Vom Stummfilm bis zur KI: die kleine, aber konzentrierte Ausstellung „Puccini – Opera Meets New Media“ im Museum der Mailänder Scala
Mailand – Ein Komponist wie Giacomo Puccini (1858 – 1924) stand nicht nur musikalisch mit einem Bein im 19. und dem anderen im 20. Jahrhundert. Über seinen Arbeiten, die allerdings von Teilen der Musikkritik als eher konservativ beurteilt werden, erlebte er auch ganz modern den Umbruch des Musiktheaters und seine Industrialisierung durch neue Techniken und mediale Verbreitung. Eine im hundertsten Todesjahr des Komponisten von Bertelsmann und dem Archivio Storico Ricordi organisierte Ausstellung „Puccini – Opera Meets New Media“ ist im Museum der Mailänder Scala zu sehen. Sie versucht mit Objekten, Fotografien, Videos, Musikeinspielungen, Kostümen und Installationen die Beziehung von Puccini und seinem Verlagshaus Ricordi zu den im frühen 20. Jahrhundert aufkommenden Medien wie Kino oder Schallplatte ebenso zu untersuchen wie neue Methoden der Vermarktung.
Exponate und Installationen aus Beständen des Archivio Storico Ricordi, der umfangreichsten Musiksammlung Puccinis, beschreiben die Herausforderungen der neuen Medien jener Zeit in Bezug auf das Urheberrecht, den Aufbau der „Marke“ Puccini und die transatlantischen Reisen des Komponisten zur Promotion seiner Werke. Dazu gehören etwa verschiedene Formen des „Branding“ von Postkarten mit Szenen seiner Opern bis zu Schmucktellern. Man betritt einen akustischen Raum mit Arien von alten 78-er Schallplatten, mit denen Puccini den amerikanischen Kontinent über die Opernhäuser hinaus eroberte und die zugleich den Starkult von Interpreten von u. a. Enrico Caruso förderten. Die aus heutiger Sicht sich damals noch technisch mühsam entwickelnde Moderne bot etwa den Stumm(!)-Film auf, um die dramatische Handlung von Opern wir die Tosca unters Volk zu bringen. Was zugleich allen Puccini-Kritikern zum Trotz seine Modernität unterstreicht, indem er mit der Wahl „veristischer“ Libretti zeitgenössische Problematiken aufgriff, die sich sogar in Kino-Drehbücher umsetzen ließen.
„Puccini war ein sehr auf sein Image bedachter Künstler“, betont der wissenschaftliche Direktor des Ricordi Archivs, Gabriele Dotto, der die Ausstellung zusammen mit Christy Thomas Adams und Ellen Lockhart kuratiert hat. In einem Interview mit der Theaterzeitschrift der Scala (hier: La Scala, Rivista del Teatro 11/24) sagt er: „Seine Musik war dank der enormen kommerziellen und industriellen Möglichkeiten, dieses Repertoire einem breiten Publikum zu vermitteln, sehr populär geworden.“ Die kleine auf den Punkt gebrachte Ausstellung, die bereits im Frühjahr 2024 in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz gezeigt worden war, endet mit einer Überarbeitung von Original-Szenenentwürfen von Turandot, die durch generative KI in fotorealistische Bilder verwandelt werden und an Filmsets erinnern.
Dieses Experiment, so Pierluigi Ledda, Leiter des Archivio Storico Ricordi, würde die Bedeutung der Reaktivierung von Archivdokumenten in einer zeitgemäßen Form unterstreichen und die Grundthemen der Ausstellung wieder aufgreifen, nämlich „die Beziehung, die wir heute zu diesen neuen Technologien haben und wie Künstler sie als Werkzeuge nutzen können, um Ideen auf eine Weise zu entwickeln, die vielleicht schneller und effektiver ist, aber immer noch im Bereich des Menschlichen liegt.“
Apropos Turandot: Zu den Exponaten gehören bislang unveröffentlichten Skizzen für das Schlussduett von Turandot, die Puccini mit nach Brüssel genommen hatte, wohin er sich in der Hoffnung auf Heilung seiner Krankheit begeben hatte. Auch wenn sie keinen vollständigen Hinweis darauf geben können, was er für das Finale der Oper im Sinn hatte, bieten sie aber dennoch einen bewegenden Einblick in die letzten Äußerungen von Puccinis Kompositionsprozess. Für Kurator Gabriele Dotto sind sie einer der überraschendsten Inhalte der Ausstellung: „Sie wurden noch nie öffentlich gezeigt, was sie an sich schon zu etwas ganz Besonderem macht. Und sie fesseln auf mehreren Ebenen: Musikwissenschaftler werden von ihrer unergründlichen Komplexität fasziniert sein; Komponisten werden schmunzeln, wenn sie das scheinbare Chaos dieser ‚privaten Notizen‘ erkennen; aber alle Besucher werden von einem Blick auf diese letzten Spuren des Kompositionsprozesses eines großen Komponisten berührt sein“.
Zur konzentrierten, unter vielen Gesichtspunkten lohnenden Ausstellung ist eine von Bertelsmann herausgegebene Veröffentlichung (siehe hier) in Deutsch, Italienisch und Englisch erschienen.
Puccini – Opera Meets New Media. Museo Teatrale alla Scala, Mailand, bis 12. Januar 2025, tgl. 9.30-17.30 Uhr (geschl. am 7., 25. und 26. Dezember sowie am 1. Januar, am 24. und 31.12 9.30 – 15 Uhr; Eintritt 12 Euro (Info hier)




