Unterwegs


Sardinien und der kulturelle Aufbruch der Regionalhauptstadt Cagliari Cagliari (16.12.2013) – Die Altstadt von Cagliari liegt innerhalb historischer Befestigungsanlagen auf einem felsigen Hügel am Golfo degli Angeli im Süden von Sardinien, der zweitgrößten Insel des Mittelmeers. Zu Füßen des Hügels dehnen sich nach Osten wie nach Westen Lagunen aus, in denen früher Salz gewonnen wurde und heute Flamingos brüten. Vom Hafen zieht sich die Marina, eine ehemalige Fischersiedlung, zum Kastell und zur Oberstadt hoch. Reisende, die sich einst Cagliari vom Meer her näherten, sahen wie D.H. Lawrence „eine nackte Stadt, die sich steil und vergoldet aus der Fläche inmitten der gestaltlosen, tiefen Bucht aufreckt.“ Der Engländer, der Sardinien zusammen mit seiner deutschen Frau Frieda von Richthofen kurz nach dem ersten Weltkrieg bereiste, empfand die Hauptstadt der Insel „fremdartig, fast schön, überhaupt nicht italienisch.“ Ein Ort „verloren zwischen Europa und Afrika, keinem zugehörig.“ Sein Buch „Das Meer und Sardinien“, das nach dieser Reise entstand, prägte lange Zeit das Sardinienbild der europäischen Öffentlichkeit. Das war eine Reise in ein mittelalterlich anmutendes Leben, „das in sich ruht und kein Interesse an der Welt draußen hat.“ Als im Hinterland die Zeit stehen blieb Cagliari hat dabei immer eine Sonderolle gespielt, weil die Eroberer vom […]

DIE GRÜNE STADT AM MEER


Wie der römische Matthäus-Zyklus von Michelangelo Mersi im Ort Caravaggio „geklont“ wurde Caravaggio (Juli 2013) – Mit lauten Rufen umkreisen Schwalben die mächtige Barockkuppel der Wallfahrtskirche Santa Maria Del Fonte rund 30 Kilometer südlich von Bergamo. An die drei Millionen Menschen pilgern jedes Jahr in dieses lombardische Lourdes, wo 1432 die Madonna dem Bauernmädchen Giannina erschienen ist. Seitdem sprudelt hier heilbringendes Wasser aus der Erde. Heute muss es allerdings wegen des dramatisch gesunkenen Grundwasserspiegels mit einer Elektropumpe in jenen Brunnen gepumpt werden, über dem der monumentale Kirchenbau einst entstanden ist. Schnurgerade führt eine baumbestandene Allee über die Eisenbahnlinie Treviglio–Cremona hinweg zum nahen Ortskern, den kaum einer besucht. Die Pilger kommen meist nur für eine Tagesreise zur heiligen Stätte oder übernachten direkt am Santuario. Im Ort selbst, der in der Nachmittagshitze eines Julitags noch ausgestorbener wirkt als gewöhnlich, gibt es erst seit wenigen Jahren ein einziges kleines Hotel. Willkommen in Caravaggio!

CARAVAGGIOS HEIMKEHR



Palmen sterben, die Spielbank schreibt rote Zahlen und der Blumenmarkt hat seine Bedeutung verloren – jetzt setzt die ligurische Rivierastadt auf Kultur und Nachhaltigkeit Sanremo (Mai 2013). Wenn man den langen Tunnelgang verlässt, der den tief in den Hügeln versteckten neuen Bahnhof von Sanremo mit der Außenwelt verbindet, glaubt man zu träumen. Eben noch von der Neon- und Betonästhetik einer Laufbandtrasse gefangen, die eher an einen Flughafen als eine Eisenbahnstation erinnert, trifft der Besucher unter einem freien Himmel auf hoch aufstrebenden Palmen, auf majestätischen Akazien mit ihrem dichten Blätterwerk oder auf Fichten, in die blau blühende Glyzinien hineingewachsen sind – und im frühlingsgrünen Gras leuchten überall Blumenrabatte. Die milde Witterung der ligurischen Riviera wird hier am Ausgang der Valle Argentina, wo hohe Berge nahe ans Meer rücken, durch ein besonderes Mikroklima noch verstärkt. So liegen die Temperaturen von Sanremo im Winter rund zwei Grad über denen der Nachbarorte Imperia im Osten und Bordighera im Westen. Und im Hochsommer zwei Grad darunter. Ein ideales Klima, das zu jeder Jahreszeit erholsame Tage garantiert. Wenn man nicht wie Dickie in dem Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith bei einer Bootsfahrt vor dieser Küste ermordet wird…

STILLE ABENDE IN SANREMO


Zwischen Thüringen und Ligurien: Das bewegte Leben des Bauhausschülers Otto Hofmann Pompeiana (Ligurien), Dezember 2009. Vom kleinen Friedhof von Pompeiana, wo Otto Hofmann (1907-1996) begraben liegt, fällt der Blick die kurvige steile Straße hinunter auf den alten Borgo mit seinem Sarazenenturm und der barocken Kirche Santa Maria Assunta. Von dort gleitet er ins Tal, das sich südwärts zum ligurischen Meer und zur Mittagssonne öffnet, als wollten die sanften Hügelketten unterhalb des Monte Croce zwischen Sanremo und Imperia die Welt mit offenen Armen empfangen. In dieses vom Licht durchflutete Klimaparadies, in dem noch in den Wintermonaten die Bougainvillea feurig blühen und es nach Jasmin duftet, hatte sich Mitte der siebziger Jahre der Maler, Fotograf und Designer Otto Hofmann mit seiner Frau Marianne zurückgezogen. Als Schüler von Paul Klee und Wassily Kandinsky Das weiße mediterrane Licht und die vibrierenden Farben des Hinterlands der Riviera haben in ein Spätwerk Eingang gefunden, das heiterer nicht sein könnte. Zeit seines Lebens hat sich Hofmann einen kindlichen Blick bewahrt. Abstrakte und konkrete Formen, phantasievoll stilisiert, bewegen sich dabei durch einen landschaftsartigen Hintergrund. Es sind teilweise großformatigen Arbeiten, die auf der Retrospektive zu sehen sind, die der Palazzo Ducale von Genua in diesen Wochen Otto Hofmann widmet. […]

NEBEN DEM SARAZENENTURM



Wie im hinteren Ligurien von einem Deutschen eine historische Orgel entdeckt wurde, die jetzt wieder zum Klingen gebracht werden soll Imperia (März 2008)  „Das ist ja super!“ Der Orgelbauer Philipp Klais prüft die Drahtverbindungen hinter dem Manual und untersucht die beiden mit Leder bespannten Windladen. Er nimmt die seitliche Holzverschalung der alten Orgel ab, um ins Innere des Instrument zu gucken – eine „fast unberührtes“ Exemplar aus dem 18. Jahrhundert. „Stark“, freut sich Klais, der in die barocke Kirche der Santissima Annunziata von Tavole, einem abgelegenen Bergdorf unweit der ligurischen Küste, gekommen ist. So einem Instrument zu begegnen, „das ist der Traum für einen Orgelbauer“. Das gute Stück könnte aus der Werkstatt der bedeutenden ligurischen Orgelbauerfamilie Roccatagliata stammen und damit nicht nur alt, sondern auch wertvoll sein. Als Philipp Klais dann dem Instrument einige Töne entlocken will, klingt es allerdings recht jämmerlich. Die schiefen Töne haben einen musikbegeisterten deutschen Anwohner von Tavole, schon länger geärgert. Seit 23 Jahren besitzt Peter Hoenisch in dem malerischen Dorf mit seiner prächtigen Kirche rund elf Kilometer von der Kreisstadt Imperia entfernt ein Haus. Doch was ist die schönste Kirche ohne wohltönende Orgel? Denn die Windanlage, wie die Fachleute die Bälge nennen, durch das Instrument […]

DIE DREI VON TAVOLE