Der Suffizienz-Gedanke und seine innovative Rolle in der Stadt- und Landschaftsplanung. Ein Gastbeitrag von Andreas Kipar(*)

Stichworte für eine nachhaltige Stadtentwicklung: Wartung, Umbau, Rückbau, Schaffung von Freiräumen (Mailand Parco BAM)
Mailand – Der Suffizienz-Gedanke, die Frage nach Maßhalten, nach Nutzung des Bestehenden, ist letztendlich eine Frage des Lebensstils, der Haltung. Das gilt für den Einzelnen, der seinem Leben im Alltag Sinn vermitteln möchte und bereit ist, privaten Verbrauch zugunsten des allgemeinen Wohlstands zu reduzieren. Das gilt für Unternehmen und Verbände, die Gewinnstreben mit dem Erhalt von Ressourcen abwägen. Und das gilt für Politik und Verwaltung, um den Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden und langfristig die Basis für eine bessere, eine nachhaltige Zukunft zu legen, statt kurzfristig in einen Wettbewerb um Wählergunst einzutreten. Die Frage, was brauchen wir wirklich, ist nicht zu trennen von den Fragen, wie wollen wir leben und was wollen wir sein. In diesen ethischen Zusammenhängen bewegt sich Städte- und Landschaftsplanung.

Böden entsiegeln, Biodiversität steigern, Treffepunkte schaffen: Die Verwandlung des ehemaligen Alfa Romeo Werksgelände in einen Park (Mailand Portello)
Ausgangspunkt ist die schlichte Feststellung, dass die Bauwirtschaft zu den größten Umweltsündern der Gegenwart gehört. Im vergangenen Jahrhundert hat eine ungeahnte Bauwut gleichsam zu einer Neuerrichtung unserer Städte bei Zerstörung des Bestandes geführt. Die urbane Ausweitung in den ländlichen Raum legitimierte die Ausbeutung des Bodens und seiner Versiegelung durch Wohnflächen, Fabriken, Infrastrukturen und die Begünstigung von individueller Mobilität auf Straßen und Autobahnen. Durch die wissenschaftliche Forschung angestoßen und von den Auswirkungen der Klimakrise unterstützt, ist eine kritische Bewertung dieser Entwicklungen in Gang gekommen.
Radikales Umdenken
Der Umgang mit Land, Wasser, Energie führt immer mehr zu einer Neubewertung der Rolle von Natur und Naturverträglichkeit. Der Druck auf unsere gemeinsamen Ressourcen ist nicht länger abstrakt, sondern prägt Politik, geriert Konflikte und bestimmt das Alltagsleben. Weitsichtig konstatierte der Kultur- und Sozialwissenschaftler Wolfgang Sachs vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie bereits Mitte der 1990er-Jahre: „Einer naturverträglichen Gesellschaft kann man in der Tat nur auf zwei Beinen näherkommen: durch eine intelligente Rationalisierung der Mittel wie durch eine kluge Beschränkung der Ziele.“ Sachs forderte nichts weniger als eine „Suffizienzrevolution“. Ein radikales Umdenken vom „Immer-mehr“ zum „Weniger“, vom Maßlosen zum Maßhalten, vom Zerstören zum Erhalten, das inzwischen weite Bereiche der Stadtplanung und Landschaftsarchitektur erreicht hat (– oder zumindest erreicht haben sollte).
Weniger ist mehr
Die aktive Rolle der Natur ist unumstritten. Über Kulturen und Kontinente hinweg reagiert die Natur auf menschliche Bedürfnisse in jeder Größenordnung. Sie kühlt unsere Städte, filtert unsere Luft und unser Wasser, produziert Nahrung und Energie und bietet Räume für Begegnung, Reflexion und Resilienz. Es ist die Natur, die bei der Suche nach dem, was wir wirklich brauchen, die elementare Hilfen bei der Entwicklung von Lebensqualität gibt. Sei es als Vermittler und Akteur in Architektur und Bauwirtschaft mit den bekannten Stichworten Wartung, Umbau, Rückbau, Schaffung von Freiräumen für Treffpunkte wie zur Erholung. Sei es als Grundlage bei dem Prozess Landschaften nicht nur zu erhalten, sondern produktiv zu kultivieren. Die vertrauten Stichworte hier: Renaturierung, Flächen sparen, Förderung naturpositiver Entwicklungen parallel zum Ausbau nachhaltiger Mobilitätskonzepte.
Im Gleichgewicht zwischen Kultur und Natur geht es um den Aufbau und die Nutzung multifunktionaler Ökosysteme, die in der Lage sind, ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nutzen zu „produzieren“.Stadt- und Landschaftsplanung eint ein Suffizienz-Denken, das zu mehr Lebensqualität führt. Weniger ist mehr, weniger ist gesünder.
Was wir also wirklich brauchen, sind Maßnahmen, die zur Erhöhung der ökologischen Leistungsfähigkeit der urbanen wie ruralen Systeme beitragen: klimatechnisch (Temperaturen mindern), wassertechnisch (Wasser auffangen, Böden entsiegeln) und naturmäßig (Steigerung Resilienz und Biodiversität) auf und an Gebäuden, auf und in Böden – das eine darf das andere nicht ausschließen, sondern muss sich ergänzen.
Gemeinwohl und Gemeinsinn
Dabei geht es darum, Menschen, die bislang der ökologischen Transformation unwissend, unbeteiligt bis sogar feindlich gegenüber stehen, auf diesem Weg mitzunehmen. Ebenso wichtig ist es, die „Entscheider“ in Politik und Verbänden unter Druck zu setzen, die gerade dabei sind, diese Themen in hintere Linie zu schieben. Dafür sind wir auf Bündnispartner in allen Lagern und ganz besonders in Wirtschaft und Zivilgesellschaft angewiesen.
Denn wenn wir etwa in Zukunft eine Flächenversiegelung netto null erreichen wollen, liegen die Mittel auf dem Tisch. Unter dem Motto „Break it up“ gehören zum Beispiel regionale Flächenbudgets dazu. Neue Versiegelung dürfte nur nach Ausgleich durch entsprechend große Entsiegelung möglich sein. Die Anwendung naturbasierter Lösungen würde zudem die urbane Entwicklung hin zu Freiräumen fördern. Doch eine Flächenversiegelung netto null, der Rückbau und das Aufbrechen von Böden neben konsequentem Umbau statt Neubau muss gesellschaftlich gewollt und politisch als Zielvorgabe vorgeschrieben werden.
Für uns heißt das, Landschaft als ein proaktives Passepartout zu verstehen. Ein Schlüssel, der vom Bauen zum Kultivieren führt, vom infrastrukturellen Denken zum Denken in Naturräumen. Weg vom Verschönern, hin zum pragmatischen Lenken, weg vom Neubau, hin zur Wiederverwendung natürlicher Elemente. So übernimmt Landschaft die Funktion einer positiven Moderationsplattform, um aufzuwerten, was da ist. Was wir brauchen, indem wir es gebrauchen. Weil es uns alle angeht.
Suffizienz-Denken orientiert sich am Gemeinwohl. Die Frage nach dem, was wir wirklich brauchen, ist letztlich ohne Gemeinsinn nicht zu beantworten.
Erstveröffentlichung des Textes im Newsletter KAP-Forum für Architektur & Stadtentwicklung 2026 Teil 1/5 „Weniger ist mehr“
(*) Andreas Kipar, Landschaftsarchitekt & Urbanist, Geschäftsführender Gesellschafter des Beratungs- und Planungsunternehmens LAND mit Niederlassungen in Mailand sowie in Düsseldorf, Lugano, Montreal, Riad und Wien
Auf Cluverius siehe u.a. den Beitrag von Andreas Kipar über Lebensqualität und Stadtentwicklung „Alte Verhältnisse aufbrechen“


