DER TRAUM VON EINEM TURM


Hartwig Heine, Soziologe und Herausgeber des Internetblogs „Aus Sorge um Italien“ ist in Hannover gestorben. Zusammen mit seiner Frau Marcella hat er sich unermüdlich für ein weltoffenes, im besten Sinne ‚neues Italien’ eingesetzt – wie Carl Wilhelm Macke in seinem Gastbeitrag erinnert

© Cluverius

»Der von Hartwig Heine, seiner Frau Marcella und anderen Freunden aus Hannover 2009 unter dem Eindruck der Berlusconi-Politik gestartete Internet-Blog „Aus Sorge um Italien“ ist mir seit seinen ersten Ausgaben ein verlässlicher Führer, um mich in den dunkelsten Winkeln der italienischen Gegenwart nicht zu verlaufen.« – Pyramide von Mauro Staccioli auf Sizilien

Hannover/Ferrara – Don Camillo, der ebenso fromme wie rauflustige  Dorfpfarrer und Peppone, der etwas tollpatschige, aber machtbewusste Provinzkommunist,  gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr. Sie existieren nur noch als Hauptdarsteller in nostalgischen Filmwiederholungen. Mein Italienbild haben die beiden für viele Jahre tief geprägt. In meiner Kindheit im katholischen Oldenburger Münsterland war Italien immer nur präsent durch Don Camillo, Peppone und den Papst im Vatikan. Und dann gab es da noch eine italienische Eisdiele „Rizzardini“, in der wir uns nach der Schule und nach der Tanzstunde trafen. In der Jukebox wählten wir in Dauerschleife die Schlager von  Bobby Solo, Rita Pavone, Adriano Celentano, Peppino di Capri oder auch Connie Francis. Die war zwar keine Italienerin, aber sich in ihren unglaublich kitschigen Liedern immer so präsentierte, als sei sie unter der Sonne Neapels geboren. Egal, für mich und viele meiner Freunde war das alles ‚Bella Italia‘, Pizza und Gelato.

Später, in den Jahren des Studiums und der ausklingenden linken Studentenbewegung, kamen dann aber andere Namen, andere Bilder, andere Filme, andere Sehnsüchte hinzu. „La classe operaia va in Paradiso“ (was für ein Titel …) oder „1900“,Bernardo Bertoluccis Monumentalopus über die Landarbeiterkämpfe in der Emilia-Romagna oder Bücher und schwer verständliche soziologische  Texte über die Kämpfe der ‚Massenarbeiter‘ an den Fließbändern von FIAT in Turin. Mein Italien-Bild hatte sich dadurch zwar über die provinziell-katholische Sichtweise hinaus erweitert, aber es blieb weiterhin eingerahmt und klischeehaft, dieses Mal in ein von permanenten Großdemos, ‚Lotta Continua’, befreiten ‚Irrenhäusern’ und anarchischen Radiostationen klassenkämpferisch gezeichnetes Italien kurz vor dem Eintritt ins Paradies.

Ein Führer durch dunkle Winkel

Heute sind die alten politischen Kirchtürme einer alles beherrschenden ‚Democrazia Cristiana’ und einer dem Klassenkampf verpflichtenden kommunistischen Kultur längst zerfallen. Es ist schwer geworden, sich heute in dem post-katholischen und post-kommunistischen Italien zu orientieren. Da ist man als vielfach desillusionierter, aber vielleicht auch befreiend ernüchterter Intellektueller auf das Wissen von anderen, Italien durch Herkunft, Sprach- und Landkenntnis besser vertrauten Menschen und ‚Experten’ angewiesen, um sich im Alltag und in der Politik einigermaßen zurechtzufinden.

Der 2009 von Hartwig Heine, seiner Frau Marcella und anderen Freunden aus Hannover unter dem Eindruck des ‚ Berlusconismus’ gestartete Internet-Blog „Aus Sorge um Italien“ ist mir seit seinen ersten Ausgaben ein verlässlicher Führer, um mich in den dunkelsten Winkeln der italienischen Gegenwart nicht rettungslos zu verlaufen.

Der italophile deutsche Soziologe Hartwig wie die seit Jahrzehnten in Deutschland lebende, aus Lenola südlich von Rom stammende Frau Marcella sorgen sich in ihren Kommentaren nicht um das Italien der Postkartenmotive und der Bella-Italia-Sehnsucht deutscher Touristen. Es geht ihnen vielmehr um ein Italien, dessen demokratischen, zivilen, republikanischen Traditionen wir in allen europäischen Ländern viel verdanken.

Anstand und Traditionen

Der Philosoph Norberto Bobbio, der Verfassungsjurist Piero Calamandrei (einer der Autoren der antifaschistischen italienischen Verfassung), der in Italien so beliebte Staatspräsident und Resistenza-Kämpfer Sandro Pertini, David Maria Sassoli, der ehemalige Präsident des italienischen Parlaments, seien hier nur stellvertretend für die ‚anständigen Leute’ genannt, an die Italo Calvino einmal  erinnert hat. „Wenn man es am wenigsten erwartet“ – schrieb er – „entdeckt man, dass Italien auch voll anständiger Leute ist“. Und wenn dieser Anstand und die ihn leitenden Traditionen zerstört werden – und leider gibt es dafür viele Anzeichen, weiß Gott nicht nur in Italien  – dann wird damit auch ein Traum von Europa in Scherben geschlagen, für den wir  bislang noch keine Alternativen sehen.

Mit ihren Beiträgen im Online-Blog „Aus Sorge um Italien“ kämpfen Hartwig und Marcella Heine unermüdlich, oft auch verzweifelt für ein anderes, weltoffeneres, im besten Sinne ‚neues Italien’ jenseits der alten politischen Kirchen, der Festungsgräben zwischen den verfeindeten linken Lagern und in der letzten Zeit vor allem jenseits des extremen Populismus der ‚Lega Salvini‘ oder der opportunistisch ihre faschistische Tiefenprägung verleugnenden ‚Fratelli d’Italia‘. Sich in den unentwegten Scharmützeln, Kampagnen und TV-Streitereien  zurechtzufinden, ist nicht einfach. Da bedarf es schon Beobachtern und Kommentatoren wie Hartwig und Marcella Heine, um sich einigermaßen zu orientieren. Neben den extrem rechten Populisten, den Repräsentanten des ‚dunklen Staats’ und dubiosen Figuren der mafiosen Netze innerhalb und außerhalb der legalen Gesellschaft in Italien gibt es auch viele anständige, zivile, hilfsbereite und kluge Menschen, die die ‚Sorge um Italien’ teilen. Auch deshalb sind die Expertisen der ‚Heines aus Hannover’ so wichtig.

Ein Vers voller Verzweifelung

Hartwig und Marcella Heine sorgen sich sehr und immer mehr um Italien, aber so ganz haben sie ihr Vertrauen auf das ‚bessere Italien’ noch nicht aufgegeben. Pensammo una torre. Scavammo nella polvere.  Dieser Vers aus einem Gedicht des legendären kommunistischen Politikers Pietro Ingrao passt gut zu dem Internet-Blog „Aus Sorge um Italien“.  Ein Vers voller Verzweiflung über die vielleicht niemals zu erreichende Vollendung eines Turmes, eines demokratischen und zivilen und gerechten Gesellschaftsprojekts. Aber auch das Wissen darum, dass es einmal diesen Traum von einem Turm gab, von heute nur noch Ruinen und Staub existieren, war immer so etwas wie ein ‚Basso continuo‘  in den vielen Kommentaren des seit vielen Jahren fast wöchentlich publizierten Newslettern ‚Aus Sorge um Italien‘.

Jetzt ist Hartwig Heine  (geboren 1937) gestorben und damit, so die traurige Nachricht von Marcella Heine, wird es diesen so wichtigen und lehrreichen  Internet-Dienst ‚Aus Sorge um Italien‘ nicht mehr geben. Die Leserinnen und Leser ihrer Zusendungen müssen jetzt ohne die mit großer Verlässlichkeit jahrelang produzierten Beobachtungen über die italienische Gegenwartsgesellschaft – via Hannover –  versuchen, sich ein eigenes Urteil über die heutige gesellschaftliche und politische Realität in dem  ’Sehnsuchtsland der Deutschen’ zu bilden.

© private

Hartwig Heine 1937 – 2025

Grazie di tutto Hartwig e Marcella …

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