Cremona macht mit einer Ausstellung den Renaissancemaler Boccaccio Boccaccino einer breiteren Öffentlichkeit bekannt

Mailand – Bedeutende Sammlungen wie herausragende Einzelwerke in den Museen der großen Städte verstellen oft den Blick auf den kulturellen Reichtum des ländlichen Raums und seine Geltung für die italienischen Kunstlandschaften. Das unterstreicht gerade eine Ausstellung im Museo Diocesano der lombardischen Kreisstadt Cremona, die dem Maler Boccaccio Boccaccino (um 1462/66 bis 1525) gewidmet ist. 500 Jahre nach seinem Tod werden sechzehn von insgesamt rund dreißig bekannten Gemälden des Künstlers mit vorwiegend religiösen Motiven gezeigt. Sie belegen, wie der dem großen Publikum eher unbekannte Boccaccino nach einem wechselseitigen Leben zwischen Ferrara, Genua, Milano, Venedig und Rom in Cremona zur Ruhe kam und zwischen den Einflüssen zunächst aus der Emilia und dann der Schulen von Leonardo, Bellini oder Giorgione zu einem eigenen eindrucksvollen Stil fand.
Arbeiten des Malers finden sich auch in internationalen Museen, etwa in London, Birmingham oder Boston. Die von Francesco Ceretti und Filippo Piazza kuratierte Ausstellung in Cremona beschränkt sich auf Beispiele aus Italien, die uns dennoch aussagekräftig die Persönlichkeit des Künstlers näherbringen. Etwa gleich zur Eröffnung des kleinen Rundgangs fasziniert eine „Anbetung der Hirten“ (Museo Capodimento, Neapel). Später eine „Mystische Hochzeit der hl. Katharina“ (Accademia, Venedig) oder eine „Madonna mit Kind“ (Brera, Mailand). Die Idee für die Ausstellung geht auf den kürzlichen Erwerb eines Gemäldes des Künstlers durch das Diözesanmuseum von Cremona zurück. Es handelt sich mit den Figuren von mehreren Heiligen um den Ausschnitt eines sonst zerstörten Altarbildes, das als Boccaccinos letztes Werk kurz vor seinem Tod 1525 gilt.
Die Augen der „Zingarella“
Im Zentrum der Aufmerksamkeit aber steht vor allem die „Zingarella“ (Uffizien, Florenz). Eine Arbeit, wohl während eines Aufenthalts in Venedig zwischen 1500 und 1506 entstanden, die aus dem Œuvre des Malers heraussticht. Es stellt keine Madonna dar, sondern das Porträt einer jungen Frau, das durch seine Direktheit und intime Intensität besticht und gerade als Miniatur (24 x 19 cm) Wirkung entfaltet. Mit den Madonnen verbindet dieses Porträt allerdings der Blick, diese träumerischen Augen, die an ein ideales Frauenmodell des Künstlers denken lassen.
Als herausragendste Werk in Boccaccinos Karriere, das er nach seiner Rückkehr aus Rom nach Cremona begann, gelten die Geschichten aus dem Leben der Jungfrau Maria und der Kindheit Christi an der linken Wand des Kirchenschiffs des Doms von Cremona (1514-1519). Eine Besichtigung der (leider schlecht beleuchteten) Kathedrale Cremonas ergänzt so die gelungene Ausstellung im Diözesanmuseum, die eine bedeutende regionale Stimme der norditalienischen Renaissance zu Wort kommen lässt.
Il Rinascimento di Boccaccio Boccaccino. Museo Diocesano, Cremona, bis 11. Januar 2026. Tgl außer Mo 10-13 Uhr, 14.30 bis 18 Uhr. Eintritt 8 Euro, Katalog (nur Italienisch) 28 Euro. Info hier
