VOM BLAUEN MEER UMSCHLUNGEN


Reiseführer, Essay und Lesebuch zugleich – Dieter Richter hat mit „Die Insel Capri“ ein wundervolles Porträt der Perle im Golf von Neapel geschrieben

© Indigo Film/Pathé/Rai-Cinema

Naturparadies und Filmkulisse – wie hier für „Capri-Revolution“ von Mario Martone mit Marianna Fontana

Mailand/Capri – Insel für Einsiedler, Wunder der Welt oder wie bereits von Rilke beklagt als „Fremdencapri“ vom Tourismus überschwemmt? Capri, schreibt Dieter Richter sei heute „Ort und Un-Ort zugleich“. Es scheint als schwimme die Insel in einem Meer von „unterschiedlichen Sehnsüchten, Werbestrategien und Phantasien“. Das hat viele mit Geschichte und sehr viel mit touristischer Vermarktung zu tun. Aber eben auch mit der einzigartigen Lage im Golf von Neapel. Capri liegt vom blauen Meer umschlungen, auf das von unzähligen Aussichtspunkten immer wieder der Blick fällt. Im Inneren zeigt Capri verwirrend viele Gesichter. Denn, so Richter, es gebe keine Insel, „in die eine derartige Fülle historischer und kultureller Zeichen eingeschrieben ist.“

Der Literaturwissenschaftler und Süditalienkenner Dieter Richter folgt in seinem Buch Die Insel Capri (Wagenbach Verlag) der Faszination, die das Eiland seit dem 19. Jahrhundert auf Reisende der ganzen Welt ausgeübt hat. Besonders auf Künstler und Wissenschaftler, ebenso auf Aussteiger und Gesundheitsapostel, auf Politiker und Flüchtlinge. Alle zusammen haben sie Capri zu einem bedeutenden Ort „für die europäische Kultur- und Geistesgeschichte“ gemacht.

Eine kosmopolitische Insel

Die antiken Zeugen (die Villen des Tiberius), der Ruf als Gesundbrunnen, die Entdeckung der blauen Grotte, das waren gute Gründe, um nach Capri zu reisen und zeitweise zu bleiben. Ausländer, Briten, Amerikaner, Deutsche, bildeten hier eigene Kolonien und verwandelten es in eine kosmopolitische Insel. Richter geht ihren Spuren auf dem nichtkatholischen Friedhof der Fremden nach und beschreibt Treffpunkte wie das deutsche Café „Zum Kater Hiddigeigei“. Er erzählt von Alfred Krupp oder Axel Munthe, Walter Benjamin oder Marguerite Yourcenar, Monika Mann oder Lenin. Von Faschismus, Nationalsozialismus und Göring. Von den Kriegsjahren, aber auch von Deutschen, die vor Hitler nach Italien geflohen waren – und auf Capri landeten.

Alternative Lebensmodelle

Inseln sind „seit alters Projektionsflächen alternativer Lebensmodelle“. Capri wurde besonders um 1900 zu einem „Mekka männlicher Homosexueller“. Und zu einem Paradies für Naturjüngern wie dem Münchener Karl Wilhelm Diefenbach, der heute noch als „Kohlrabi-Apostel“ den Capresen ein Begriff ist. In dem vielschichtigen, streckenweise mitreißend erzähltem Buch, geht es natürlich auch um Einheimische. Die tiefe Antipathie zwischen den Einwohnern der beiden Orte Capri und Anacapri hat der Insel bis heute zwei Seelen beschert. Und der Tourismusboom der Gegenwart zeigt nicht nur urban verheerende Folgen, sondern ist Droge und Gift in eben diesen Seelen.

So ist dieses kleine Porträt der Insel Reiseführer wie eine mit viel Liebe zum Ort erzählte Humangeographie, nachdenklicher Essay wie kulturhistorisches Lesebuch. Wer heute nach Capri fährt, sollte es in der Tasche haben. Es ist auch ein Buch, sich an kalten Wintertagen in den Süden zu träumen. 

Dieter Richter: Die Insel Capri. Ein Portrait. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018. 221 Seiten, 14,90 Euro

Siehe auch auf Cluverius „Gestern… im Kino: Capri-Revoltion