Das Piccolo Teatro Milano erinnert an den Regisseur Luca Ronconi zehn Jahre nach seinem Tod mit einer Reihe von Initiativen in Zusammenarbeit mit dem Teatro alla Scala und dem römischen Teatro Argentino

Besprechung mit dem Ensemble: Luca Ronconi bei der Arbeit zu Brechts „Heilige Johanna“ am Piccolo 2012
Mailand – Luca Ronconi starb am 21. Februar 2015 im Alter von 81 Jahren in Mailand kurz nach der Uraufführung seiner letzten Inszenierung „Lehman Trilogy“ von Stefano Massini. In fast vier Jahrzehnten als Theater- und Oper-Regisseur, als Gründer von Theatereinrichtungen wie dem Laboratorio di Prato oder als Initiator des Kulturprogramms der Olympischen Winterspiele Turin 2006 hatte Ronconi die Bühnenlandschaft Italiens (und mit seinen Operninszenierungen auch darüber hinaus) geprägt. In der Nachfolge von Giorgio Strehler übernahm er 1998 bis zu seinem Tod die künstlerische Leitung des Mailänder Piccolo Teatro an der Seite von Sergio Escobar (Direktion). Ebenso die Leitung der von Strehler gegründeten Schauspielschule des Piccolos, die heute seinen Namen trägt. Mit einer Reihe von Initiativen erinnert die Mailänder Bühne jetzt an die künstlerische Präsenz von Luca Ronconi, mit der er das italienische Theater neuen kreativen Einflüssen geöffnet und ins 21. Jahrhundert geführt hatte.
Zu den Höhepunkten der Hommage Prosepettiva Ronconi („Die Ronconi Perspektive“) gehörte am 17. März ein bewegender Abend im historischen Saal des Piccolo (Teatro Grassi) mit einigen der bekanntesten Interpreten Ronconis wie Franco Branciaroli oder Massimo Popolizio, Laura Marinoni oder Galatea Ranzi. Sie traten in Lesungen und kurzen Szenen aus Inszenierungen der letzten zwanzig Jahre auf – zum Beispiel „Das Leben ein Traum“ (Calderón de la Barca), „Lolita – Sceneggiatura“ (Nabokov) oder „Professor Bernhardi“ (Schnitzler). Ein ähnlicher Abend ist in Rom am Teatro Argentino, das Ronconi 1994-98 geleitet hatte, u.a. mit Szenen aus „Verso Peer Gynt“ (Ibsen) geplant.
In den Foyers der drei Spielstätten der Mailänder Bühne (Teatro Strehler, Studio Melato, Teatro Grassi) werden gerade Zeichnungen, Skizzen, Modelle, Probenfotos, Kostüme etc von Ronconi-Inszenierungen ausgestellt. Im April soll eine Interview-Sammlung „Luca Ronconi, Gli anni del Piccolo 1998-2015” als Buch erscheinen (Il Saggiatore). Weitere Veranstaltungen widmen sich in den folgenden Wochen u. a. der Rolle des „Pädagogen“ Ronconi bei der Arbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern sowie sein Wirken in der Schauspielschule des Piccolo. Geplant sind zudem Konferenzen über seine Zusammenarbeit mit Bühnenbildnerinnen wie Margherita Palli oder mit dem Szenografen Marco Rossi.
Die Scala als Spielzeug
In La Scala, der Zeitschrift der Mailänder Oper (Februar 2025), erzählt Palli (hier) ausführlich von Ronconis Operinszenierungen und von den „verrückten Einfälle, die nur hier mit den besten Werkstätten und den besten Bühnentechnikern der Welt möglich waren“ – zum Beispiel in der Tosca (1997) mit „krummen“ barocken Perspektiven. Die Scala, so Palli, „war sein Spielzeug“.

Krumme Perspektiven: Bühnenbild von Margherita Palli der Tosca-Inszenierung an der Scala 1997 in der Regie von Luca Ronconi (musikalische Leitung Semyon Bychkov)
Im Domenicale , dem sonntäglichen Kulturteil der Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore (2. März), nannte Goffredo Fofi den „Theatergenossen“ Luca Ronconi als „ästhetisch unvoreingenommensten aller unserer Theatermacher, ein Zeitgenosse mehr als jeder andere.“ Fofi erinnerte an die denkwürdige Turiner Inszenierung im Jahr 2006 eines Briefwechsels des Sozialisten Vittorio Foa mit den Kommunisten Alfredo Reichlin und Miriam Mafei unter dem Titel „Il silenzio dei comunisti“ (Das Schweigen der Kommunisten). Drei Monologe, die ein Gespräch zu dritt formten, über die Wertvorstellungen des Sozialismus und die Unfähigkeit der (Alt)Kommunisten auf die radikalen Veränderungen der Zeit zu reagieren. Das waren Monologe, so Fofi, „in denen das Wort das Primat der Zentralität und dadurch Kommunikation zurückgewinnt“.
Was bleibt von Luca?
Am 14. Mai 2025, dem 78. Jahrestag der Gründung des Piccolos, soll es ein Netzverbund von Veranstaltungen in der Akademie und Pinakothek Brera, dem Teatro alla Scala und dem Teatro Grassi geben.
„Was bleibt von Luca?” Claudio Longhi, langjähriger Assistent und Freund Ronconis, der inzwischen selbst (seit Dezember 2020) das Piccolo Teatro Milano leitet, antwortet: „Ein wütender und sinnlicher Gebrauch und Missbrauch der Sprache, um ihre Bedeutung und ihren Sinn zu extrahieren. Eine kompromisslose und nicht verhandelbare Aufforderung, immer und nur groß zu denken. Eine pantagruelische und unerschöpfliche Neugierde.“
Prospettiva Ronconi – Programma di iniziativa promosso dal Piccolo Teatro di Milano – Teatro d’Europa nel decimo anniversario della morte. Info: hier
Auf Cluverius siehe auch „Ein Traum von Unendlichkeit“ – Ausstellungen zu Luca Ronconi ein Jahr nach seinem Tod an der Scala und im Piccolo Teatro, sowie im Archiv eine Rezension der Inszenierung der „Lehman Trilogy“ Februar 2015 in der Süddeutschen Zeitung „Die Ballade von den Lehman Brothers“


