WENN DIE FINSTERNIS SICH VERFLÜCHTET


Vage Erinnerungen bei einem Tötungsdelikt und die Lebenskrise eines Anwalts in dem Roman „Der Horizont der Nacht“ von Gianrico Carofiglio. Im Gespräch unterstreicht der Autor die Bedeutung des Zweifels

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Der Horizont, die Linie, die Himmel und Erde trennt, nachts ist er nicht zu sehen. „Existiert er also nicht?“ fragt sich der Protagonist im Roman von Gianrico Carofiglio. Oder müssen wir uns etwas denken, um uns etwas, das wir nicht sehen können, zu vergewissern? Zweifel kommen auf (-malerische Skizze HK)

Mailand/Bari – Eigentlich ist das Fall von Anfang an klar, der sich in Bari, der Regionalhauptstadt Apuliens, abgespielt hat. Täterin und Opfer sind bekannt. Eine Frau, Elvira, hat den gewalttätigen Liebhaber ihrer Zwillingsschwester erschossen, die wenig zuvor aus Verzweiflung den Freitod gesucht hatte. Doch für den Anwalt Guido Guerrieri ist es nicht klar, ob Elvira vorsätzlich getötet hat oder ob sie, wie sie später behauptet, im Laufe einer Auseinandersetzung aus Notwehr gehandelt habe. Zeit und Erinnerung werfen Fragen auf. Ihre Beantwortung wird in einem Prozess über das Strafmaß und damit über die zukünftigen Lebensumstände von Elvira entscheiden. Das ist der kriminalistische Spannungsbogen in dem Roman „Der Horizont der Nacht“ von Gianrico Carofiglio, den Verena von Koskull im Folio Verlag aus dem Italienischen übersetzt hat.

Doch es gibt noch einen zweiten Fall in dieser Geschichte. Und das ist der von Guido Guerrieri selbst, den aufmerksame Leserinnen und Leser in früheren Romanen – meist bei Goldmann übersetzt – als Strafverteidiger (und bei seinen Spaziergängen durch Bari) begleiten konnten. Eine persönliche Krise führt den Ich-Erzähler Guerrieri jetzt seinerseits in die Hände eines „Anwalts“, eines Psychoanalytikers der Jung’schen Schule, den ihn ein guter Freund empfohlen hat. Während Guerrieri weiter als Jurist perfekt „funktioniert“, seine Mandantin professionell auf den Prozess vorbereitet und sie durch ihn begleitet, zeigt er sich fragil zweifelnd im eigenen „Prozess“ der Selbstbefragung.

Traurigkeit im Herzen

Auch hier geht es um Zeit und Erinnerung. Um vergangene Beziehungen, verpasste Gelegenheiten, Traurigkeit im Herzen und um seine Rolle als Anwalt. Am Ende muss er sich eingestehen, im Prozess gegen Elvira die falsche Verteidigungsstrategie gewählt zu haben – was aber nicht unbedingt zum Nachteil der Angeklagten führt. Aber Guerrieri fängt an, seine Sinnkrise zu überwinden, indem er nach vorne blickt, „ohne zu vergessen“.

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Der Autor Gianrico Carofiglio bei einem Treffen mit Journalisten in Rom

Diese beiden Spannungsbögen führen durch einen Roman, der mehr ist als ein Krimi und zugleich ohne seine kriminalistischen und damit juristischen Aspekte keinen Gehalt hätte. Denn der Autor Gianrico Carofiglio, 1961 in Bari geboren, ist eng mit ihnen verknüpft und weiß, worüber er schreibt. Er arbeitete lange als Staatsanwalt (vor allem bei Untersuchungen gegen organisierte Kriminalität), war Berater der parlamentarischen Antimafia-Kommission und unterrichtet heute als Lehrbeauftragter für juristische Sprachformen an der Universität Bologna/Ravenna. So zeichnen sich auch seine Kriminalromane als präzise, gleichsam lehrbuchartige Beschreibung polizeilicher und gerichtlicher Vorgänge aus. Und während Guido Guerrieri Stress abbaut, indem er mit Boxhandschuhen auf einen Punchingball einschlägt, hält sich der Autor als Träger eines schwarzen Gürtels in Karate sportlich fit.

Ein Intellektueller, der sich einmischt

Als Intellektueller mischt sich Carofiglio seit Jahren in das gesellschaftliche und politische Leben in Italien ein. Er vertrat etwa von 2008 bis 2013 den sozialdemokratischen Partito Democratico im Senat, der zweiten Parlamentskammer. Heute gilt er als einer der Wortführer einer Bewegung gegen eine geplante Verfassungsänderung des italienischen Rechtssystems durch die Meloni-Regierung. Ende des Monats (22./23. März) findet dazu eine Volksabstimmung statt.

Neben erfolgreichen und in viele Sprachen übersetzen Romanen veröffentlichte Gianrico Carofiglio eine Reihe von Essays, die gleichsam in einer Art Pingpong Themen aus seinen Romanen theoretisch weiterführen oder sie ihnen vorgeben. So war es sicher kein Zufall, dass kurz nach der Veröffentlichung des Originals von „L’orizzonte della notte“ 2024 der Essay „Elogio dell’ignoranza e dell’errore („Lobrede der Ignoranz und des Fehlers“) bei Einaudi als Nachdenken über eines der Grundthemen von „Der Horizont der Nacht“ erschien. Die ethische (und auch wissenschaftstheoretische) Bedeutung nämlich Fehler und Misserfolge als notwendige Etappen auf dem Weg der (Selbst-)Erkenntnis zu verstehen und sie als Möglichkeit zu nutzen, Horizonte zu erweitern.

Eine Art von Bildungsroman

Auf den Zusammenhang zwischen Essays und Romanen angesprochen, unterstreicht der Autor, dass es ihm in erster Linie darauf an komme, „eine Geschichte gut mit glaubwürdigen Personen zu erzählen.“ Personen, die sich verändern, gleichsam wachsen, das würde die Protagonisten aller seiner Romane auszeichnen, betont Carofiglio im Gespräch. „Im Grunde schreibe ich immer eine Form von Bildungsroman.“ Vielleicht nicht im klassischen Sinne, doch eine „Spielart“ schon.

Themenüberschneidungen mit den Essays würden sich immer wieder ergeben, „aber ich stelle am Anfang kein Programm auf über die inhaltliche Bedeutung meiner Romane – die entwickeln sich dann beim Schreiben.“ Bei den Essays sei es natürlich genau umgekehrt, da werde ein festes Thema diskutiert. Bei Ihnen taucht das Thema „Zweifel“ seit der Veröffentlichung von „L’arte del dubbio“ (Sellerio 2007) immer wieder auf. Carofiglio begreift den Zweifel als eine Grundtugend nicht nur des Rechtssystems. Vorgänge wie sich selbst immer wieder infrage zu stellen, einfachen Sicherheiten zu misstrauen, das sei „eine zivile Notwendigkeit“.

Und ein Protagonist wie Guido Guerrieri im Roman lebt geradezu mit dem Zweifelhaften in einer Art Symbiose. Das drückt sich auch in Metaphern wie „Wolken“ aus, die im Text mehrfach auftauchen. „Große Wolken“, so der Ich-Erzähler, „hüten ein Geheimnis, das in manchen Momenten fassbar oder immerhin erahnbar scheint.“ Wie die Linie, die als Horizont Himmel und Erde trennt, erst zu sehen ist, wenn die Finsternis sich verflüchtet.

Gianrico Carofiglio: Der Horizont der Nacht. Roman. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Folio Verlag, Wien/Bozen. 272 Seiten, 26 Euro

In kürzerer Form ist der Beitrag auch in der Stuttgarter Zeitung (16.3.2026) erschienen

Über Gianrico Carofiglio siehe auf Cluverius auch die Rezension des Romans „Groll“ („Richtig fragen“)