HINTERGRÜNDIGER WITZ


Vor einhundert Jahren kam Andrea Camilleri auf die Welt, der im Alter zum Erfolgsautor und unermüdlichen Erzähler seiner sizilianischen Heimat wurde. Am Anfang stand dabei der kleine Roman „Der Lauf der Dinge“ – eine Kriminalgroteske, die den Ton  für viele weitere Bücher vorgab

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Ein schwarzer Heiliger und in vielen Orten Siziliens verehrt: San Calogero unter dessen Zeichen auch Andrea Camilleri am 6. September 1925 in Sant Empedocle geboren wurde

Mailand/Berlin – Der unglaubliche Erfolg, den Andrea Camilleri (1925-2019) mit seinen Romanen über den Commissario Montalbano hatte, stempelt ihn bis heute als Krimiautor ab. In Italien begann das 1994, im deutschen Sprachraum 1999. Aber der Autor, der nach dem Ende einer Karriere mit Arbeiten bei Rundfunk, Fernsehen und Theater erst im Alter zum literarischen Schreiben kam, hatte auch eine Reihe historischer Romane hervorgebracht. Daran erinnert Wagenbachs Verlegerin Susanne Schüssler im Vorwort des jetzt wieder veröffentlichten kleinen Romans „Der Lauf der Dinge“ (Il corso delle cose), denn der Berliner Verlag hatte keinen geringen Anteil an der Verbreitung des „anderen“ Camilleri nördlich der Alpen. Wobei es in diesen historischen Erzählungen nicht an kriminalistischer Entdeckerfreude mangelt, wie die Montalbano-Reihe ebenso immer wieder Geschichte widerspiegelt und hier wie dort liebevolle Ironie eine Hauptrolle spielt.

In Italien erschien die erste Ausgabe von Il corso delle cose 1978 gleichsam im Untergrund und wurde zwanzig Jahre später bei Sellerio wieder entdeckt, als Montalbano gerade die Sellerlisten eroberte. Mit welchem Genre hat nun alles angefangen? Ist „Der Lauf der Dinge“ ein Krimi?

Sicher, der Roman beginnt mit dem Fund einer Leiche und am Ende werden zwei weitere Personen erschossen, einer davon durch die Polizei. Es gibt einen Ermittler, aber die Ermittlung ist nur Teil eines Mosaiks von Begegnungen mit Menschen und Geschichten einer Kleinstadtgemeinschaft, mit ihren Traditionen und mafiösen Verwicklungen. Der literarische Höhepunkt des Buches ist nicht die Klärung eines Verbrechens, sondern die Beschreibung einer Prozession zu Ehren des Heiligen Calogero mit einem umwerfenden hintergründigen Witz, als sei sie ein Stück der Commedia dell’arte auf sizilianisch. 

Wobei es sicher kein Zufall ist, dass dieser dunkelhäutige Heilige (zusammen mit San Gerlando) auch der Stadtpatron von Porto Empedocle, dem Geburtsort von Camilleri ist. Dort wird der Heilige wie in der im Buch beschriebenen Ortschaft jeweils am ersten Sonntag im September gefeiert. Und drei Mal dürfen Leserin und Leser raten, an welchen Wochentag unser Autor zur Welt kam – der 6. September 1925 war natürlich ein Sonntag. Und während der kleine Andrea seinen ersten Schrei hören ließ, ließen die Bewohner bei der Prozession den Heiligen hochleben: „Ebbiva San Calò!“

Was man zum Genre von „Der Lauf der Dinge“ sagen kann: Der kleine Roman liest sich spannend wie ein Krimi. Wobei Camilleri in ihm schon die Erzähltechnik erprobt, die er später zur Meisterschaft gebracht hat. Er entwickelt Szenen, die er aneinander schneidet wie für ein Drehbuch. Eine Vorlage, die zugleich unmöglich wäre zu verfilmen, weil die Szenen jedes Mal neue Welten, ironische Anspielungen und Doppeldeutigkeiten öffnen, die sich erst im Kopf des Lesers auf „verschlungenen Wegen“ zu einer Einheit füllen, im Kinosaal aber nur Chaos gestiftet hätten. Deshalb ist es wichtig, die Szenen als getrennt voneinander wahrzunehmen. Im Druckbild werden sie jeweils von Leerzeilen getrennt.

Jetzt sind dummerweise auf den ersten Seiten des Buches ein paar Mal die Leerzeilen entfallen, was verwirren kann und auch zu ungewollt komischen Anschlüssen führt. Aber später klettert man an dieser Dramaturgie entlang und versucht, den grotesken Lauf der Dinge zu verfolgen. Wagenbach hat gut daran getan, Camilleris Erstling – die deutsche Übersetzung erschien erstmals 2002 bei Piper unter dem Titel „Der Hahn im Korb“ – anlässlich seines 100. Geburtstages wieder zugänglich zu machen, denn er gibt Ton und Motive für viele seine späteren Arbeiten vor. Dazu gehört auch die Entstehungsgeschichte des Buches selbst, die der Autor in einem Nachwort gleichsam als Roman im Roman schildert.

Andrea Camilleri: Der Lauf der Dinge. Roman. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Mit einem Vorwort von Susanne Schüssler und einem Nachwort des Autors. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2025. 144 Seiten, 22 Euro.

Wagenbach hat in der „Salto“-Reihe jetzt auch „Das Fliegenspiel. Sizilianische Geschichten“ in der Übersetzung von Moshe Khan (144 Seiten, 22 Euro) neu aufgelegt