»DIE DEMOKRATIE HÄNGT VON UNS AB«


80 Jahre Kriegesende (1): Italienische Debatten zum Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus, die Rolle des antifaschistischen Widerstands und eine Veröffentlichung über die Geschichte der Resistenza des Historikers Santo Peli

© Cluverius

Aufmarsch zur großen Feier – Mailand Piazza Duomo 80 Jahre nach dem 25. April 1945

Mailand – Am 25. April 1945 zogen Partisanen in das von den deutschen Truppen verlassene Mailand ein. Das Comitato di Liberazione Nazionale Altaitalia CLNAI (Nationales Befreiungskomitee Oberitalien), das in der Stadt seinen Sitz hatte, rief zum Aufstand in allen noch von Faschisten und Besatzern kontrollierten Gebieten und zu landesweiten Streiks auf. Der 25. April wurde dann 1946 unter der ersten Regierung von Alcide De Gasperi zum Nationalfeiertag erklärt, um die totale Befreiung des Staatsgebietes zu erinnern und zu würdigen. Die Resistenza, die Rolle des bewaffneten Kampfes in Italien, der mit der Besatzung des Landes durch die Wehrmacht am 8. September 1943 begonnen hatte, und die Bedeutung des Antifaschismus für die Herausbildung eines republikanischen und demokratischen Staates nach dem Krieg sind Themen, die in der historischen Entwicklung Italiens der Nachkriegszeit eine grundlegende Geltung haben. Sie werden auch jetzt zum 80. Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus diskutiert, zumal das Land in einer Koalition mehrheitlich von der Partei Fratelli Italia regiert wird, die aus der neofaschistischen Nachfolgeorganisation MSI hervorgegangen ist.

Einmarsch der Partisanen in Mailand am 25. April 1945

Die Resistenza ist den vergangenen achtzig Jahren seit der Befreiung immer wieder bewertet, gefeiert oder wegen dunkler Seiten kritisch beleuchtet worden. Die Reaktionen reichen von Glorifizierung bis Leugnung. Der Meloni-Regierung, die bereits in den vergangenen Jahren versucht hatte, sich vor dem offiziellen Feiertag zu drücken, kommt in diesem Jahr die Staatstrauer nach dem Tod von Papst Francesco gerade gerecht und ruft zu einem „nüchternen“ Feiern auf. Auch die italienische Gesellschaft bleibt gespalten. Gerade konnte man auf der Leserbriefseite des Corriere della Sera (hier) eine Zuschrift lesen, dass Millionen Italiener nicht einverstanden seien mit einer Überschrift wie „Die Resistenza ist Gemeinwert aller“. Die Antwort der Zeitung präzisierte: Sicher, der Titel hätte lauten müssen „Die Resistenza sollte Gemeinwert aller sein“. So notwendig es sei, auch die Verbrechen zu benennen, die im Namen des Widerstands begonnen worden wären, so unbestritten sei jedoch seine Notwendigkeit gewesen. Denn: „Man sollte sich wenigstens darüber einig sein, dass es richtig war, gegen die Nazifaschisten zu kämpfen, und dass es falsch war, an der Seite der Nazifaschisten zu kämpfen.“

Zu den Argumenten der „Anti-Antifaschisten“ gehört, dass Italien militärisch von den Alliierten befreit worden sei. „Eine Binsenweisheit, die als mutige Zerstörung eines Mythos präsentiert wird“, zitiert die Zeitung den Historiker Claudio Pavone, der als einer der ersten in der Forschung des Antifaschismus beschreiben hatte, dass der Befreiungskrieg auch ein Bürgerkrieg gewesen sei. Wenn ein bedeutender Teil der Italiener – Partisanen verschiedener politischer Richtungen, Frauen, Zivilisten, Priester, Soldaten, Carabinieri und nach Deutschland Verschleppte – sich nicht gegen den Nazifaschismus ausgerichtet hätten, wäre die Nachkriegsentwicklung in Italien anders verlaufen und, so der Corriere, „hätten wir nicht unsere Verfassung selbst schreiben können“.

Eine neue Idee von Heimat

Diese Haltung bestärkte der Politologe Andrea Ricciardi (Universität Mailand) in „la Lettura“, der Literaturbeilage des Corriere (20. April): „Der Tag der Befreiung würdigt einen pluralen Kampf, der eine neue Idee von Heimat geschaffen hat und die Grundlage der Verfassung des republikanischen Italiens ist. Derjenige, der sich nicht im Antifaschismus wiedererkennt, ist frei, dies zu tun, aber er identifiziert sich so als Neofaschist oder als Anti-Antifaschist.“

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„Es lebe der 25. April!“ – Aktion einer Schule im Mailänder Parco Trotter

Dass die Erinnerung an den Antifaschismus lange Zeit von linken politischen Parteien in einer Art Alleinvertretungsanspruch gleichsam okkupiert worden war, überdeckt die in der Tat plurale Basis der Resistenza, in der sich Sozialisten und Kommunisten, Christdemokraten und Liberale, Monarchisten und Republikaner zusammen fanden. Einen guten Überblick bietet die deutsche Wikipediaseite „Resistenza“. In Italien wird jetzt nach und nach in Einzeluntersuchungen auch der Widerstand von Soldaten, von Frauen, ja sogar von Überläufern der deutschen Besatzungseinheiten gewürdigt.

Licht und Schatten, Größe und Grenzen

Eine kritische Gesamtsicht hat zuletzt der Historiker Santo Peli im Einaudi Verlag vorgelegt, die jetzt auch auf Deutsch erschienen ist: „Geschichte der Resistenza. Antifaschistischer Widerstand in Italien.“ Der Autor stellt in der Übersetzung von Andreas Löhrer die verschiedenen Phasen der Geschichte des bewaffneten Kampfs gegen den Faschismus in ihrem gesellschaftlichen und politischen Kontext dar. Ein objektiver und notwendiger Beitrag, in dem Licht und Schatten, Größe und Grenzen, Einheit und Widersprüche eines der entscheidendsten Momente der italienischen Geschichte dargestellt werden.

Mailänder Vorstadt – Via Padova

Wobei der Historiker unterstreicht: „Ohne den bewaffneten Widerstand hätten wir wahrscheinlich ein monarchistisches Italien bekommen, und es wäre keine auf der Ebene der sozialen Gerechtigkeit zutiefst innovative Verfassung geschrieben worden.“ Doch er mahnt zugleich, „dass in den Begriff der Resistenza notwendigerweise auch eine Vielfalt von Verhaltensweisen und Entscheidungen gleichberechtigt mit einbezogen werden muss, die größtenteils am Rande geblieben sind, wenn sie nicht geradezu aus der traditionellen Widerstandserzählung ausgeschlossen wurden.“

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Der 80. Jahrestag auch als Bühne zur Auseinandersetzung aktueller Weltfragen auf der Piazza Duomo

In der gegenwärtigen Debatte unter der Meloni-Regierung, in der etwa der Koalitionspartner Lega unter dem Vorsitz von Matteo Salvini die Fratelli Italia an antidemokratischen Tendenzen noch überholt, droht vielleicht kein neuer Faschismus, sondern, wie der Historiker Emilio Gentile in „la Lettura“ befürchtet, „das Aufkommen autoritärer Machtstrukturen, die sich auf das allgemeine Wahlrecht stützen können.“ Die Überschrift über eine Reihe von Beiträgen zum 80. Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus in der Beilage des Corriere lautete deshalb: „La democrazia dipende da noi – Die Demokratie hängt von uns ab.“

Santo Peli: Geschichte der Resistenza. Antifaschistischer Widerstand in Italien. Aus dem Italienischen übersetzt von Andreas Löhrer. Mandelbaum Verlag, Wien/Berlin 2024. 240 Seiten, 22 Euro.

Vgl. Filippo Focardi e Santo Peli (a cura di): Resistenza.  Carocci, Roma 2025. pagg. 428, 39 Euro

 Siehe auf Cluverius: „Die Erinnerungen der Anderen“ – Deutscher Widerstand in italienischer Sicht und Partisanen der Wehrmacht

Siehe auf Cluverius auch das Buch von Andreas Löhrer über das Partisanenlied „Bella Ciao“, das gerade in diesen Tagen neue Aktualität erhält: Ein universelles Lied der Freiheit