UNGLÜCK ALS GESCHÄFT


Die italienische Gesundheitsfürsorge hat sich von einem Modell zu einem Problem entwickelt. Das belegen die Buchveröffentlichung „Codice Rosso“ (Fuori Scena) oder aktuelle wissenschaftliche Analysen (Censis/Italiadecide)

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Rückseite einer Mailänder Apotheke mit Geldautomat und Graffiti

Mailand – Das italienische Gesundheitssystem, das auf der öffentlichen medizinischen Versorgung durch den Servizio sanitario nazionale (Ssn) beruht, ist in eine Krise geraten. Nach der Einführung 1978 galt der Ssn als eines der besten Systeme zur Gesundheitsfürsorge in der westlichen Welt. Nun zeigt es Risse. Eine gemeinsame Untersuchung der Forschungsinstitute Censis und Italiadecide macht dafür die Kluft zwischen steigender Nachfrage bei zunehmender Alterung der Bevölkerung und einer Verringerung des Serviceangebots durch Mangel an medizinischem Personal und eine Unterfinanzierung des Ssn durch die öffentliche Hand verantwortlich. Das Sachbuch „Codice Rosso“ von Milena Gabanelli und Simona Ravizza, das sich seit Wochen in den die Bestsellerlisten hält, beklagt zudem, dass das öffentliche Gesundheitssystem ein Privatgeschäft geworden sei. (So gleich im Untertitel: „Come la sanità pubblica è diventata un affare privato.“)

Milena Gabanelli und Simona Ravizza, zwei Journalistinnen des Corriere della Sera, betreiben in der Mailänder Tageszeitung mit ihrer Rubrik „Dataroom“ regelmäßig Faktenchecks und liefern Dokumentationen zu unterschiedlichen Themen. Dabei greifen sie auch immer wieder Fragen der Gesundheitsvorsorge auf. Zuletzt Ende Februar etwa die neue Rolle der Apotheken, die (kostenpflichtig) Laboruntersuchungen anbieten, um lange Wartezeiten oder weite Wege bei öffentlichen (weitgehend kostenfreien) Einrichtungen zu umgehen. Wobei es, so die kritische Bilanz im „Dataroom“, keine Garantie regelmäßiger Kontrollen der Analysen durch Apotheken gibt und eine Untersuchung ihrer Ergebnisse starke Qualitätsschwankungen ausweist.

„Wenn der Hausarzt fehlt, hilft der Apotheker weiter.“

Auch in ihrem Buch „Codice Rosso“ (Fuori Scena / RCS) setzen sich die beiden Journalistinnen mit dem wachsenden Einfluss der Apotheken auseinander, bei denen man sich sofort (rezeptfreie) kostspielige Medikamente besorgen kann, wenn der Hausarzt weit ist oder man gerade keinen Termin beim Facharzt bekommen hat.

Eigentlich ist der italienische Ansatz vorbildlich: Das öffentliche und steuerfinanzierte Gesundheitssystem des Landes bietet eine weitgehend kostenlose medizinische Grundversorgung für die gesamte Bevölkerung. Einzelne Gesundheitsleistungen müssen allerdings von den Patienten über (geringe) Beteiligungszahlungen – das sogenannte Ticket – mitfinanziert werden. In Versorgung und Qualität gibt es regionale Unterschiede (ebenso wie zwischen Stadt und Land). Was zu einer Art „Gesundheitstourismus“ von den südlichen Regionen zu denen des Nordens (Lombardei, Venetien, Emilia-Romagna) geführt hat.

Die Rolle der Hausärzte

Ausgangspunkt des Systems ist der Hausarzt („medico di famiglia“), den sich jeder Italiener wählen muss. Die Ärzte arbeiten als Selbstständige meist in kleinen Einzelpraxen ohne größere Diagnostik-Einrichtungen und sind zuständig für die Grundversorgung. Sie überweisen ihre Patienten an Laboratorien oder zur Weiterbehandlung an Fachärzte. Aber es gibt nicht nur viel zu wenig Hausärzte im Servizio sanitario nazionale, es werden auch immer weniger. Pauschal werden sie über eine „Kopfsteuer“ nach Anzahl ihrer eingeschriebenen Patienten bezahlt – im Durchschnitt 1.300 gegenüber 1150 vor zehn Jahren. Eine Diskussion über eine mögliche Festanstellung der Hausärzte spaltet gerade Politik und Fachverbände.

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Oft  letzte tiste  Zuflucht: Notaufnahme eines öffentlichen Krankenhauses

Der nächste Knoten im System sind lange Wartezeiten für fachliche Untersuchungstermine, dazu kommen Qualitätsschwankungen. Der Druck auf den „Pronto soccorso“, die Notaufnahme der öffentlichen Krankenhäuser, hat folglich extrem zugenommen.  Die Notaufnahmen sind inzwischen total mit eher „Alltagsproblemen“ überlastet  – in 88 Prozent der Fälle kommt es zu keiner Aufnahme in die Kliniken – und werden außerdem mit zunehmender Aggression gegen das medizinische Personal konfrontiert. Was wiederum zu einer Flucht von Ärzten aus den Notaufnahmeeinrichtungen in Richtung Privatmedizin geführt hat – und zur Einrichtung von privaten Parallelsystemen von kooperativ verwalteten und kostenpflichtigen Medizinzentren (etwa die Gruppe „Santagostino“ etc).

Absurditäten und Ungleichgewichte

Die öffentliche Hand – für die medizinische Versorgung in Italien sind die Regionen zuständig – regiert zunehmend, indem sie privatmedizinische Einrichtungen nutzt, um die Versorgungslücken zu füllen. Einrichtungen, die sie mit Geldern finanziert, die dann den öffentlichen Einrichtungen fehlen. Das Buch „Codice Rosso“ untersucht so eine lange Folge von Mängeln des Systems, seine Absurditäten und Ungleichgewichte, die die öffentliche Gesundheitsversorgung zunehmend zugunsten privater, gewinnorientierter Gesundheitsinteressen verbiegen. Und nimmt auch kritisch die Fülle privater Krankenversicherungen unter die Lupe.

Die Studie von Censis und Italiadecide fordert deshalb eine stärkere Integration von Gesundheit und Pflege. Es bestehe, so Daniela Viglione, wissenschaftliche Leiterin von Italiadecide, nicht nur ein „mehr“ an Personal, Gehälter, Ressourcen im öffentlichen Bereich, sondern auch ein „weniger“ an Starrheit, Verschwendung, Doppelarbeit. Und Andrea Toma (Cencis) unterstreicht die Notwendigkeit, „gegen Phänomene der Armut, Marginalität und Not vorzugehen.“ Denn dem Einzelnen, so die bittere Erkenntnis der Autorinnen des „Codice Rosse“, bleibe oft nur die Wahl, sich gleich an das private System zu wenden. „Entweder zahlst du oder arrangierst dich.“ Aber, so ihre bittere Schlussfolgerung, welche Zukunft kann eine Gesellschaft haben, die das Unglück und die Sorgen des Einzelnen in ein Geschäft verwandelt?

Milena Gabanelli, Simona Ravizza: Codice Rosso. Come la sanità pubblica è diventata un affare privato. Fuori Scena/RCS Media Group, Milano 2024. 242 pp., 18 Euro