DER AUTOR IM DIALOG


Pasolini 2: Der kritischen Intellektuelle im Meinungsaustausch mit der Leserschaft einer kommunistischen Zeitschrift. Eine Auswahl seiner Texte ist jetzt zum ersten Mal auf Deutsch bei Wagenbach erschienen

© Wagenbach
Unterschiedliche Stimmen: Pasolini im Gespräch – Ein Still aus dem Film „Comizi d’Amore“ (1964) als Titelfoto der deutschen Übersetzung

Mailand – In den frühen 1960er-Jahren führte Pier Paolo Pasolini (1922 – 1975) einen Dialog mit Leserinnen und Lesern in der politischen, PCI-nahen Wochenzeitung Vie Nuove.  In seiner Kolumne antwortete der Schriftsteller und Filmemacher, der sich in jenen Jahren zwischen Accatone und Uccellacci e uccellini besonders mit Kinoproduktionen beschäftigte, auf Fragen aus allen Teilen der italienischen Gesellschaft: von Arbeitern, Studenten, Lehrern, Bauern und Parteifunktionären. Unter dem Titel „Dialoge mit Pasolini“ ist jetzt zum ersten Mal auf Deutsch eine repräsentative Auswahl dieser Texte erschienen – Cornelia Wild hat sie im Wagenbach Verlag herausgegeben und der Übersetzer Fabien Vitali die Anmerkungen erstellt.

Eine zentrale Aussage lautet: „Ein Intellektueller darf sich nicht für überlegen halten, sondern muss lernen, in derselben Sprache zu sprechen wie der, dem er zugehört.“ In diesem Satz verdichtet sich Pasolinis demokratisches Ideal: die Aufhebung der Trennung zwischen Bildung und Leben, zwischen Theorie und Erfahrung. Er sucht den Dialog, um seine Leserschaft zu verstehen. Andererseits, so schreibt die Herausgeberin Cornelia Wild in einem Vorwort, verschaffte ihm die Kolumne auch eine Bühne für verschiedene Auftritte und Rollen. „Pasolini tritt als Lehrer auf, als Ratgeber, als Schriftsteller, als Kritiker, als Soziologe, als Freund. Mitfühlender Ton und strenge Zurechtweisung schließen sich nicht aus.“

„Eine neue empirische Welle“

Die Auswahl spiegelt kurz vor der Wegmarke „1968“ eine Zeit im Umbruch wider, die Pasolini als „eine neue empirische Welle“ empfindet und bietet so zugleich einen Zugang zu seinem Denken und Fühlen. Sie endet im Jahr 1965 (mitten „in der Krise des Marxismus“) mit einer Reflexion über den Schriftsteller als „Weggenossen und als Genossen überhaupt“. In den 1950er-Jahren, so Pasolini, galt der Schriftsteller „als eine Art Hüter des heiligen Feuers, und zwischen ihm und den Massen der lesenden Arbeiter bestand eine Bindung, die auf einer gemeinsamen menschlichen Hoffnung gründete. Aber heute existiert diese Bindung nicht mehr.“

Die Krise dieser Bindung prägt bis heute das intellektuelle Klima einer postmodernen Gesellschaft, in der menschliche Hoffnung mühsam nach Gemeinsamkeit sucht. Auch deshalb erweist sich für uns heute ein „Dialog“ mit Pasolini weiterhin wichtig und die Auseinandersetzung mit seinen Texten notwendig.

Dialoge mit Pasolini. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Cornelia Wild. Aus dem Italienischen von Fabien Vitali. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2025. 256 Seiten, 15 Euro

Siehe auf Cluverius den Gastbeitrag von Peter Kammerer über die Aufnahme von Pasolini im deutschsprachigen Raum: „Der Dichter als Freibeuter