Drei Ausstellungen in Mailand, ein weiteres Ausstellungsprojekt in Venedig und die Einrichtung eines Film Funds – die Fondazione Prada sprüht geradezu vor Aktivität

Die Kunst des Wartens – Bushaltestelle in Armenien. Foto von Ursula Schulz-Dornburg („Transit Sites Armenia Echiniadzin Erevan“ 2002) in der Ausstellung der Fondazione Prada über deutsche Fotografie des 20. Jahrhunderts („Typologien“)
Mailand / Venedig – Ein Überblick über die Entwicklung der Fotografie im Deutschland des 20. Jahrhunderts („Typologien“ bis 14. Juli) sowie eine Monografie des belgischen Künstlers Thierry De Cordier („Nada“, bis 29. 9.) sind neben der festen Sammlung von Gegenwartskunst im Mailänder Hauptsitz der Prada-Kulturstiftung zu sehen. Im Osservatorio, den Ausstellungsräumen in der Galleria zwischen Domplatz und Scalaplatz, geht es derweil um die Rolle des Storyboards für Film- und TV-Produktionen („A Kind of Language“, bis 8. 9.). Und im venezianischen Sitz problematisiert Rem Koolhaas die Geschichte der visuellen Kommunikation mit Daten („Diagrams“, bis 24. 11.)
Typologien
„Typologien“ ist eine Untersuchung, die deutschen Fotografie des 20. Jahrhunderts in einer Breite präsentiert, wie sie bislang noch nie in Italien zu sehen gewesen war. Kuratiert von Susanne Pfeffer, Kunsthistorikerin und Direktorin des Museum MMK für moderne Kunst in Frankfurt, folgt der Ausstellungsparcours einer thematisch-typologischen und nicht einer chronologischen Reihenfolge. Er vereint über 600 fotografische Werke von 25 Künstlerinnen und Künstlern, die für die Rekonstruktion eines Jahrhunderts Fotografie in Deutschland von wesentlicher Bedeutung sind – von Bernd und Hilla Becher bis Rosemarie Trockel, von Karl Blossfeldt bis Ursula Schulz-Dornburg, von Isa Genzken und Andreas Gursky bis Thomas Struth und Wolfgang Tillmans.
„Der typologische Vergleich“, so die Kuratorin, „lässt Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennen und erfasst Besonderheiten. Bislang unbekannte oder ignorierte Aspekte der Natur, der Tiere oder Gegenstände, der Orte und der Zeit werden sichtbar und erkennbar.“
Die Annahme, dass die Fotografie eine grundlegende Rolle bei der Definition spezifischer Phänomene, aber auch bei der Organisation und Klassifizierung einer Vielzahl sichtbarer Erscheinungen spiele, bleibe eine treibende Kraft in der heutigen künstlerischen Forschung, die die Komplexität unserer sozialen und kulturellen Realitäten interpretiere.
Nada
Die monografische Ausstellung „Nada“ (Nichts) des belgischen Künstlers Thierry De Cordier vereint zehn großformatige Gemälde einer Serie aus den Jahren zwischen 1999 und 2025. Die ersten Werke dieser Serie entstanden aus dem ausdrücklichen Wunsch des heute 71-jährigen, das Bild der Kreuzigung auszulöschen. Die folgenden Arbeiten sind keine Form der Negativmalerei mehr, sondern ein letzter Versuch, mit den Worten De Cordiers, die „Größe des Nichts” zu erforschen: „Wie von der ursprünglichen Verneinung befreit (die mich dazu veranlasst hatte, sie zu malen), entwickelten sich die Leinwände allmählich zum höchsten Ausdruck der Malerei: dem Erhabenen.“

Nada – jüngste Arbeit (2025) einer Serie von Thierry De Cordier in der sogenannten Cisterna im Mailänder Hauptsitz der Kulturstiftung
Die zehn Werke von Thierry De Cordier sind fast monochrom, aber sie sind nicht nur als rein abstrakte oder konzeptuelle Arbeiten zu verstehen. Wie der Titel der Serie suggeriert, bilden sie einen schwarzen Bildraum, der sich zum Nichts hin öffnet. „NADA“ ist auch die Inschrift, die in einigen Gemälden anstelle der historischen Aufschrift INRI (Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum) erscheint, die laut den Evangelien am Kreuz Christi angebracht war und von zahlreichen Künstlern in ihren Darstellungen der Kreuzigung abgebildet wurde.
Diagrams
„Diagrams“ ist ein Ausstellungsprojekt, das von dem von Rem Koolhaas gegründeten Studio OMA für den venezianischen Veranstaltungsort Ca‘ Corner della Regina konzipiert wurde. Es analysiert die visuelle Kommunikation von Daten als leistungsfähiges Mittel zur Konstruktion von Bedeutung, zum Verständnis oder zur Manipulation und als allgegenwärtiges Werkzeug zur Analyse, zum Verständnis und zur Umgestaltung der Welt. Ziel ist es, den Dialog und die spekulative Reflexion über die Beziehung zwischen menschlicher Intelligenz, wissenschaftlichen und kulturellen Phänomenen und der Schaffung und Verbreitung von Wissen zu fördern. Das Projekt basiert auf gründlichen Recherchen, die von der Fondazione Prada in Zusammenarbeit mit Rem Koolhaas und Giulio Margheri, Associate Architect bei OMA, und mit Beratung durch Sietske Fransen, Max-Planck-Forschungsgruppenleiterin der Bibliotheca Hertziana Rom, durchgeführt wurden.

Grafische Darstellung der Lavaströme des Vesuvs aus dem 19. Jahrhundert in der Ausstellung „Diagrams“ (Palazzo Ca‘ Corner della Regina, Venedig)
Es gibt neun Hauptthemen: Gebaute Umwelt, Gesundheit, Ungleichheit, Migration, natürliche Umwelt, Ressourcen, Krieg, Wahrheit und Wert. Jedes Thema wird in einer Reihe von Schaukästen dokumentiert, die parallel in der zentralen Halle im ersten Stock des Gebäudes angeordnet sind. Insgesamt sind rund 300 Objekte, darunter seltene Dokumente, Veröffentlichungen von dem 12. Jahrhundert bis heute sowie digitale Bilder und Videos zu sehen.
Rem Koolhaas definiert das Diagramm als „eine dauerhafte Form der Kommunikation“. Es erfülle unabhängig vom Medium immer didaktische oder suggestive Funktionen. „In diesem Sinne“, schreibt Koolhaas in einem Beitrag zur Ausstellung, „ist auch auf jeden Bereich des menschlichen Lebens anwendbar: Mode, Religion sowie die Geschichte sozialer Ungleichheiten können alle in Diagrammform interpretiert werden.“ Die Interdisziplinarität des Diagramms mache es zu einer der „effektivsten Darstellungsformen“. Und habe seinen Platz zwischen Wissenschaft und Propaganda, Manipulation und Information.
Zur Geschichte der Fondazione Prada
Die Fondazione Prada entstand 1993 unter dem Vorsitz von Miuccia Prada und ihrem Ehemann (und Prada-CEO) Patrizio Bertelli mit dem Ziel „Kultur, Kunst und Design in Italien wie im Ausland aufzuwerten und zu fördern.“ Das war kein PR-Coup, sondern, so die Programmchefin Chiara Costa heute, war das vor allem von dem Bedürfnis geprägt, „der schnellen, flüchtigen Welt der Mode etwas kulturell Dauerhaftes entgegenzusetzen“. (Siehe auch hier auf Cluverius) Es gab Ausstellungen mit Künstlern von Anish Kapoor bis Walter De Maria oder Elmgreen & Dragset, aber ebenso Tanzveranstaltungen oder Programme zur Restaurierung alter Filmzyklen. Später kamen wissenschaftliche Projekte etwa zur Neurobiologie dazu. Und Riccardo Muti betreibt jeweils im Herbst eine Musikakademie. In einem Interview mit der sonntäglichen Kulturbeilage des Corriere della Sera „La Lettura“ (siehe hier), unterstrich Miuccia Prada: „Jeden Tag zeigt sich die Welt vor uns mit ihrer ganzen Komplexität, die wir aber unvorbereitet erleben. Die Herausforderung besteht darin, nach Antworten zu suchen.“

Fondazione Prada Mailand – Von Rem Koolhaas 2015 umgebaute Destillerie aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts
Die Eröffnung fester Einrichtungen zunächst in Venedig (Palazzo Ca‘ Corner della Regina 2011) und dann vor genau zehn Jahren in Mailand (2015), wo auch die feste Sammlung einen Platz fand, machte die bis dahin eher in einer Nische arbeitenden Stiftung zu einem wichtigen Player der Kulturszene Italiens – und zu einer Top-Adresse des Mailänder Kulturtourismus.
Ein Prada Film Fund
Gerade wurde die Einrichtung des Fondazione Prada Film Fund angekündigt, eine jährliche Initiative zur Unterstützung des unabhängigen Kinos. „Das Kino“, so Miuccia Prada, „ist für uns ein Laboratorium der Ideen und ein wichtiges Instrument der kulturellen Bildung.“ Der Fonds, der mit insgesamt 1,5 Millionen dotiert ist, wird im Herbst 2025 mit einem Aufruf zur Einreichung von Bewerbungen gestartet. Das Projekt zielt darauf ab, Werke von hohem künstlerischen Wert zu unterstützen und damit das 20-jährige Engagement der Fondazione Prada für das Kino zu verstärken. Die Jury des Fonds soll jedes Jahr zehn bis zwölf Spielfilmprojekte ohne geografische oder genrebezogene Einschränkungen auswählen.
Fondazione Prada, Largo Isarco 2, 20139 Mailand; Mo-So 10-19 Uhr, Di geschl., Eintritt 15 €, Katalog 75 €
Osservatorio, Galleria Vittorio Emanuele II, 20121 Milano; Mo-Fr 14-20 Uhr, Sa-So 11-20 Uhr, Di geschl., Eintritt 10 €
Ca‘ Corner della Regina, Santa Croce 2215, 30135 Venedig ; Mo-So 10-18 Uhr, Di geschl., Eintritt 12 €
Zur Ausstellung „I Kind of Language“ im Osservatorio Prada Mailand zum Thema Storyboard bis 8.9. siehe auf Cluverius „Eine Art Sprache“

