WANDERUNGEN


Unterwegs zwischen den Jahren in „bald fröhlicher bald nachdenklicher Weise“. Zeit für Lektüre, für Rück- und Ausblicke, für verschreckte Blicke in die „Gesichter der Hausenden“ und für Hoffnungen auf die „Freiheit der Vernunft“

© Cluverius

Wie wandern in dieser Welt? Von klein auf unterwegs in die Zukunft

Mailand – Verlegte Zeitungsausschnitte tauchen auf, Bücher werden am Teetisch durchgeblättert. Gedanken entfalten sich, ohne gleich nach Umsetzung zu rufen, sie lassen sich breiter streuen, vergehen wieder. Erinnerungen an alte Texte werden wach. „Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen, denn als Wanderer.“ Friedrich Nietzsche in „Menschliches, Allzumenschliches“ war so ein Wanderer.  Man liest bei ihm (Band 1, Aphorismus 638), dass einer, der mit offenen Augen in der Welt unterwegs sei und dabei das Ganze im Blick habe, „sein Herz nicht allzu fest an alles Einzelne anhängen“ dürfe. Es müsse in ihm selber „etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe.“

Freude am Wechsel, ach, wäre es doch so. Dieses zu Ende gehende Jahr 2024 hat es allen, die mit Blick in die Zukunft Hoffnungen entwickeln, nicht leicht gemacht. In der Angst vor den Zumutungen der Moderne, verlieren viele Zeitgenossen ihren Mut, die notwendigen Transformationen mitzugestalten. Sie sehnen sich danach, dass alles so bleibt, wie es früher nie war. Was für eine verrückte, postfaktische Welt. In Politik und Gesellschaft schwingen Neinsager das Wort. Wirtschaftliche Fragen, schreckliche kriegerische Auseinandersetzungen verstellen den Blick auf den Umgang mit unserer natürlichen Umwelt. Die krisenhaften Folgen des Klimawandels – das vermehrte Auftreten von Überschwemmungen, Dürren, Hitzewellen, großflächigen Bränden, aber auch die Reduzierung der Artenvielfalt und das Ansteigen des Meeresspiegels – haben das Potenzial, unsere Gesellschaften in erheblichem Maß zu destabilisieren.

Ein radikaler Wechsel zum Biozentrismus

Wie wandern in dieser Welt? Der Philosoph und Psychologe Umberto Galimberti greift das Bild von Nietzsche auf und antwortet in seinem grundlegenden Werk „L’Etica del Viandante“ (Die Ethik des Wanderers): „Erforderlich ist ein radikaler Wechsel des Paradigmas, das bisher das Verhältnis des Menschen zur Natur bestimmt hat. Nämlich der Übergang vom Anthropozentrismus, der den Menschen als Spitze der Schöpfung und damit als Herrscher über die Natur ansieht, zum Biozentrismus (von bíos, einem griechischen Wort, das ‚Leben‘ bedeutet). Der Wanderer, der auf der Erde wandelt, ohne sie zu besitzen, weiß, dass das Leben zur Natur gehört, die vor dem Erscheinen des Menschen existierte und auch nach seinem Erscheinen weiter bestehen könnte.“

Deshalb sind Haltungen wie die des Soziologen Jens Beckert in seinem aktuellen Buch „Verkaufte Zukunft – Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ eigentlich unumstritten: „Der Klimawandel ist heute nicht mehr vornehmlich eine Herausforderung für die naturwissenschaftliche Forschung. Er ist auch nicht mehr primär eine technische Herausforderung.“ Eine ganze Reihe von Technologien zur Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen sind entwickelt und könnten klimaschädliche Technologien ersetzen. Es gibt hinreichendes Wissen zur Begründung und Durchführung weitreichender politischer Entscheidungen, veränderten Wirtschaftens und einschneidender Verhaltensänderungen. „Doch diesem Wissen folgen keine Taten, beziehungsweise: Sie folgen viel zu langsam und sind flagrant ungenügend.“

Klimaschutzpolitik, so fordert Jens Beckert, müsste daher gerade auf dem sozialen Nahbereich der demokratischen Zivilgesellschaften aufbauen. „Dies würde eine viel stärkere Einbeziehung von Bürgern vor Ort in Entscheidungen zum Klimaschutz und bei Anpassungsmaßnahmen nahelegen und betont die Ebene lokaler Politik – obwohl der Klimawandel zweifelsohne ein globales Problem ist.“

Ein dauerhafter Pakt mit der Natur

Global denken, lokal handeln, das gilt auch für Andreas Kipar, einen Wanderer durch Städte und Landschaften, die sich verändern, die sich weiten, die Räume schaffen. Wenn wir Zukunft gestalten wollen, müssen wir den Menschen nicht nur mit Natur wieder versöhnen, sondern ihn, den Menschen, zu einem dauerhaften Pakt mit ihr, der Natur, verleiten – und das bedeutet mit sich selbst. „Denn allein über die Natur und ihren Freiräumen können wir Stadträume als urbane Landschaften neu denken, die vom Menschen und seinen Bedürfnissen ausgehen“, schreibt der Landschaftsarchitekt und Stadtplaner in einem Zeitungsessay (auch hier auf Cluverius). Urbane, grün implantierte Landschaften greifen die Klimaanpassung auf, nutzen Wasser produktiv, kühlen, schaffen Biodiversität.

„Diese ökosystemischen Dienstleistungen“, und das ist Andreas Kipar besonders wichtig, „sind messbar und können in Zukunftsplanung eingehen. Wenn wir heute mit Natur nachhaltig planen und Stadtlandschaften kultivieren, werden zukünftige Generationen wachsende Lebensqualität ernten können, denn Natur wächst zwar langsam, aber unermüdlich (wenn wir sie lassen).“

Anfang glänzt an allen Bruchstellen

Der Wanderer zwischen Zeiten, Welten, Naturen muss mit Rückschlägen rechnen. Er sieht wie Nietzsche „in den Gesichtern der Hausenden Wüste, Schmutz, Trug, Unsicherheit“, derweil er „das Thor der Stadt, welche ihm Rast bieten sollte, verschlossen findet.“

Doch würden zum Ausgleich „als Entgelt die wonnevollen Morgen anderer Gegenden und Tage“ kommen, wo ihm, dem Wanderer, „wenn er still, in dem Gleichmaß der Vormittagsseele, unter Bäumen sich ergeht, aus deren Wipfeln und Laubverstecken heraus lauter gute und helle Dingen zugeworfen werden.“ Das sind „Geschenke aller jener freien Geister, die in Berg, Wald und Einsamkeit zu Hause sind und welche, gleich ihm, in ihrer bald fröhlichen bald nachdenklichen Weise, Wanderer und Philosophen sind.“

Es ist, wie Umberto Galimberti heute formuliert, „ die Landschaft selbst das Ziel, es genügt, sie wahrzunehmen, sie zu spüren, sie in der verwirrenden Abwesenheit ihrer Grenzenlosigkeit zu empfangen.“ Die Mitte der Landschaft, in ihr unterwegs sein, ist alles. Grenzen spielen keine Rolle mehr. Wie die Horizonte, die sich kontinuierlich verschieben, indem wir versuchen, uns ihnen zu nähern.

Dann legt man Bücher und Zeitungsausschnitte zurück auf den Tisch und denkt in „bald fröhlicher bald nachdenklicher Weise“ an das neue Jahr, das anfängt – und dass es sich lohnt, die Wanderung wieder aufzunehmen.

Ein neues Jahr also. „Anfang glänzt an allen Bruchstellen unseres Mißlingens“, heißt es bei Rilke.

Bücher und Zeitungen auf dem Teetisch:

Friedrich Nietzsche: Der Wanderer. Aus: Menschliches, Allzumenschliches. Erster Band (Aphorismus 638) dtv / de Gruyter 1999

Jens Beckert: Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. Suhrkamp 2024

Umberto Galimberti: L’Etica del Viandante. Feltrinelli 2023

Andreas Kipar: Alte Verhältnisse aufbrechen. Cluverius.com. Aktualisierte Fassung von: Grün, schattig, sicher. Wie sieht die Zukunft der Stadt aus? Stuttgarter Zeitung 9./10. 11. 2024 /

Rainer Maria Rilke: Jetzt wäre es Zeit, daß Götter träten aus bewohnten Dingen. Aus: Gedichte, Reclam 2012