80 Jahre Kriegsende (2): Italien beginnt sich mit dem deutschen Widerstand auseinanderzusetzen, Deutschland tut sich immer noch schwer von Deserteuren der Wehrmacht zu erzählen, die aufseiten der italienischen Partisanen kämpften – neue Veröffentlichungen als Beiträge zum Aufbau einer europäischen Erinnerungskultur

Deserteure der Wehrmacht 1944 bei den Partisanen der 19. Brigata Garibaldi im Piemont. Links Heinz Brauwers und Hans Jürgens.
Mailand/Turin – 80 Jahre nach Kriegsende bleibt in Italien die Diskussion über die Rolle und die Bewertung der Resistenza und die Ereignisse der deutschen Besatzung lebendig. In den vergangenen Jahren wurde dazu in einigen Veröffentlichungen der Blick auf Deutschland und die Deutschen nicht nur auf die Täter gerichtet, sondern auch auf die, die gegen die Nazi-Diktatur opponiert hatten. Bei Laterza ist jetzt zum ersten Mal eine Art Gesamtüberblick über den deutschen Widerstand erschienen, der bereits im Titel eine gewisse Vorläufigkeit ausdrückt: „Storie della Resistenza tedesca“. Also „Geschichten“, nicht „Geschichte“ des Widerstands.
Der Autor Tommaso Speccher, Historiker aus Rovereto und zurzeit Forscher am Jüdischen Museum Berlin, ist sich bewusst, dass die Geschichte des deutschen Widerstands „ein Mosaik aus äußerst heterogenen Kontexten, Biografien und Ereignissen ist“. Zumal es im Reich selbst keine einheitlich auftretende und handelnde deutsche Widerstandsbewegung gegeben hatte. Aber es gab eine ganze Reihe von Persönlichkeiten oder Gruppen von der Swing-Jugend zu Georg Eisler, von der Bästlein-Gruppe zu Dietrich Bonhoeffer und natürlich zu Stauffenberg und den 20. Juli.
Ein differenzierteres Deutschlandbild
Tommaso Speccher skizziert mit dieser verdienstvollen Arbeit für ein italienisches Publikum zumindest Umrisse eines vielleicht nicht anderen, aber doch differenzierten Deutschlandbildes. Wobei er allerdings die Bedeutung etwa des antifaschistischen Widerstands der Arbeiterbewegung unterschätzt – vielleicht weil sie in der DDR-Geschichtsschreibung, von der sich Speccher deutlich absetzt, überschätzt worden war.
Merkwürdig, dass der Autor den Teil des Widerstands ausklammert, der sich in seinem Heimatland Italien während der Besatzung nach dem 8. September 1943 abgespielt hatte. Die Zahl der in Italien desertierten Soldaten hatte bereits im Sommer 1944 ein erhebliches Ausmaß erreicht. Einer der bekanntesten. Fälle war der Schriftsteller Alfred Andersch. Sein Name fehlt im langen Personenverzeichnis der „Storie della Resistenza tedesca“ ebenso wie der des Intellektuellen Heinz Riedt, der sich als Student in Padua der bürgerlichen Widerstandsgruppe Giustizia e Libertà angeschlossen hatte und sie mit Informationen versorgen konnte, die er bei seiner Tätigkeit als Übersetzer für die SS in Erfahrung gebracht hatte. Heinz Riedt arbeitete später als literarischer Übersetzer aus dem Italienischen und übertrug etwa Primo Levis bedeutende Auschwitz-Erzählung „Se questo è un uomo“ (1947/1958) für den S. Fischer Verlag ins Deutsche: „Ist das ein Mensch?“ (1961).
Der Briefwechsel Levi Riedt bei Einaudi
Aus der Zusammenarbeit bei dieser Übersetzung konnte sich eine Freundschaft zwischen Levi und Riedt entwickeln, was eine ausführliche Korrespondenz in italienischer Sprache mit rund 200 Briefen dokumentiert, die im vergangenen Herbst in einem von Martina Mengoni herausgegebenen Band bei Einaudi veröffentlicht wurde („Il Carteggio con Heinz Riedt“). Teile des Briefwechsels sind auch auf einer Ausstellung in Turin „Giro di Posta – Primo Levi, le Germanie, l’Europa“ (bis 5. Mai im Palazzo Madama, Info hier) zu sehen. Da kann man aus der Feder Levis zum Beispiel lesen: „Ich habe nie einen Hass gegen das deutsche Volk gehegt, und wenn ich ihn gehabt hätte, wäre ich jetzt, da ich sie getroffen haben, davon geheilt.“ Und Riedt schrieb: „Und Ihrem Buch, das so notwendig und richtig ist, kann ich nur wünschen, dass es in Deutschland klug gelesen wird, dass es nicht zu wenigen, sondern zu vielen, sehr vielen ‚spricht‘, dass es eine ‚Wirkung‘ hat.“
Martina Mengoni hatte Heinz Riedt und seine Rolle im italienischen Widerstand bereits ausführlich in dem Sammelband „Partigiani della Wehrmacht – Disertori tedeschi nella Resistenza italiana“ (2021) vorgestellt. In dieser von Mirco Carrattieri e Iara Meloni herausgegebenen Untersuchung kommt es mit der Beschreibung von Einzelfällen gleichsam zu einer kleinen Symbiose der italienischen Resistenza und des deutschen Widerstands.
Deutsche Deserteure in der Resistenza
Die Desertion war eine sehr riskante Entscheidung, denn man musste der Bestrafung durch die eigene Armee entgehen – nicht selten drohte die Todesstrafe – und gleichzeitig die Partisanen von der Güte seiner Absichten überzeugen. „Es scheint jedoch, dass viele Deserteure Hilfe bei der italienischen Bevölkerung fanden.“ Das schreibt Lutz Klinkhammer von Deutschen Historischen Institut Rom in einem Vorwort dieses leider bislang nur auf Italienisch vorliegenden Bandes. „Da es nur wenige Dokumente aus dieser Zeit gibt, sind die mündliche Überlieferung und die Erzählungen von Partisanen eine wichtige Quelle, um Ausschnitte aus dem Leben von Menschen zu rekonstruieren, die bis heute weitgehend unbekannt sind. Und die hier versammelten Essays haben das Verdienst, ein neues Licht auf diese Ereignisse zu werfen.“ Ausschnitte aus dem Leben etwa von Heinz Brauwers in Turin, Günter Frielingsdorff in der Maremma, Werner Goll in Genua oder Jakob Hoch im Piacentino.
Rudolf – der gute Deutsche
Ebenso wird von Rudolf Jacobs aus Bremen erzählt, der sich im Sommer 1944 von der Wehrmacht löst und in den ligurischen Hügeln von Sarzana einer Gruppe der Brigata Garibaldi anschließt. Er stirbt im November 44 bei dem Versuch seiner Gruppe, in Sarzana eine Kaserne der Faschisten zu erstürmen. Im Ort bekommt Rudolf, der gute Deutsche, nach dem Kriegsende ein Ehrengrab. Der Geschichte von Rudolf Jacobs widmet sich auch die Veröffentlichung „Il buon tedesco“ von Carlo Greppi (Laterza 2021). Jacobs gehört zu den wenigen Widerstandskämpfern aus den Reihen der Wehrmacht, die inzwischen in Deutschland geehrt werden. Ulrike Petzold erzählt von ihm in dem kürzlich erschienenden Buch „Rudolf Jacobs. Ein Bremer Partisan in Norditalien“ (Edition Temmen, 2024).
In der Einleitung zu ihrem Band „Partigiani della Wehrmacht“ bewerten die Herausgeber die Beschäftigung mit der leidvollen Geschichte der deutschen Deserteure, die zur Resistenza überliefen, als Beitrag zum Aufbau eines europäischen Gedächtnisses, einer kritischen Erinnerungskultur, „die auf der Priorisierung der Geschichte, der Infragestellung nationaler Stereotypen und der Anerkennung der Erinnerungen der anderen beruht.“
Tommaso Speccher: Storie della Resistenza tedesca. Laterza, Bari/Roma (2025). 196 pagg., 18 Euro
Primo Levi: Il carteggio con Heinz Riedt. A cura di Martina Mengoni Einaudi, Torino (2024). LII-420 pagg., 23 Euro
Mirco Carrattieri / Iara Meloni (a cura di): Partigani della Wehrmacht. Disertori tedeschi nella Resistenza itaiana. Le Piccole Pagine, Calendasco (2021). 359 pagg., 20 Euro
Carlo Greppi: Il buon tedesco. Laterza, Bari/Roma (2021). 280 pagg., 18 Euro
Ulrike Petzold: Rudolf Jacobs. Ein Bremer Partisan in Norditalien. Edition Temmen, Bremen (2024). 112 Seiten, 14,90 Euro
Info zur Ausstellung „Giro di Posta – Primo Levi, le Germanie, l’Europa”
siehe auch auf Cluverius „Die Demokratie hängt von uns ab“ – Italienische Debatten zum 80. Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus




