlin lebt. Mit seinen Fotografien dokumentiert er Straßenhändler in Städten wie Dakar.
Carsten Höller ist (u. a. mit einer Pilzskulptur) der einzige deutsche Vertreter in der Hauptausstellung. Überhaupt kommen wenige Künstlerinnen und Künstler aus Europa zu Wort. Und wenn, entsprechen sie mit ihren Arbeiten der Suche nach leisen Tönen. In den Länderpavillons geht es hier und da lauter zu. Etwa bei Florentina Holzinger, die für Österreich mit aufgeregter Aktionskunst Mensch-Natur-Beziehungen thematisiert, was ihr zur Eröffnung eine besondere Aufmerksamkeit der Medien einbrachte. 100 Nationen sind in diesem Jahr vertreten, fast die Hälfte (darunter der Vatikan, Portugal oder Island) hat keinen Ausstellungsplatz in den Giardini oder im Arsenale, sie liegen verstreut im Stadtgebiet Venedigs. Russland, dessen Teilnahme zu einem Zerwürfnis zwischen dem Präsidenten der Biennale und der italienischen Regierung geführt hat, ist nach Jahren der Abstinenz wieder halb dabei: Der Pavillon bleibt geschlossen, aber davor laufen auf Monitoren Videos mit einem Musikprogramm, das bei der Preview vor der offiziellen Eröffnung der Biennale im da noch offenen Pavillon aufgenommen wurde.

Zwischen Malerei und Keramik: Die Palestinenserin Vera Tamari aus Ramallah mit „Tale of Tree“ (2002)
Eigentlich ist die Struktur der Biennale heute ein Widerspruch in sich. Ursprünglich in der Tradition der Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts gegründet, bei dem jedes Land wie bei einer Leistungsschau sein Bestes repräsentierte, stand die Kunst in Zusammenhang mit Politik, Diplomatie und Propaganda. Letztere prägte besonders in den 1930-Jahren die Veranstaltung. Noch heute tut sich etwa Deutschland schwer mit der Architektur seines Pavillons aus der Nazizeit (siehe auf Cluverius hier). Und die aktuelle Debatte um die Teilnahme Russlands oder Israels dreht sich um solche Fragen. Erst spät (ab 1980) wurde eine von der jeweiligen Leitung der Biennale kuratierte Hauptausstellung eingerichtet, die neben den einzelnen Länderbeiträgen die Höhepunkte der weltweiten Entwicklung – und das war zumeist die des Westens – zeigen sollte. Das hat sich in den letzten Jahren schrittweise verändert und Koyo Kouoh hat „In Minor Keys“ hat endgültig Abschied von einer enzyklopädischen Schau genommen und sucht nach Beziehungen, Erinnerungen, Kulturen.
Und die Länderpavillons? Wen oder was repräsentieren heute die Künstlerinnen und Künstler, die in ihnen auftreten? Im besten Fall vertreten sie ihr Land nicht mehr, sondern stellen Fragen an es. Brasilien setzt sich mit kolonialen Wunden auseinander, Dänemark mit Pornografie, Spanien mit dem Verschwinden von Vergangenheit und Marokko mit Märchen. Aktionskunst prägt die Vertretungen der Niederlande oder Japans. Beziehungslos bleibt der unbedarfte Auftritt der USA mit nichtssagenden Skulpturen. Israel entzieht sich poetisch der Aktualität. Wohingegen Poesie im Senegal kollektive Erinnerung auslöst. Nach dem Rücktritt einer internationalen Jury soll jetzt das Publikum entscheiden, wer mit einem goldenen Löwen ausgezeichnet wird.

Eine der vielen ökologischen Installationen in den Giardini – hier „Still Life“ (2026) von Linda Goode Bryant (USA)

Schautafel eines Archivs zur Geschichte der Rezeption von Hildegard von Bingen eingerichtet u.a. noch von Alexander Kluge im Pavillon des Heiligen Stuhls
Vielleicht bietet der doppelte Auftritt des Kirchenstaates unter dem Titel „Das Ohr ist das Auge der Seele“ einen überzeugenden Weg den Moll-Tönen der Hauptausstellung wie dem eigenen kulturellen Herkommen gerecht zu werden. In den wiedereröffneten, gleichsam versteckt liegenden „mystischen“ Klostergärten der Karmeliter (Giardino Mistico dei Carmelitani Scalzi) hinter dem Bahnhof taucht man über Kopfhörer in eine Klanglandschaft von zeitgenössischen Künstlern und Naturgeräuschen ein. Während in der Werkstatt der gerade renovierten Kirche Santa Maria Ausiliatrice unweit des Arsenales ein u.a. noch von Alexander Kluge eingerichtetes Archiv zur Geschichte der Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen besichtigt werden kann. Ein Ambiente mit Texten, Bildern verschiedener Jahrhunderte von Themen zur Religion, Ethik, Medizin, Kosmologie und Musik bis zu einem Video mit Kompositionen von Luigi Nono. Auch das ein Raum zum Zuhören und zum künstlerischen Erleben.
NACHTRAG (5.6.) Über 70 der auf der Biennale vertretenen Künstlerinnen und Künstler haben sie gegen die Verleihung eines Goldenen Löwen nach Abstimmung durch das Publikum ausgesprochen.
Biennale Arte 2026 „In Minor Keys” Venedig (Giardini, Arsenale, Forte Marghera) bis 22. November tgl. außer Mo (Ausnahme: 1.6., 7.9.,16.11.), 11-19 Uhr (bis 27.9., danach 10-18 Uhr); Eintritt 30 Euro (20 Euro Over 65, 16 Euro Under 26); Katalog bzw. Kurzführer (italienisch od. englisch) 90 bzw. 25 Euro
In kürzerer Form ist der Text auch in der Stuttgarter Zeitung (23.5.) erschienen
Auf Cluverius: Siehe hier der Deutsche Pavillon und hier zu den Debatten vor der Eröffnung




