ERSCHEINUNG DES BÖSEN


Mafia (1): Davide Enia analysiert eindrucksvoll in seinem Stück „Autoritratto“ ein Leben parallel zur Cosa Nostra und zu den Ereignissen der 1980er und 1990er-Jahre in Palermo

© Andrea Veroni / Festival dei Due Mondi Spoleto

Worte vermischen sich mit Gesang und Gesten: Davide Enia in seinem Monolog „Autoritratto“. Der Dramatiker, Schauspieler und Schriftsteller aus Palermo ist im deutschen Sprachraum u.a. durch seinen Roman „So auf Erden“ (Berlin Verlag 2014) oder die Erzählung „Schiffbruch vor Lampedusa“ (Wallstein Verlag 2019) bekannt geworden

Mailand (Piccolo Teatro) – Den ersten ermordeten Toten sieht der Achtjährige in Palermo auf dem Heimweg von der Schule. In der Via Scobar, ausgerechnet unter dem Balkon der Wohnung eines Klassenkameraden, der an diesem Tag nicht in der Schule war, liegt ein Körper auf dem Fußweg in einem „See von Blut“. Mit dieser Erinnerung beginnt der heute 51-jährige Davide Enia sein jüngstes Theaterstück „Autoritratto“ (Selbstporträt). In einem eindringlich vorgetragenen Monolog – von Livemusik des Gitarristen Giulio Barocchieri und Gesang gegengeschnitten – erzählt Davide Enia von den ständigen Begegnungen mit der Cosa Nostra in den 1980er- und 1990er-Jahren: Von den Mafiakriegen, den Leichen auf den Straßen, von der Cosa Nostra ermordeten Menschen und von den Bombenanschlägen auf Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Die Inszenierung wird nach der Uraufführung auf dem Festival dei Due Mondi (Spoleto) im vergangenen Juni jetzt  im Piccolo Teatro di Milano gezeigt.

Indem er Dialektgesang, Erzählung und Körpersprache miteinander verwebt, erforscht Enia das, was er als die Neurose seiner Mitbürger gegenüber dem organisierten Verbrechen bezeichnet: „Aus verschiedenen Gründen wurde die Mafia verharmlost, unterschätzt, trivialisiert, verdrängt oder im Gegenteil mythologisiert. Mit anderen Worten: Sie wurde nie als das konfrontiert, was sie ist.“ Für den 1974 geborenen Dramatiker, Schauspieler und Schriftsteller ist sie eine „Erscheinung des Bösen“.

In seinem Debütroman „Così in terra“ (2012) – der übersetzt unter dem Titel „So auf Erden“ im Berlin Verlag erschienen ist – schrieb Davide Enia: „Wenn es etwas gibt, was die Mafia nicht hat und was sie früher oder später in den Ruin treiben wird, dann ist es die Fähigkeit, Schönheit zu verstehen“. Auf die „Erscheinung des Bösen“ antwortet er mit einer Zivilrede, einer sprachliche Befragung, einem Prozess der Selbstanalyse. Ästhetische Formen des Theaters wie diese Partitur aus Klängen und Rhythmen, in der sich Worte mit Gesten und Stile vermischen, führen zu einem „Autoritratto“, einem Selbstporträt, das zugleich intim und kollektiv ist. Das Textbuch ist gerade mit dem Untertitel “Istruzioni per sopravvivere a Palermo” bei Sellerio erschienen.

Bei einer Diskussionsveranstaltung zur Inszenierung im Piccolo u. a. mit Nando dalla Chiesa (Prof. für Soziologie der organisierten Kriminalität an der Universität Mailand) erinnert Davide Elia an Tommaso Buscetta, der in einem Verhör mit Giovanni Falcone formuliert hatte: „Cosa Nostra ist das Reich der Reden, die nicht zu Ende geführt werden.“ Schweigen, so auch Nando Dalla Chiesa, sei eine zentrale Kommunikationsform in einem System von Gesten, Blicken, Andeutungen. Alle wissen alles. Reden sei eine der schlimmsten Beleidigungen für Mafiosi. Zugleich, so Elia, habe sich Schweigen als Tugend auch in der sizilianischen Zivilgesellschaft verbreitet. Ein Erbe der Mafia, das es zu brechen gelte.

Fruchtbare Energie

Davide Enia lebt nach einem längeren Romaufenthalt wieder in Palermo. Das, so schreibt er im Programmheft zur Aufführung „ist eine Stadt, die manchmal viel Wut in mir auslöst; sie ist voller verpasster Chancen, sie hat Talente, eine sehr starke multikulturelle Mischung und eine enorme Menge an fruchtbarer Energie. Sie ist keine tote Stadt, auch wenn sie gerade wieder eine Krise durchmacht. Sie erlebt einen sehr gewalttätigen Massentourismus, aber sie verfügt weiterhin über große Reserven an Vitalität, die alle von unten kommen, von Jungen und Mädchen, die sich sehr in der Freiwilligenarbeit engagieren. Ich hatte einfach ein verzweifeltes Bedürfnis nach all dieser Energie: Es ist sehr egoistisch, dass ich aus Rom zurückgekehrt bin, um in Palermo zu leben, das ich aus künstlerischer Sicht nie verlassen hatte.“

Man müsse lernen, so das Schlusswort seines Stückes, „wenn du dich in deiner Stadt einer Pfütze aus Blut gegenüber siehst, dann ist das in ihr reflektierte Bild dein Selbstporträt.“

Autoritratto. Von und mit Davide Enia. Musik: Giulio Barocchieri. Koproduktion CSS Teatro stabile del Friuli Venezia Giulia, Piccolo Tetro di Milano – Teatro d’Europa, Accademia Perduta Romagna Teatri, Spoleto Festival dei Due Mondi. Schirmherrschaft Fondazione Falcone. Piccolo Teatro Grassi bis 17. April 2025, anschließend auf Tournee. Hier zum Trailer

Siehe auf Cluverius: Mafia (2) Den Schmutz akzeptieren – Der Roman „Er war ein guter Junge“ von Simonetta Agnello Hornby (Folio Verlag)