ÄRGER UND VERZAUBERUNG


Paolo Rumiz unternimmt eine Reise durch das unterirdische Italien und erzählt in seinem Buch „Eine Stimme aus der Tiefe“ (Folio Verlag) ein Land, das weder geologisch noch gesellschaftlich zur Ruhe kommt

© Gallerie d'Italia / Intesa SanPaolo

„Als ob die Flammen die ganze Welt verbrennen wollten“ – Erinnerung an einen Ausbruch des Vesuvs. Darstellung von Andy Warhol (in der Ausstellung der Gallerie d’Italie, Milano, „Una collezione inattesa. La nuova arte degli anni sessanta“ der Bankgruppe Intesa SanPaolo bis 5. Oktober 2025)

Mailand – „In Italien sind das Schöne und das Schreckliche – wie das Seismische und das Fruchtbare – kein Widerspruch, sondern eine geheimnisvolle, in den Eingeweiden der Erde verborgene Einheit.“ Von dieser These ausgehend macht sich der Schriftsteller und Journalist Paolo Rumiz  auf zu einer Reise durch sein Heimatland vom Süden in den Norden, von Sizilien bis Friaul. In seinem Buch „Eine Stimme aus der Tiefe“ geht es an geologischen Verwerfungslinien zwischen der eurasischen und der afrikanischen Kontinentalplatte entlang. Ein Spannungsraum, in dem sich der Apennin aufgefaltet hatte, der in der Länge durch Italien verläuft. Dort, wo heute noch „Vulkane explosive Magmakammern speisen und in Höhlen menschlich anmutende Rufe ausgestorbener Lebewesen ertönen.“

Mit großem Schwung ist der Autor unterwegs, springt gerne von einer Beobachtung zu nächsten. Manchmal gibt er dem Leser kaum Zeit zum Atemholen und reiht Thema an Thema. Hat er einen Gesprächspartner oder eine Partnerin vorgestellt, schon führt er den nächsten Experten vor. Das hat damit zu tun, dass dieses Buch eine Reise beschreibt, die sich aus vielen Mosaiken zusammen setzt, aus Reportagen und Berichten, die Paolo Rumiz in den 14 Jahren zwischen 2009 und 2023 für die römische Tageszeitung „la Repubblica“ geschrieben hatte.

© Cluverius

„Meine Heimat ist ein Seismograf aus Stein.“ Paolo Rumiz, geboren 1947, lebt in Triest und im slowenischen Karst. Von ihm ist auf Deutsch zuletzt erschienen: „Europa. Ein Gesang“ (Folio Verlag 2023)

Und es hat mit der Erzählhaltung zu tun: Hier möchte ein 77-jähriger Mann noch einmal in einem großen Bogen seine Begeisterung für sein Heimatland vermitteln, für italienischen Reichtum an Natur, Kultur und Menschlichkeit. Ein Reichtum, der auf einem ruhelosen Untergrund aufbaut, auf Vulkanen, Explosionen und Erdbewegungen, Höhlen und unterirdischen Flüssen. Ein Reichtum an Eindrücken, Erinnerungen und Träumen. Und dafür setzt er eine manchmal poetische und gelegentlich pathetische Sprache ein. Gleich im ersten Absatz seines Vorwortes „für Leser jenseits der Alpen“ warnt er: „Um von all dem erzählen, es evozieren zu können, benötigt man ein Arsenal von Gleichnissen und Metaphern, dessen die Welt an der Oberfläche kaum bedarf.“

Zwischen gegensätzlichen Gefühlen

Und zugleich wird diese Begeisterung gebrochen eben doch durch die Welt an der Oberfläche. Wenn etwa Dörfer im Apennin von der Landkarte verschwanden und sie in der Fragilität der Peripherie ihre Namen verloren, „der mit dem Verlust der Biodiversität einherging.“ Seine Erzählungen schneidet Rumiz mit der Falschheit der Politik eines „ruchlosen Landes wie Italien“, mit der Rücksichtslosigkeit des kapitalistischen Profitstrebens in der Bauwirtschaft und der Oberflächlichkeit des Konsumismus. „Auf meinen Reisen durch Italien hatte ich mich schon daran gewöhnt, zwischen zwei gegensätzlichen Gefühlen zu schwanken: Ärger und Verzauberung.“  Und ihn durchziehen Wut gemischt mit Trauer, die er in den Worten eines befreundeten Geologen zusammenfasst: „Ich beschäftige mich mit Gestein, weil ich die Menschen nicht mehr aushalte.“

Doch Paolo Rumiz will in diesem Buch nicht als ein alter Grantler auftreten nach dem Motto, früher war alles besser. Er sucht weiterhin das Lebendige im Heute. Er läuft, wenn er kann,„barfuß auf dem Moos entlang der Bäche“, lässt Städte  „nach Anis und Spanferkel“ duften und übertreibt schamlos, dass es in Italien „fünfundsiebzig Prozent der internationalen Kunstschätze“ gäbe. Oder er kommentiert ein Konglomerat von nicht enden wollenden Erinnerungen ironisch mit dem Satz: „Ein Galopp durch Zeiten, den wir mit einer Flasche Malvasier beendeten.“ Wobei er Leserinnen und Leser gerne daran erinnert, dass Essen und Trinken Kulturbeschäftigungen in Verbindung mit den jeweiligen Landstrichen sind.

In der Spannung von G-Dur und a-Moll

Ein Höhepunkt bilden sicher die Kapitel über Neapel und Umgebung: Das Leben an den Hängen des rauchenden Vulkans, auf den bebenden Phlegräischen Feldern, im lauten Untergrund, wo man mit den Toten spricht. Gespräche über Licht und Schatten, wo Zeugen von Walter Benjamin bis Riccardo Muti zu Worten kommen. Ein Muti, der „vom Grund seines neapolitanischen von der Höhe seiner Meisterschaft als Dirigent“ geschrieben hatte, dass die Tonart Neapels G-Dur sei und der Klang Neapels „einer riesigen Muschel“ gleiche. Was den Autor an einen Sizilianer erinnerte, der ihm voller Überzeugung gesagt hatte, die Tonart seiner Insel sei „Moll, höchstwahrscheinlich a-Moll“. Dur gegen Moll, neapolitanischer Pragmatismus gegen sizilianischen Fatalismus, Komödie gegen Tragödie. Selten wurde der Gegensatz zwischen diesen beiden großen süditalienischen Volksgruppen so klangvoll heraus gearbeitet.

„Eine Stimme aus der Tiefe“ ist ein Reisebuch, das nichts mit einem touristischen Führer gemein hat und doch durch Landschaften führt, die mit Mythen, Wissenschaft und Alltag getränkt sind. Vom Erdbeben im Belicetal über das in Irpinia, L’Aquila, Amatrice bis nach Venzone in den Alpen Friauls. Vom Ätna zum Vesuv. Vom Überleben in den Sassi Materas zum Wiederaufbau Ferraras Ende des 16. Jahrhunderts. Von kalabrischen Höhlen zu piemontesischen Bergwerken.

Ein Reisebuch, das Leseabenteuer bietet, wenn man sich auf „Echos und Dröhnen, Zischen und Fauchen“ von Verkrustungen wie von Gedanken einlässt – und auf Sterne, die nachts „wie brennende Fackeln“ glühen. © Folio Verlag

Paolo Rumiz: Eine Stimme aus der Tiefe. Reise durch das unterirdische Italien. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag Wien/Bozen (2025). 303 Seiten, 28 Euro

Siehe auf Cluverius auch „Über alle Gräben“ hinweg, wie Paolo Rumiz eine Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas, unternimmt