DEMOKRATIE ALS SOFTWARE


Josiah Ober, Balzanpreis 2025, und aktuelle Auseinandersetzungen um kollektive Selbstbestimmung, Rechtsstaatlichkeit oder individuelle Freiheiten im Rückblick auf die Entwicklung der Demokratie im antiken Athen

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Demokratische Gesellschaft, Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit – Parolen aus Venedig

Mailand/Bern – Weltweit stehen demokratische Gesellschaftssysteme unter Druck. Von außen durch Krieg und Gewalt, im Inneren durch Populismus, Verzerrung der Informationen und autoritäre Tendenzen. Um aktuelle soziale und politische Umwälzungen besser zu verstehen, lohnt die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Demokratie. Gelegenheit dafür bot gerade die Verleihung der Balzanpreise 2025 in Bern u. a. an Josiah Ober (USA). Denn der emeritierte Professor der Stanford University wurde für „Altertumswissenschaften: Athenische Demokratie – neu betrachtet“ geehrt. Die Auszeichnungen der Internationalen Stiftung Balzan (Mailand/Zürich) werden jährlich im Wechsel in der Hauptstadt Italiens oder der der Schweiz vergeben. (Zu den anderen Preisträgern siehe hier)

Für den 72-jährigen Josiah Ober ist die „neue Betrachtung“ der athenischen Demokratie nicht rein historisch, sondern hochaktuell. Er zeigt, wie institutionelle Mechanismen und Bürgerkultur im klassischen Athen funktionierten, analysiert ihre Stärken und Schwächen interdisziplinär und zieht daraus politische Lehren für heute. Der Balzanpreis würdigt genau diese Brücke zwischen Altertumswissenschaft und moderner politischer Theorie – und betont, dass das Studium der antiken Demokratie ein wichtiges Werkzeug sein kann, um gegenwärtige demokratische Herausforderungen zu meistern.

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Josiah Ober (1953), Stanford University, Balzanpreis 2025 für Altertumswissenschaften: Athenische Demokratie – neu betrachtet

Ober betonte auf einem der Preisverleihung angegliederten Wissenschaftsforum, dass die athenische Demokratie ein besonders relevantes Modell sei, weil sie oft als ein „Referenzpunkt“ in der Geschichte demokratischer Systeme diene. Parallelen zur Gegenwart würden deutlich: In früheren Phasen habe es Zentralisierung, rhetorische Angststrategien und Machtkarrieren gegeben – Elemente, die auch moderne Demokratien bedrohen könnten.

Das Konzept der Basisdemokratie

Eine besondere Rolle im Denken des US-amerikanischen Althistorikers und Politikwissenschaftlers spielt die Dialektik zwischen Demokratie und Liberalismus. Demokratie im Sinne von politischer Beteiligung, kollektiver Selbstbestimmung und Volksmacht, Liberalismus im Sinne von individuellen Freiheiten, Rechtsstaatlichkeit und liberalen Garantien. Im Zusammenhang mit dem Balzanpreis veröffentlichte die wöchentliche Kulturbeilage der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera („La Lettura“) vom 9.11.25 ein Interview, in dem Ober Demokratie eine „Software“ nennt.

Und erläutert: „In meinem Buch Demopolis (2017) habe ich das Konzept der ‚Basisdemokratie‘ entwickelt, ein Regierungssystem, das den Kern der demokratischen Software bewahrt: die Selbstverwaltung der Bürger, die Ablehnung eines Herrschers.“ In seinem Schema hat die Basisdemokratie zwei Ziele. Einerseits soll sie die politische Teilhabe sichern und fördern. Andererseits soll sie die „Tyrannei der Mehrheit“ verhindern. Der Begriff selbst erinnere an einen Kontext, in dem die Mehrheit zum „Boss der Minderheit“ wird. „Um diese beiden Ziele zu erreichen“, so Ober, „sind drei Bedingungen erforderlich: politische Gleichheit, Meinungs- und Vereinigungsfreiheit sowie die Achtung der gleichen Würde jedes Bürgers.“

In seiner Dankesrede zum Balzanpreis betonte Ober die Bedeutung klassischer Forschung als Beitrag zu modernen Debatten über Demokratie, Frieden und Wohlstand. Er setzt sich für eine civic education ein – also politische Bildung, bei der Bürger verstehen, in welcher rich­tigen Demokratie sie leben, welche Mechanismen es gibt und wie man aktiv mitgestalten kann. Tatsächlich engagiert Josiah Ober sich über die Stanford Civics Initiative u. a. in der Förderung demokratischer Bürgerschaft. In seiner Forschung betont er, dass in Athen politische Teilhabe nicht nur ein formaler Akt war, sondern auch eine kollektive Übung – Bürger brachten sich ein, debattierten, kontrollierten Macht, was langfristig zu einer stabilen politischen Kultur führte.

Info: Balzan.org

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Die Gewinner der Balzan Preise 2025 in Bern (v.l.n.r): Christophe Salomon (Frankreich, für Atome und ultrapräzise Messung der Zeit), Rosalind Krauss (USA, für Kunstgeschichte der Gegenwart), Josiah Ober und Carl H. June (USA, für Gentherapie und genmodifizierte Zelltherapie)