Die Mailänder Scala, eine neue Spielzeit, eine Museumseinrichtung und eine Buchveröffentlichung über ihre Geschichte parallel zur Stadthistorie im Vorfeld der Feiern zur Gründung der Oper vor 250 Jahren

Strahlt weit über Mailand hinaus: Das Teatro alla Scala in dem 1778 von Giuseppe Piermarini errichteten Bühnenhaus an Stelle der Kirche S. Maria alla Scala
Mailand – Das Teatro alla Scala, das Flaggschiff der italienischen Opernhäuser, hat mit einem Blick nach vorne die Spielzeit 2025/2026 vorgestellt, die am 7. Dezember mit “Lady Macbeth von Mzensk” von Dmitri Schostakowitsch mit Riccardo Chailly am Pult eröffnet wird. Zugleich lässt das Theater seine Vergangenheit aufleben: Im Mailänder Museo della Scienza e della Tecnologia erlebt ein Modul der alten hydraulischen Hebebühne, die von 1938 bis zum Umbau 2002 ihre Dienste tat, in einer festen Einrichtung seine Auferstehung. Zugleich untersucht eine prächtig ausgestattete Veröffentlichung („La Scala. Architettura e città“) die Beziehung der Bühne zur Stadt. Ein großes Ereignis wirft so seine Schatten voraus: In drei Jahren kann die Scala, die 1778 in dem nach Plänen von Giuseppe Piermarini errichteten Bühnenhaus eröffnet wurde, ihr 250-jähriges Bestehen feiern.
Die Spielzeit 2025/26 bildet einen Übergang. Es ist die letzte unter der musikalischen Leitung des Mailänders Riccardo Chailly (72), auf den der Koreaner Chung Myung-whun (72) folgt, der dann die Saison 2026/27 mit Verdis „Otello“ eröffnen wird. Und es ist die erste volle Spielzeit des neuen Intendanten und künstlerischen Leiters Fortunato Ortombina (65) – auch wenn das Programm (Oper, Ballett, Philharmonie, Konzerte) mit rund 250 Aufführungen noch weitgehend auf den Planungen seines Vorgängers Dominique Meyer (69) beruht.

Riccardo Chailly – seit 2015 unter drei Intendanten als Musikdirektor ein Garant für Qualität und Kontinuität
13 Operntitel, darunter der komplette Ring in zwei Zyklen in je einer Woche unter der Leitung von Alexander Soddy bzw. Simone Young werden gegeben. Zu den Neuproduktionen zählen Debussys „Pelléas et Mélisande“ (Dirigent: Pascal / Regie: Castellucci), Verdis „Nabucodonosor“ (Chailly / Telvi), Bizets „Carmen“ (Chung Myung-whun / Michieletto) oder Gounods „Faust“ (Rustioni / Erath). Unter den Ballettproduktionen machen Talbots „Alice’s Wonderland“ nach der Choreografie von Christopher Wheeldon und Schostakowitschs „Le Sacre du printemps“ nach Pina Bausch neugierig. Chailly verabschiedet sich als Leiter der Philharmonie der Scala u. a. mit Bruckners neunter Symphonie.
Der Name von Daniele Gatti (63), der im Vorfeld als Favorit in der Nachfolge von Riccardo Chailly gehandelt worden war, taucht im Programm der Spielzeit nicht auf.
Ein technologisches Meisterwerk
Die Geschichte der Scala ist bis heute mit Technologiegeschichte verbunden. Sie reicht von der Installation mit elektrischem Licht 1883 bis zum Erweiterungsbau 2004 und zum Bühnenturm 2023. Im Zuge der Arbeiten 2002/2004 wurde auch eine computergestützte bewegliche Bühnenstruktur geschaffen, die die alte Hebebühne ersetzte. Diese von dem Ingenieur und Architekten Luigi Lorenzo Secchi 1938 ersonnene Einrichtung setzte sich aus sechs Brücken zusammen, die mithilfe von Modulen unabhängig voneinander gesenkt oder angehoben werden konnten.

Jetzt ausgestellt: Modul der hydraulischen Hebebühne, die zwischen 1938 und 2002 für einen reibungslosen Ablauf sorgte, im Museo Nazionale Scienza e Tecnologia „Leonardo da Vinci“ Milano
Secchi setzte dabei auf Wasserkraft, die sicherer und leiser statt Elektrizität war. Mit einem Druck von 16 atm konnten die Brücken mit einer Geschwindigkeit zwischen 6 und 25 Zentimeter pro Sekunde bewegt werden. Einziger Nachteil der Anlage war ein hoher Personalaufwand bei der Betätigung der Module unter der Bühne. Mit einer Aufnahme eines solchen 6 Meter langen und 2,40 Meter breiten Moduls in die Dauerausstellung des Mailänder Museums für Wissenschaft und Technik, ergänzt mit Videoanimationen, Musikinstrumenten, historischen Grammophonen und Kostümen, verbindet sich anschaulich Musik- und Technologiegeschichte.
Zerbombt und wieder aufgebaut
Wie wiederum die Geschichte des Opernhauses sich in der Entwicklung der Stadt widerspiegelt, unterstreicht eindrucksvoll das großformatige Buch „La Scala. Architettura e città“ von Pierluigi Panza (Marsilio Arte/Teatro alla Scala). Der Autor, Journalist (Corriere della Sera) und Architekt dokumentiert mit reichem Bild-, Archiv- und Textmaterial, wie sich diese Bühne im inneren wie im äußeren Erscheinungsbild parallel den Zeitläufen entwickelt. „Als Ort der Leidenschaften und der Zuneigung ist die Scala für ihre Zuschauer ein Mythos, ein Zuhause und eine Gewissheit, die als unverändert und unveränderlich wahrgenommen wird, unversehrt aus ihren Wunden auferstanden. Die Realität ist das Gegenteil: Es ist ein Gebäude, das nach und nach angepasst, überdacht, zerbombt, wiederaufgebaut und erweitert wird“, unterstreicht Paolo Besana in der Zeitschrift „La Scala“ (12/24) die Ausgangslage für die Publikation in der Reihe der verlegerischen Aktivitäten des Theaters.

Die Fassade der Scala 1852 in einem Gemälde von Angelo Inganni (Museo Teatrale del Teatro alla Scala)
Und so lernen wir die Architekten kennen, die von Giuseppe Piermarini (1778) bis Mario Botta (2004/2023) die Form des Gebäudes gestaltet oder den sofortigen Wiederaufbau nach den verheerenden Zerstörungen im Krieg (Luigi Secchi 1946) organisiert haben. Wir erleben die politischen Veränderungen mit der Herrschaft der Franzosen und der Österreicher, die italienische Nationalbewegung im Risorgimento („Viva Verdi!“), die Zeit des Faschismus oder die 68er-Proteste. Wie sich die Farben im Theater ändern. Die Technologien. Oder wir sehen, wie sich eine Piazza vor dem Theater bildet, wo sich zunächst ein Häuserareal breitgemacht hatte. Wie ein vis-a-vis zum Palazzo Marino (Rathaus seit 1861) entsteht, dem eine neue Fassade vorgeblendet wird, dass sich der Palazzo gleichsam zum Theater umdreht. Wie die Bühne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in aufgelassenen Industrieanlagen am Stadtrand neue Werkstätten, Probe- und Lagerräume sucht (Ansaldo etc) und beim Umbau ab 2002 für zwei Jahre eine vorläufige Spielstätte im Teatro degli Arcimboldi findet. Und wie Einrichtungen von TV-Kameras während der Pandemie den Aufbau eines Theaterfernsehens beschleunigen. In der Innensicht fehlt etwa das im Streit gipfelnde Ende der Ära Muti (2005) und die Auseinandersetzungen um die Intendanz Mauro Meli.
Aber: „Die historisch-morphologische Neuinterpretation der Scala, die Pierluigi Panza in seiner Untersuchung vorschlägt, wird zu einem wertvollen Hilfsmittel zur Selbstfindung für unser Leben in der Stadt angesichts der rasanten Veränderungen, denen wir uns stellen müssen“, schreibt Mario Botta im Vorwort. Geschichte, so auch die Botschaft dieses Buches, hilft Gegenwart zu verstehen. Um so mehr, wenn es sich um die Geschichte eines Hauses dreht, das als Bühne im doppelten Sinn Ort von Handlung war und ist. 
Info Teatro alla Scala. Stagione 2025/26
Info Feste Ausstellung Musik und Theater im Museo della Scienza e della Tecnologia „Leonardo da Vinci” und Info Museum
Pierluigi Panza: La Scala. Architettura e città. Marsilio Arte / Teatro alla Scala, Venezia / Milano 2024. 226 Seiten, 65 Euro
Siehe außerdem auf Cluverius „Der Turmbau von Mailand“
