EIN GARTEN VOLL KRAUT UND UNKRAUT


Briefe aus der Quarantäne (11): Debatten um Europahilfen und Stichworte zur Lage der Nation von Paolo Rumiz, Adriano Sofri und Johann Gottfried Herder

© Cluverius

Italiener zeigen Flagge. Um Ärtzte und Pflegepersonal zu stützen – und um als Gemeinschaft zusammen zu rücken

Mailand (6. April) – Montag, der dreißigste Tag im Ausnahmezustand. Der Coronavirus greift Europa an. Die Repubblica veröffentlicht heute eine Umfrage, nach der nur noch 30 Prozent der Italiener Vertrauen in die EU hätten. Die Debatte um die ökonomischen Hilfen droht zu einem Religionskrieg um die sogenannten Eurobonds zu werden. Die reichen Deutschen, die arroganten Nordeuropäer gegen notleidende Italiener und ganz Südeuropa. Lässt der Norden den Süden im Stich?

Dass es auch in Deutschland andere Meinungen gibt, etwa den Brief von Intellektuellen „Europäische Corona-Bonds jetzt“, wird nur am Rande wahrgenommen (- vorbildlich zum Beispiel von der Internetzeitung Ferrara Italia). Allerdings mahnen auch in Italien Stimmen wie Lucrezia Reichlin heute im Corriere della Sera, dass es ein Fehler wäre, sich ausschließlich auf Forderung nach Eurobonds zu versteifen und andere, neue Varianten von Hilfsmaßnahmen von vornherein auszuschließen. Was verbirgt sich hinter diesen mit technischen Argumenten und starken Gefühlen geführten Debatten?

„All diese Nationalhymnen im Fernsehen und im Radio machen mich stumm.“ In seinem Corona-Tagebuch formuliert Paolo Rumiz Unbehagen angesichts eines Patriotismus, der vor dem Covid-19 flieht und in ein Kriegsgeschrei gegen „Feinde vor der Tür“ ausbricht oder keine Debatten darüber zulassen will, welche Stücke von Freiheit man aufgeben darf, um mehr Gesundheit zu haben. 800 Tausend Italiener seien nach Deutschland ausgewandert, die in Italien aus verschiedenen Gründen keine Zukunft mehr gesehen haben, und werden nördlich der Alpen gern gesehen. „Und ich weiß, wenn Deutschland diesen Dritten Weltkrieg siegreich übersteht, haben wir ihm dabei geholfen.“  (la Repubblica vom 5.6.)

Ein glücklicher europäischer Staatsbürger

Adriano Sofri erzählt in seinem bei Sellerio erschienen Buch „Il martire fascista“ („Der faschistische Märtyrer“) von den tragischen italienisch-slowenischen Konflikten, den Grenzverschiebungen, Verfolgungen, ethnischen „Säuberungen“ des 20. Jahrhunderts. Bei seinen Recherchen etwa an der innerstädtischen Grenze, die Gorizia von Nova Gorica  trennt, werden auch Erinnerungen an die eigene Kindheit wach – Sofri wurde 1942 in Triest geboren. Im Sommer hielt sich die Familie öfter im Dorf Platischis auf, „einem Weiler zwischen den Bergen, wo die Grenze vom Fluss Natisone gezogen wurde, jenseits liegt Caporetto/Kobarid.“

Vor ein paar Jahren hat er die Gegend mit einer Bekannten aus Udine wieder besucht. „Wir sind bis zum Natisone gekommen und ich bin jenseits und diesseits der Brücke gelaufen, wie jetzt auch in Nova Gorica. Keine Menschenseele war zu sehen, es gab nicht mal ein Grenzhäuschen: es war Ende März, Primeln, Schneeglöckchen, Krokusse, Amseln und Krähen, weiße Steine und durchsichtiges Wasser. Ein Schritt und ich war ausgewandert. Ein Schritt, und ich wanderte wieder ein. Es ist nicht leicht zu erklären, was es bedeutet, europäischer Staatsbürger zu sein. Ich war ein glücklicher europäischer Staatsbürger.“

Was ist Nation?

Wer weiß warum, zu meinen ungeordneten Leseabenteuern dieser Tage gehört auch ein Buch über „Romantik – Eine deutsche Affäre“ (von Rüdiger Safranski). Da habe ich die Spur von Johann Gottfried Herder und seinen „Briefen zur Förderung der Humanität“, geschrieben zwischen 1793 und 1797, aufnehmen können:

„Was ist Nation? Ein großer, ungejäteter Garten voll Kraut und Unkraut. Wer wollte sich dieses Sammelplatzes von Torheiten und Fehlern so wie von Vortrefflichkeiten und Tugenden  ohne Unterscheidung annehmen und gegen andre Nationen den Speer brechen? (…) Offenbar ist die Anlage der Natur, dass wie Ein Mensch, so auch Ein Geschlecht, also auch Ein Volk von und mit dem anderen lerne (…). So darf sich auch kein Volk Europas vom anderen abschließen, und töricht sagen: ‚bei mir allein, bei mir wohnt alle Weisheit’.“

Ein Garten voll Kraut und Unkraut – Italiens Kräuter, seine Kulturschätze kann man auf der Webseite des Kulturministeriums mit einer Virtualtour erkunden. Zum Beispiel im dritten Stock des archäologischen Museums von Cagliari die geheimnisvollen vorzeitlichen Statuen von Mont’e Prama.

Wird fortgesetzt