DEN SCHMUTZ AKZEPTIEREN


Mafia (2): Simonetta Agnello Hornby hat auf dem Hintergrund der Entwicklung Siziliens in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine Art kriminellen Bildungsroman geschrieben.

© Cluverius

Palermo im Halblicht (gesehen vom Dach des Teatro Massimo) – zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren Bühne für den Aufstieg der Corleonesen innerhalb der Cosa Nostra und Schauplatz blutiger Anschläge

Mailand/Palermo – In dem Roman „Er war ein guter Junge“ (Folio Verlag) beschreibt Simonetta Agnello Hornby die Grauzone zwischen organisierter Kriminalität und der Zivilgesellschaft auf Sizilien. Die Autori erzählt vom Heranwachsen zweier Jugendlicher im südwestlichen Sizilien zwischen der Kleinstadt Sciacca und dem Dorf Pertuso Piccione – ein Fantasiename, hinter dem sich der Bergort Caltabellotta versteckt – und dem beruflichen Aufstieg der beiden. Der bringt sie zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren gleichsam zwangsläufig in die Nähe zur Cosa Nostra. Wie Giovanni in einem Brief an seinen engen Freund Santino schreibt: „Wir beiden werden für uns und unsere Liebsten immer unser Bestes geben. Wenn man in dieser Welt Karriere machen will, muss man aber auch den Schmutz akzeptieren.“

Sie sind zwei unterschiedliche Jungen, die beide von ihrer Mutter allein aufgezogen werden. Giovanni ist nach einem mysteriösen Verschwinden seines Vaters ein Waisenkind. Santinos Vater versagt beruflich wie in der Ehe und begeht Selbstmord. Beide Jungen versuchen mit allen Mitteln, sich in der Welt zurechtzufinden. Der eine wird Anwalt, der andere steigt im Baugeschäft auf. Hinter ihnen stehen zwei einflussreiche Mütter. Concetta will, dass Giovanni glücklich und erfolgreich ist und bei seinem Studium und seiner Anwaltskarriere in Palermo von repräsentativen Männern begleitet wird. Assunta ist eine unerschrockene und leidenschaftliche Frau, die will, dass ihr Sohn Santino sie schützt, als Bauunternehmer aufsteigt und sie  reich macht.

Eine symbiotische Verbindung

Die inzwischen 80-jährige Sizilianerin Simonetta Agnello Hornby ist selber Anwältin und hat spezialisiert im Jugend- und Sozialstrafrecht eine Karriere in London gemacht. Seit ihrem Debütroman „Die Mandelpflückerin“ (in der Übersetzung bei Piper 2003) hat sie mehrere Erfolgsromane meist mit historischem Hintergrund ihrer Heimatinsel veröffentlicht. „Er war ein guter Junge“ ist ihr erstes Buch, das sich ganz der Gegenwartsproblematik von Sizilien widmet. Das bedeutet zwingend eine Auseinandersetzung mit der lokalen Mafia, mit der Cosa Nostra. Denn es war in der Zeit, die im Buch beschrieben wird, auf Sizilien nicht leicht, ohne Kontakt zu ihr erfolgreich zu sein. Gegen sie zu sein, konnte sogar das Leben kosten.

Die Macht der organisierten Kriminalität bestand – und besteht teilweise immer noch – durch eine geradezu symbiotische Verbindung mit Politik und Gesellschaft, die sich gleichsam in einem Raum des Unausgesprochenen und der Halbwahrheiten abspielt. Tommaso Buscetta hatte in einem Verhör mit Giovanni Falcone formuliert: „Cosa Nostra ist das Reich der Reden, die nicht zu Ende geführt werden.“ Daran erinnerte auch gerade im Piccolo Teatro Milano der Dramatiker und Schauspieler Davide Enia in seinem Monolog „Autoritratto“ (hier auf Cluverius). Der Mafia geht es in erster Linie um illegale Geschäfte (etwa mit Drogen) oder um legale Geschäfte (z.B. bei öffentlichen Ausschreibungen im Bausektor), die sie mit illegalen Methoden (Erpressung, Wucher, Gewalt) durchsetzt. Dabei bedient sie sich bürgerlicher Kreise (Steuerberater, Rechtsanwälte, Politiker, Unternehmer), die wiederum in einer Grauzone zwischen Legalität und Illegalità von ihr zu profitieren glauben, ihr aber so erst die Möglichkeit gene, ganze Wirtschaftzweige zu durchdringen. Eine illegale, von den Mafiafamilien kontrollierte Welt breitet sich immer mehr unter einer dünnen Schicht des Anstands aus, die gelegentlich  mit Gewalt durchbrochen wird.

Agnello Hornby gelingt es, diese Welt voller Andeutungen und mafiöser Durchdringung zu beschreiben, ohne die Mafia direkt zu benennen. Wobei die Autorin vermutlich gewollt die blutige Spur jener Jahre ausblendet, die mehrere Kriege innerhalb der Cosa Nostra sowie die Ermordung von Polizisten, Staatsanwälten bis hin zum Regionalpräsidenten (Mattarella 1980) und zum Präfekten von Palermo (Dalla Chiesa 1982) legen. Es gibt eine Andeutung von Giovannis Großvater: „In Palermo passieren zu viele schlimme Dinge … Das wird so schnell nicht aufhören, du bist in einer heiklen Position …“ (S. 173). Aber zumindest für den mit Sizilien vertrauten Leser wird bald klar, in welche Abhängigkeiten sich Giovanni und Santino begeben und welchen „Schmutz“ sie akzeptieren, der dann ein tragisches Ende provoziert. 

Es gibt Gegenfiguren, die gleichsam „saubere“ Spuren legen. Allen voran die junge Anwältin Anna, die wohl in Giovanni verliebt ist. Sie konfrontiert ihn mit der Figur eines Danilo Dolci und seinen gewaltfreien Aktionen zur Unterstützung der Einwohner von Partinico, wo er auch eine schulische Einrichtung ins Leben rief. Oder mit einer mutigen jungen Frau wie Franca Viola, die sich ihrer Familie und dem Ehrenkodex widersetzt und geweigert hatte, den Mann zu heiraten, der sie vergewaltigt hatte. So wurde ihr Peiniger, der sonst straffrei geblieben wäre, angeklagt und verurteilt.

Giovanni aber wendet sich nach „zarten“ Hinweisen von der sozial engagierten Anna und ihren Idealen ab. Er und Santino gehen zu ihren Ambitionen passend arrangierte Ehen ein. Es fällt nicht schwer, in Anna eine Figur zu sehen, mit der sich die Autorin in ihre Jugend zurückversetzt.

Immer der Nase nach?

Das Buch breitet so eine erfundene Geschichte aus, mit der nur gelegentlich reale Personen verknüpft werden. Nicht erfunden sind Hintergrund, Atmosphäre, Klang. Ein Ton, der bereits auf den ersten Seiten angeschlagen wird, wenn von den Jungen erzählt wird, die sich noch träumerisch von schweren sizilianischen Lebensumständen lösen wollen. Leider schlägt die Übersetzung hier und da einen flapsigen, geradezu deutschen Ton an, der nicht zur südländischen Gegenwart passt: „Einfach immer der Nase nach. Tschüss!“ (S. 10). So redet vielleicht ein Junge auf Sylt, aber nicht auf Sizilien. Später heißt es für „Ti abbraccio“: „Tschüss und alles Gute“ (S. 161). Oder in Übersetzung eines Dialektausdrucks: „Ich weiß nichts, mein Name ist Hase.“ (S. 210) Das ist ein deutscher Sprichwort-Ton, der der Geschichte nicht guttut.

Zum Glück bleiben diese Flapseleien Ausnahmen. Jedoch in einer Neuauflage bitte korrigieren: Libero Grassi wird in der deutschen Ausgabe zu einem „Bauunternehmer“ (S. 254) gemacht. Der von der Cosa Nostra ermordete Unternehmer, eine Ikone der Antischutzgeldbewegung, war aber im Textilhandel tätig.

Simonetta Agnello Hornby: Er war ein guter Junge. Roman. Aus dem Italienischen von Christine Amman. Folio Verlag Bozen/Wien 2025. 263 Seiten, 26 Euro

Siehe auch auf Cluverius  Mafia (1): Davide Enia analysiert eindrucksvoll in seinem Stück „Autoritratto“ ein Leben parallel zur Cosa Nostra und zu den Ereignissen der 1980er und 1990er-Jahre in Palermo: Erscheinung des Bösen

Zur Geschichte der Cosa Nostra vergleiche: Henning Klüver: Der Pate letzter Akt. Die sizilianische Mafia. Goldmann Verlag, München 2008