Bücher


Ein Sammelband über Heinrich Mylius, die Lombardei und das nordalpine Europa im frühen 19. Jahrhundert ausgehend von einer Tagung in der Villa Vigoni Mailand – Im Jahr 1788 wählte ein 19jähriger Deutscher sich Mailand zum Lebensmittelpunkt, um hier die kaufmännischen Interessen seiner Familie aus Frankfurt zu vertreten: Heinrich Mylius (Frankfurt 1769 – Mailand 1854).  Er machte sich bald selbstständig und wurde so als erfolgreicher Unternehmer zu einer wichtigen Figur im Netzwerk zwischen dem deutschsprachigen Raum und Norditalien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Lebenszeit deckt sich mit der historischen Epoche des Übergangs von der frühen Neuzeit und der Moderne („Sattelzeit“). Dazu gehören Napoleons norditalienischer Staat mit Mailand als Hauptstadt (1796-1814), Unruhen in der Lombardei 1821 bzw. 1830 und die berühmten „Cinque Giornate“, der Aufstand im März 1848, der die Österreicher für einige Monate aus Mailand vertrieb.  Aus einer Tagung des deutsch-italienischen Zentrums Villa Vigoni und der Goethe-Universität Frankfurt/Main mit Unterstützung der Werner Reimers Stiftung ist ein Sammelband (Franz Steiner Verlag) hervorgegangen, der Beiträge zum Verhältnis von Heinrich Mylius und seiner Epoche sammelt.

NETZWERKER IM KULTURELLEN AUSTAUSCH


Dieter Richter beschreibt in seinem Buch „Con gusto“ die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht. Im Wandel des Geschmacks wird ein kultureller Wandel sichtbar. Mailand – Italienisch essen, das war in den Zeiten der Pandemie, als das Reisen unmöglich war, die einzige Art, sich körperlich mit dem Süden zu verbinden. Entweder über den eigenen Herd, wo inzwischen (fast) jedes Kind schmackhaftes Risotto oder verführerisches Tiramisù vorbereiten kann. Oder beim „Lieblingsitaliener“, der die Speisen zudem mit halb deutschen, halb italienischen Wortfolgen koloriert serviert. Und wenn die Italiensehnsucht in der jüngeren Vergangenheit immer mal wieder gelitten hatte (Berlusconi, Müll in Rom, Algen in der Adria), die kulinarische Variante dieser Sehnsucht blieb ungebrochen. Eine Variante, die sich aber erst langsam in der deutsch-italienischen Geschichte durchgesetzt hat, wie Dieter Richter in seinem wundervollen kleinen Buch Con gusto. Die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht  erzählt (Wagenbach).

GELBGRAUE WURMGEWINDE



Barbara Frandino erzählt in ihrem Roman „Das hast du verdient“ (Folio Verlag) von der langsamen Zersetzung einer Ehe Mailand – Was hält eine Beziehung zusammen, wenn die Liebe in Enttäuschung umschlägt? Wenn der Schmerz die Lust nach Rache weckt? Barbara Frandino erzählt von Claudia, 42, die als Ghostwriterin arbeitet und mit Antonio, einem bekannten TV-Moderator, zusammen lebt. Vom Fenster aus sieht Claudia, wie Antonio im Garten von der Leiter bei der Arbeit an einem Grantapfelbaum stürzt und dann bewusstlos auf dem Boden liegt. Später im Krankenhaus erfährt sie, dass ihr Mann einen Infarkt erlitten hatte, die Erstversorgung aber erst sehr spät erfolgt sei. Als der Unfall passierte, war die Beziehung zwischen den beiden, die als große Liebe begonnen hatte, bereits merklich abgekühlt. „Meine Tage lasse ich fast wortlos verstreichen“, heißt es In dieser Ich-Erzählung aus der Sicht von Claudia, die bei Folio unter dem Titel Das hast du verdient erschienen ist.

UNTER DIE HAUT


Von Raffael zu Legosteinen: Henry Keazor verfolgt in einem anregenden Buch Adaptionen und Interpretationen der „Schule von Athen“ durch fünf Jahrhunderte Mailand/Rom – Endlich, Impfpässe oder Tests öffnen die Grenzen. Wir können wieder reisen, auch nach Rom, auch in die Vatikanischen Museen, um staunend vor Raffaels Meisterwerk „Schule von Athen“ (1509/1511) zu verharren. Nun ist das Buch von Henry Keazor mit dem Titel „Raffaels Schule von Athen“ (Wagenbach Verlag) keine Buch zur Reise, dafür würde es auch in Form und Gewicht das Gepäck für unterwegs zu sehr belasten. Aber zurück aus Rom oder zur Vorbereitung auf den Besuch der Vatikanischen Museen – oder einfach so –, lädt der Autor zu einer ganz eigenen, neuen, bunten, abenteuerlichen, vergnüglichen wie lehrreichen Reise covidfrei durch Zeiten und Orte ein, die uns durch fünf Jahrhunderte, viele Länder und Dutzende Museen und Sammlungen führt. Eine Zeitreise, in der uns Raffaels Schule von Athen in immer neuen Interpretationen, Deutungen und Umdeutungen bis heute begleitet.

HALL OF FAME



Die Arbeit von Architekten in Deutschland und Italien: zwei Bau-und Planungswelten – und  unterschiedliche Mentalitäten. Ein Gastbeitrag von Clemens F. Kusch Venedig – Italien und Deutschland sind schon immer zwei Länder mit einer besonderen Beziehung gewesen, bei der meist mehr die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden. Die Tätigkeit in den beiden Ländern ist nicht nur in der Architektur von vielen (Vor-)urteilen gekennzeichnet: die Arbeit der Italiener ist von der Phantasie und die der Deutschen von der Organisation geprägt, Italiener improvisieren und Deutsche programmieren, der Italiener gibt sein Bestes in Stress-Situationen, während der Deutsche in Panik gerät, wenn nicht alles nach den Plänen verläuft, oder der Italiener schreibt den persönlichen Beziehungen und dem „feeeling“ unter den Arbeitspartnern mehr Bedeutung zu, während bei den Deutschen die Sachen unabhängig von den Personen funktionieren müssen.

WAHN UND WIRBEL