Biennale (1): »Intelligens. Natural. Artificial. Collective.« Die Architekturbiennale Venedig 2025 propagiert eine Baukultur, die sich der Klimakrise stellt und sich den radikal veränderten Umweltbedingungen anpasst. Mehr als 300 Projekte mit über 750 Teilnehmer bilden dabei einen Ausstellungsparcours am Rande der Überschaubarkeit

Lithic Chords / Corda Litica – auf einer 21 Meter langen Basis aus verschiedenen Steinresten ist ein Stahlseil gespannt, dessen Schwingungen den Stein zum Klingen bringen. Die Installation ist eine Zusammenarbeit zwischen der Architektin Cristina Morbi (Studio Maetherea), dem Bauingenieur Francesco Banchini und dem Klangkünstler Andrea Granitzio sowie mit der Fondazione Sciola und spiegelt mit ihrem interdisziplinären Ansatz die weit über die Architektur hinaus verweisende Ausrichtung der Biennale (London, Mailand, Cagliari)
Venedig (bis 23.11.25) – Wer auf der 19. Architekturbiennale Modelle, Pläne, Fotos von Bauwerken sucht, wird es nicht leicht haben. Denn es geht im Arsenale, im Ausstellungsbereich der historischen Werftanlagen der Lagunenstadt sowie in den Giardini mit den nationalen Pavillons weniger um die Darstellung von Architektur, sondern um die kritische Auseinandersetzung mit ihr. So trifft man hier auf aufgerissene Böden und die Wiedernutzung alter Materialien etwa in dänischen Pavillon. Dort auf eine Art Mobile mit Abfällen verschiedener Baustoffen oder auf ein in allen Katastrophenfällen einzusetzendes Notzelt aus extrem leichten Material in der Seilerei des Arsenals.
Die Bauwirtschaft, so konnte man in jüngsten Veröffentlichungen lesen, gehört zu den größten Umweltsündern der Gegenwart. Sie ist weltweit verantwortlich für rund 50 Prozent der Emissionen von klimaschädlichen Gasen, 60 Prozent des Ressourcenverbrauchs und 70 Prozent des Flächenverbrauchs. Derweil reagiert das Klima: Die Erde verzeichnet die heißesten Temperaturen, seitdem sie gemessen werden. Extremwetterlagen bedrohen Städte und Landschaften rund um den Globus. In wenigen Jahren hat sich der Klimawandel in einem bis lang ungeahnten Tempo beschleunigt.
Von der Abmilderung zur Anpassung
Lange habe die Architektur auf die Klimakrise mit Schadensbegrenzung reagiert, resümiert Carlo Ratti, der Kurator der diesjährigen Biennale, die Lage. Doch dieser Ansatz reiche nicht mehr aus: „Es ist an der Zeit, dass die Architektur von der Abmilderung zur Anpassung übergeht.“ So der 51-jährige Architekt und Städtebauer aus Turin, der in Paris und Cambridge studiert hat. „Wir müssen die Art und Weise, wie wir entwerfen, angesichts einer tiefgreifend veränderten Welt neu überdenken.“ Das genau ist das Thema einer interdisziplinäre Biennale, der Ratti den Titel „Intelligens. Natural. Artificial. Collective“ gegeben hat.
Der Begriff „Intelligens“ ist eine Wortschöpfung und enthält das lateinische Wort „gens“ („Menschen“). Er lädt uns ein, verschiedene Arten von Intelligenz – die natürliche, die künstliche, die kollektive – zu nutzen, um nach neuen Strategien für die gebaute Umwelt und Urbanistik zu suchen und zugleich Experten für die unterschiedliche Formen der Intelligenz zusammen zu bringen.

VAMO – Glockenförmige und leicht transportfähige Struktur der ETH Zürich und MIT MAD Massachusetts, die verschiedene Bio-Materialen (tierisch, pflanzlich, mineralisch) mit Wegwerf-Stoffen verbindet und so die Kreislaufwirtschaft fördern will.
Nach einem Open Call „Space for ideas“ im Frühling vergangenen Jahres versammeln sich nicht nur Architekturschaffende, sondern ebenso Vertreter und Vertreterinnen der Ingenieurwissenschaft, der Mathematik, der Klimakunde, der Philosophie, der Kunst, der Literatur, des Handwerks, der Landwirtschaft, des Designs und andere Disziplinen mehr auf der Hauptausstellung dieser Biennale. So stoßen wir auf einen langen Betonbalken, über den eine Metallstange gespannt ist, die einen klingenden Ton abgibt, wenn man neben ihr her geht. Oder wir können mit Wasserfahrrädern durch die Becken des Arsenales fahren – wasserbasierte Mobilität als Blaupause für die Verkehrswende?
Den verschiedenen Arten der Intelligenz nach hat Ratti seine Ausstellung in drei Sektionen organisiert. Es beginnt mit der natürlichen Intelligenz, wo u. a. diverse Formen von Biomaterialien präsentiert werden – zum Beispiel aus Muschelresten gewonnene Biokeramik. Aus von Fäkalien von Elefanten gewonnene robuste Steinringe können eine Folge von Spitzbögen formen, die einen Andachtsraum bilden. Diese „Elephant Chapel“ gehört sicher zu den meistfotografierten Objekten der Ausstellung und verdiente sich eine lobende Erwähnung der Preisjury.
In der zweiten Sektion der künstlichen Intelligenz wetteifern Roboter verschiedenster Anwendungen mit der KI-Nutzung zur Reihung von Sozialwohnungen und 3D-Druckern zur Formung von Penthouses. Die Sektion der sozialen Intelligenz erinnert dann an Protestformen etwa im Hambacher Forst, sammelt Briefe, Schriften, Gedicht über die Lebensverhältnisse in einem Flüchtlingscamp der Rohingya oder dokumentiert Aktionen der Initiative „HouseEurope“ gegen den Abriss von Gebäuden und für ihre Wiedernutzung.

Eine Biennale der Roboter – dieser hier als Gesprächspartner für KI-Lösungen: „Am I a strange Loop?“ (Takashi Ikegami / Luc Steels – Japan / Belgien)
Ein zusätzlicher vierter Teil unter dem Titel „Out“ thematisiert die Möglichkeit von Leben im Weltraum unter extremen Bedingungen für Menschen wie für Pflanzen – und zeigt zum Beispiel einen „Space Graden“. Wobei die Botschaft lautet: Futuristische Fluchten ins All sind eigentlich keine Alternative zum Leben hier und jetzt. Und wer dann noch nicht genug hat, kann sich im Außenbereich den Projekten des sogenannten „Living Lab“ widmen, unter denen sich auch der Gewinner des Goldenen Löwen für den besten Teilnehmer findet (Informationen hier). Und ein ausgegliederter Ausstellungsort liegt zudem im Forte Marghera von Mestre.

Umbau und Restaurierung einer entweihten venezianischen Kirche zu einem öffentlichen Musik- und Kulturzentrum – Länderbeitrag des Heiligen Stuhls zehn Jahre nach der Enzyklika „Laudato Sì“ von Papst Franziskus
Die 66 nationale Vertretungen in den Giardini, im Arsenale sowie in einigen Palazzi Venedigs bieten in ihrer meist monothematischem Ausrichtungen viele Anregungen. Im belgischen Pavillon wachsen Magnolien, Zimt- und Pfefferbäume und schaffen so in Gebäuden Pflanzenräume mit einem Mikroklima, das Sauerstoff, Luft und Kühlung bringt. Im türkischen Beitrag geht es um den Boden als Baustoff und kulturellen Nährboden der Architektur. Österreich schneidet den sozialen Wohnungsbau in Wien gegen Ruinenlandschaften in Rom – aber keine antiken Ruinen sind gemeint, sondern die der Industriearchäologie. Großbritannien denkt zusammen mit einem Team aus Kenia über die zerstörerischen Folgen der Kolonialisierung in Afrika (aber auch im Gazastreifen) nach und über die Werkzeuge, die Architektur beim Wiederaufbau bereitstellen kann. Die Ukraine reflektiert die Rolle des Daches als archaische Schutzeinrichtung und zugleich als erstes Ziel von Luftangriffen im Krieg. Russland ist wie zuletzt nicht auf der Biennale vertreten, ebenso wenig wie Israel. (Zum deutschen Beitrag hier aus Cluverius)
Die Ausstellungsdramaturgie
Zum ersten Mal präsentiert eine Biennale allein in ihrer Hauptausstellung insgesamt mehr als 300 Projekte von über 750 Teilnehmern – und diese Zahlen spielen auch das Problem der Ausstellungsdramaturgie wider. Sie droht sich in der Summierung viele Installationen, Präsentationen zu verlieren. Großformatige, teilweise spektakuläre Objekte füllen den breiten Mittelgang der Seilerei – beeindruckend etwa eine aus teils biologischen Materialien, teils aus wiederverwandten Stoffen glockenartig geformte Installation („Vamo“) eines Teams der ETH Zürich, das die Kreislaufwirtschaft thematisiert. Doch die überwiegende Zahl der Exponate wird auf lange Reihen einzelner Schautafeln an die Seitenwände verbannt.
Der Ansatz von Carlo Ratti, die Baukultur mit der Klimakrise zu konfrontieren und die Tradition des Architekten als alleinigen Schöpfer infrage zu stellen, ist ein wichtiges Signal. Besonders für eine Gesellschaft, die sich eher unwillig und teilweise rückwärtsgewandt dem Veränderungsdruck stellt. Dennoch drohen die schiere Fülle und die zusammenhangslose Reihung von einzelnen Problemen und Lösungsansätzen auf dieser Biennale die Besucher zu überwältigen.
Inhaltliche Fragen
Dazu kommen inhaltliche Fragen. Merkwürdig unterrepräsentiert bleibt die Auseinandersetzung mit den Städten, in denen heute bereits der größte Teil der Menschheit lebt, Tendenz steigend. Welche Chancen entwickeln sich hier aus der Stärkung des Quartiers? Die neue Rolle der unbebauten Räume, die auf gebaute Räume immer mehr auswirken, wird kaum reflektiert. Natur wird als ein biochemisches Problem wahrgenommen und nicht als Landschaft gerierende Kraft, die gerade in urbanen Zusammenhängen Klimaanpassungen favorisiert und Lebensqualität produziert.
Und dennoch gilt die Aussage von Carlo Ratti: „Im Zeitalter der Anpassung stellt die Architektur einen zentralen Knotenpunkt dar, der den Prozess optimistisch leiten muss.“
(Der Beitrag ist in leicht gekürzter Fassung erschienen in der Stuttgarter Zeitung 13.5.2015)
Informationen über Auszeichnungen, Öffnungszeiten etc der Biennale 2025 hier auf Cluverius
bzw biennale.org
Siehe auch auf Cluverius: Biennale (2): Stresstest im deutschen Pavillon



