ALTE VERHÄLTNISSE AUFBRECHEN


Mehr Autos oder mehr Natur?  Wie unsere Innenstädte mehr Lebensqualität entwickeln können, wenn Eigentum ökologisch verpflichtet wird und sich der urbane Raum als Ganzes unter den Prämissen einer produktiven Stadtlandschaft nachhaltig entwickelt. Ein Gastbeitrag von Andreas Kipar (*)

© Nicola Colella / LAND srl

Mailand:  Wohnen, leben, arbeiten in der Innenstadt – Treppe im Viertel Porta Nuova

Mailand/Stuttgart – Ach, die City! Die Gründe ihres Niedergangs sind bekannt. Aus einer sich monofunktional zum Einkaufszentrum entwickelten Innenstadt ohne Wohn- und Erlebnisräume wurden die Menschen vertrieben. Sie reisten nur noch zum Shopping an. Die Sucht nach Kapitalrenditen ließ kulturelle Anregungen, soziale Treffpunkte, gastronomische Angebote von Qualität und nicht kommerzielle Arbeitsplätze verkümmern. Internet, der zunehmende Onlinehandel und ein verändertes Konsumverhalten hatten den stationären Einzelhandel und die Warenhäuser bereits in eine Krise gestürzt, als Covid ihnen den Garaus machte und die Innenstädte endgültig verödeten. Die wachsenden, immer mehr Menschen fesselnden urbanen Räume sind aber auf sozial und kulturell lebendige, auf touristisch und wirtschaftlich attraktive Zentren angewiesen, durch die städtische Gemeinwesen einen Zusammenhalt entwickeln können.

Nur ein anziehendes Zentrum verhindert, dass urbane Gürtel und Randbereiche sich ghettoisieren oder verwahrlosen. Ohne eine City verliert eine Stadt sprichwörtlich ihre Mitte, ihren Halt und wird zu einem Konglomerat mäandernder urbaner Räume.

Wenn wir an die Entwicklung der europäischen Stadtformen der Moderne denken, haben wir eine Trennung nach Funktionen erlebt: Hier das Wohnviertel, dort der Industrievorort, hier das Verkehrs- und Vergnügungszentrum, dort die Einkaufsmeile. Und für die Beziehung zur natürlich Umwelt kam gelegentlich ein Park dazu, aber oft nicht mehr als ein Grünstreifen am Rande baumloser Verkehrsachsen. Wer mehr wollte, setzte sich ins Auto und fuhr aufs Land, das sich seinerseits in einen Servicebetrieb für entnervte Städter verformte, bevor es von der unkontrolliert wachsenden Stadt ganz eingeholt wurde.

Bereits Mitte der 1960er-Jahre analysierte ein kritischer Geist wie Alexander Mitscherlich: „Die hochgradig integrierte alte Stadt hat sich funktionell entmischt. Die Unwirtlichkeit, die sich über diese neuen Stadtregionen ausbreitet, ist niederdrückend.“

Das Quartier als Lebensraum

Auch das ist bekannt: Die Innenstadt von morgen muss sich unter der Prämisse der Nachhaltigkeit durch eine Mischnutzung aus Wohnen und Produzieren, aus Arbeit, Handel und Kultur innerhalb einer produktiven Stadtlandschaft entwickeln. Zentren vermitteln für die Demokratie wichtige Identitäten, indem sie die Repräsentation historischer, politischer und gesellschaftlicher Einrichtungen mit dem Erlebnis von Freiräumen und mit sozialen Treffpunkten verbinden. Zentralitäten, die sich bereits in den jeweiligen, immer mehr an Bedeutung gewinnenden Stadtvierteln herausbilden.

© LAND srl

Vercelli: Aus einer Verkehrsachse wird eine lebenswerte Straße (Rendering Masterplan LAND)

Das Modell der alten Innenstadt von Großstädten als einzigem Zentrum hat ausgedient, an seiner Stelle entwickelt sich das Muster von vielen „Innenstädten“ in den Quartieren, die sich mehrpolig um die City einer Metropole herum gruppieren und mit ihr in Beziehung treten. Denn es sind die Stadtviertel mit ihren jeweiligen Zentren, die den Lebensraum von den Menschen prägen, die in ihm wohnen, arbeiten und sich sozial vernetzen. Wie die Diskussionen um das Modell der 15-Minuten-Stadt gezeigt haben, wächst die Bereitschaft von Einzelnen wie von Gemeinschaften, von Unternehmen oder von öffentlichen Einrichtungen, sich in konkreten Lebensräume zu engagieren und sie mitzugestalten.

Die Umwelt als Mitwelt

Es sind Lebensräume, die Lebensqualität einfordern, für die die Beziehung von Mensch, Natur und Stadtkultur zentral ist. Wobei Natur eine entscheidende Rolle spielt. Einmal aus der vor allem während der Industrialisierung missachteten Grundvoraussetzung heraus, dass der Mensch Teil der Natur ist und die Umwelt in ihrer Biodiversität für den Menschen eine überlebenswichtige Mitwelt ist. Das jedoch bedeutet zugleich, dass Natur die Beziehung des Menschen zur Stadtkultur „moderiert“. Negativ, wenn Natur unterdrückt, in ein paar Parkanlagen musealisiert oder hinter die Stadtgrenzen ans Land delegiert wird. Positiv, wenn sie stattdessen den urbanen Raum im nachhaltigen Sinn „erobert“ und ihn durchmischt wie Hefe den Brotteig. Wenn wir jetzt die Stadt auch unter den Geboten der Klimakrise zum Gewinn von Lebensräumen „umbauen“, haben wir nicht mehr das rein funktionale Bild der alten Stadt vor Augen, sondern einen Hybrid aus Bau-, Frei- und Naturraum – zum Beispiel in Italien in Mailand im Projekt Porta Nuova oder in der Innenstadtentwicklung von Vercelli.

In den Innenstädten geht es deshalb darum, den öffentlichen Raum neu zu definieren, Barrieren abzuschleifen, Bordsteine herauszunehmen, Flächen zu schaffen, Bäume zu pflanzen, die Böden aufzureißen, „shared spaces“ anzubieten. Flächen etwa, die eine Mehrfachnutzung ermöglichen. Es sind sicher nicht mehr Autos, wie kürzlich in politischen Kreisen gefordert wurde, die die Zukunft der Innenstädte sichern können. Aber das Auto bleibt mit vielen Funktionen notwendig und es wäre ein Fehler, den sich zudem technologisch digital entwickelnden Autoverkehr zu verteufeln. Eine zunehmend hybride Nutzung von Straßen und Flächen, die zeitweise für den Autoverkehr gesperrt und zeitweise für ihn offen sind – wie es rudimentär bereits an Markttagen zu erleben ist – wird neue Mobilitätsformen bestärken, in denen das Auto ein wichtiger Teil (aber eben nur ein Teil) bleibt.

Landwirtschaft in urbanen Räumen

Einige Kommunen in der Region Stuttgart suchen zusammen mit der IBA’27 nach zukunftsweisenden Strategien, um dieses Geflecht neu zu strukturieren und Orte der Bewegung in Orte der Begegnung zu wandeln, um Identitätsstiftung und gesellschaftlichen Zusammenhalts neu zu definieren. Stuttgart kommt aus der Tradition der Vernetzung von Grünflächen im „Grünen U“ und macht sich jetzt auf den Weg, um mit neue Studien über die Nutzung des öffentlichen Raums an diese Tradition anzuknüpfen. Da spielen ganz verschiedene Phänomene ein Rolle. In der Region etwa auch die Notwendigkeit, die „nature-postive city“ als „nature-postive landscape“ zu verstehen und wie in einem IBA-Projekt in Fellbach landwirtschaftliche Produktion in urbanen Räumen wieder heimisch zu machen. Mehr Stadtgrün im Heilbronner WIR-Pakt bei der Bewerbung um die Auszeichnung als „European Green Capital“ – Heilbronn war im EU-Wettbewerb für 2025 ins schließlich von Vilnius (Litauen) gewonnenen Finale gekommen – prägt wiederum die Entwicklung gerade des Zentrums einer mittelgroßen Stadt.

© Stella Zoe Schmidler/LAND srl

Stuttgart: Der AgriPark Fellbach verbindet Stadt und Land

Das sind Themen, die deutschland- und europaweit gedacht, interpretiert und gespielt werden. Düsseldorf denkt über eine „Zeitwende für die Innenstadt“ nach. Paris sucht über alle Widerstände hinweg in den Quartieren Wege zur 15-Minuten-Stadt. Wien hat mit der Entwicklung des 7. Bezirks geradezu eine Vorreiterrolle übernommen. Dort soll Straßenraum neu verteilt und umgestaltet werden: „Grüner, schattiger und kühler, gendersensibel, sicher und alltagstauglich und mit mehr Platz für aktive Mobilität und schnelle, effiziente Öffis und Sharing-Angebote.“

Ökologische Verpflichtung des Eigentums als Verfassungsrecht

Wenn solche Ziele sich immer deutlicher herausschälen, dann steht ein Paradigmenwechsel an. Die Stadt darf nicht länger allein nach gewinnorientierten Interessen organisiert werden. Gutes Zureden bleibt letztlich hilflos. Es braucht Verpflichtungen. Sicher: Natur Eigenrechte zuzusprechen, wie hier und da in der Wissenschaft diskutiert wird – hier etwa Tilo Wesche –, scheint kein praktikabler Weg. Aber Deutschland (Artikel 14 Grundgesetz) oder Italien (Artikel 42/43 der Verfassung) zum Beispiel haben durch die soziale Verpflichtung („Wohl der Allgemeinheit“) des Eigentums über Jahrzehnte hinweg einen Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit und eine demokratisch organisierte Entwicklung der Gesellschaft ermöglicht. Jetzt muss auch eine durch die Verfassung garantierte ökologische Verpflichtung des Eigentums dazu kommen. Damit das „Wohl der Allgemeinheit“ nicht nur sozial, sondern auch nachhaltig definiert wird, um einen Interessensausgleich zwischen Kapital und Natur mit dem Ziel von mehr Lebensqualität zu erreichen.

Lange hat man nicht nur die Stadtentwicklung, sondern vor allem die hieraus resultierenden Probleme Raum-, Stadt- und Verkehrsplanern überlassen. Heute sind mehr denn je auch die Landschaftsarchitektur und die Zivilgesellschaft gefragt. Denn allein über die Natur und ihren Freiräumen können wir Stadträume als urbane Landschaften neu denken, die vom Menschen und seinen Bedürfnissen ausgehen. Urbane, grün implantierte Landschaften greifen die Klimaanpassung auf, nutzen Wasser produktiv, kühlen, schaffen Biodiversität. Vor allem: Diese ökosystemischen Dienstleistungen sind messbar und können in Zukunftsplanung eingehen. Wenn wir heute mit Natur nachhaltig planen und Stadtlandschaften kultivieren, werden zukünftige Generationen wachsende Lebensqualität ernten können, denn Natur wächst zwar langsam, aber unermüdlich (wenn wir sie lassen).

© Courtesy of Nhood

Mailand Piazzale Loreto: Aus einem Platz für Autos wird ein Platz für Menschen (Rendering nach Masterplan LAND für ein Nhood-Projekt)

Nur wenn wir die alten Verhältnisse aufbrechen, geben wir der Innenstadt von morgen, die auf der Stadt von heute aufbaut, eine Entwicklungschance. Es muss wehtun, etwa durch Einschränkung des Autoverkehrs wie in Mailand durch das Projekt der Neuorientierung des Piazzale Loreto. Der wird von einer ebenerdigen Verkehrsdrehscheibe zu einer mehrstöckigen Drehscheibe für Menschen umgestaltet, die in das dahinterliegende Viertel ausstrahlt, es entwickelt und gleichzeitig zur Mailänder Innenstadt in eine neue Beziehung setzt.

Rückgewinnung der Wirtlichkeit

Die Veränderungen können jedoch nicht gegen, sondern nur mit den Menschen gestaltet werden. Klimaschutz und naturbasierte Lösungen müssen in den Städten „eine Heimat bekommen“, wie es der Wuppertaler Oberbürgermeister und Wirtschaftswissenschaftler Uwe Schneidewind einmal formuliert hat, damit Bürgerinnen und Bürger sich mit ihnen identifizieren können. So werden wir über die ökologische Verpflichtung von Eigentum in einem ethisch-demokratischen Prozess erneut Teil der Natur, die wir zu lange als etwas Fremdes verachtet hatten – ein epochaler Umbruch. Und urbane Räume können ihre Wirtlichkeit wieder gewinnen, die ein Mitscherlich schmerzlich vermisst hatte.

Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in der Stuttgarter Zeitung am 9./10.11.2024 unter dem Titel „Grün, schattig, sicher“

© Ralph Richter/LAND srl

 

(*) Andreas Kipar, Landschaftsarchitekt & Urbanist, Geschäftsführender Gesellschafter des Beratungs- und Planungsunternehmen LAND mit Niederlassungen in Mailand sowie in  Düsseldorf, Lugano, Montreal, Riad und Wien.

 siehe auf Cluverius zur Verleihung des Halstenberg-Preises 2024 an Andreas Kipar „Ein Pingpong an Projekten“

zum Thema Transformation der Stadt siehe auf Cluverius das Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler und OB von Wuppertal Uwe Schneidewind „Leichtigkeit entlocken“