Zwischen Realismus und Groteske: Die Brüder Damiano und Fabio D’Innocenzo frischen das italienischen Kino mit ihrem zweiten Spielfilm auf Mailand (Cinema Palestrina) – Der Film Favolacce („Bittere Märchen“) erzählt vom trostlosen Alltag einer römischen Reihenhaussiedlung der Vorstadt. Der bescheidene Wohlstand und Alltagssorgen bilden den Boden eines eher von Instinkten geprägtem Leben ohne Wertvorstellungen. Im Mittelpunkt stehen die Beziehungen von Eltern und ihren etwa 12jährigen Kindern, die alle die selbe Schulklasse besuchen. Den Heranwachsenden wird zuhause kaum die Möglichkeit zur Entfaltung gegeben. Nur in der Schule durchbricht ein Lehrer die Eintönigkeit der Mittelmäßigkeit, hinter der das Grauen lauert.
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Eine Farbanschlag auf das Denkmal für Indro Montanelli in einem Mailänder Stadtpark erinnert Italien an seine koloniale Vergangenheit Mailand – Der Kampf um Statuen im Zusammenhang mit antirassistischen Protesten hat auch Italien erreicht. In Mailand wurde am Sonnabend (13. Juni) Abend das Denkmal für Indro Montanelli (1909-2001) in den Giardini Pubblici mit roter Farbe übergossen. Auf dem Sockel wurde der angesehene Journalist als „razzista“ und „stupratore“ angeklagt. Zur Tat bekannte sich das linke studentische Aktionsnetz „Rete Studenti e Lu.Me (Laboratorio universitario MEtropolitano), das auch ein Video des Einsatzes ins Netz stellte. Bereits vor einigen Tagen hatte die Bewegung der „Sentinelli di Milano“, die sich als „laici e antifascisti“ bezeichnen, in einem Brief Mailands Bürgermeister aufgefordert, das Denkmal für den Journalisten zu entfernen, weil Montanelli während des Abessinienkrieges 1936 „ein zwölfjähriges, eritreisches Mädchen gekauft“ und geheiratet habe, um ihm „als Sexsklavin zu dienen“. Im vergangenen Jahr hatte eine feministische Gruppe mit ähnlicher Begründung das Denkmal am 8. März mit rosa Farbe bespritzt.
DESTA’ UND DAS MADAMATO
Vor 50 Jahren schlugen elf „azzurri“ im Halbfinale der Fußball Weltmeisterschaft in Mexiko die „panzer“ aus der Bundesrepublik Deutschland und lösten ein Aufflammen nationalen Stolzes aus Mailand – Wie verhält sich Italien zu Deutschland? In Zahlen ausgedrückt vier zu drei. 4:3 gewann Italien am 17. Juni 1970 – vor 50 Jahren also – das Halbfinalspiel bei der Fußballweltmeisterschaft im Aztekenstadion von Mexiko City nach Verlängerung. Der Schriftsteller Alessandro Baricco war damals gerade zwölf Jahre alt und lag bereits im Bett, als es nach 90 Minuten 1:1 stand und die Verlängerung begann. Sein Großvater, bei dem Baricco gerade die Ferien verbrachte, weckte ihn, ein nationales Ereignis bahnte sich an. Das einzige Mal, erinnert sich der Turiner Erfolgsautor, dass jemand ihn zuvor mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und vor den Fernseher geschleppt hatte, war, als der erste Mensch den Mond betrat.
DAS TOR DER BEFREIUNG
Helena Janeczek macht sich im Roman „Das Mädchen mit der Leica“ auf die Suche nach der Persönlichkeit der Fotografin Gerda Taro hinter einer kurzen, intensiven Lebensgeschichte Mailand – Im Jahr 2007 taucht in New York ein Koffer mit Bildnegativen aus den 1930er Jahren auf. Er enthält vor allem Aufnahmen vom spanischen Bürgerkrieg vom weltberühmten Robert Capa (1913-1954), vom Fotojournalisten David Seymour (1911-1956) und von Capas Partnerin Gerda Taro – der ersten Frau, die als Fotoreporterin von Kriegsereignissen berichtet hatte. Der Fund bringt die fast vergessene Gerda Taro wieder in Erinnerung. Wer war diese wagemutige Frau, die 1910 als Tochter einer jüdischen Familie polnischer Abstammung in Stuttgart geboren wurde, als überzeugte Sozialistin vor den Nazis nach Paris floh, dort den Männern der Emigrantenszene den Kopf verdrehte und bei einem Fotoeinsatz an der spanischen Front mit nur 27 Jahren ums Leben kam? Helena Janeczek hat über sie in Italien einen Roman veröffentlicht, der jetzt unter dem Titel „Das Mädchen mit der Leica“ (Berlin Verlag) auch auf Deutsch vorliegt.
IHR ANBLICK VERZAUBERT
Amatrice vor und nach dem Erdbeben. Fotografien zwischen Erinnerung und Projekt. Eine Online-Ausstellung der Bibliotheca Hertziana Rom – Im August 2016 beschädigte ein Erdbeben weite Teile der mittelalterlichen Kleinstadt Amatrice im zentralen Apennin (Provinz Rieti). Weitere Erdstöße der folgenden Monate zerstörten sie ganz. 299 Menschen starben, ein Wiederaufbau nach der Formel „wo und wie es war“ blieb illusorisch. Trotzig ragt die Torre Civica (13. Jahrhundert) aus der heute von Trümmern geräumten Ruinenlandschaft. Die Online-Ausstellung Amatrice im Focus der Bibliotheca Hertziana (Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte) bereitet Fotomaterial aus verschiedenen Epochen und Quellen auf: historische Fotografien von Stadt- und Gebäudeansichten, von Architekturdetails sowie von einzelnen Kunstwerken werden mit Aufnahmen ergänzt, die unmittelbar nach den Beben bzw. in den Jahren darauf entstanden. Sie wurden von der Hertziana erworben soweit sie nicht aus eigenen Fotokampagnen stammten. Ziel der Ausstellung ist es, „virtuell einen Eindruck der einstigen kulturellen Einheit des Territoriums“ zu vermitteln und „zur Reflexion über Formen, Art und Zielrichtung einer Rekonstruktion“ beizutragen.
