Mailand


Brecht, Strehler und das Piccolo Teatro: eine 60 Jahre lange Geschichte Mailand – Nein, ein Pferd, das passte nicht in die Neuinszenierung der Dreigroschenoper am Piccolo Teatro, die Damiano Michieletto ganz in die Gegenwart transportiert hat. Der Regisseur bleibt zwar dem Originaltext weitgehend treu, verzichtet aber auf den reitenden Boten, der die Nachricht von der Amnestie überbringt und Mackies Kopf rettet. Der Bote kommt zu Fuß mit einem Aktenkoffer voller Geld ( – siehe die Besprechung der Inszenierung „Korrupt sind wir alle“). Ein Pferd gab es noch bei der ersten Aufführung der Dreigroschenoper am Piccolo Teatro 1956 durch Giorgio Strehler. Mit dieser Inszenierung begann eine 60 Jahre lange Geschichte von Zuneigung und Misstrauen zwischen der Mailänder Bühne, Brecht und dem Suhrkamp Verlag, bei der manchmal – zumindest verbal – die Fetzen flogen.

„ALLE MEINE STÜCKE“


Bilanz der Massaker gegenüber der Zivilbevölkerung in Italien 1943/45 Mailand/Rom – Als am 8. September 1943 deutsche Truppen in Italien einmarschierten, begann eine 20 Monate andauernde Folge von Gewalttaten gegenüber der Zivilbevölkerung. Das dokumentiert zum ersten Mal systematisch ein sogenannter „Atlas der Gewalt“ (www. straginazifasciste.it), der gerade online gestellt wurde und auf Italienisch, Englisch und Deutsch konsultiert werden kann. Er erfasst alle bislang bekannten mörderische Übergriffe von Seiten der Wehrmacht, der SS wie auch von Einheiten italienischer Faschisten in ganz Italien. Erst mit der endgültigen Befreiung Italiens von deutscher Besatzung und faschistischer Herrschaft (auf dem norditalienischen Rumpfgebiet der sogenannten „Repubblica di Salò“) durch die Alliierten und die sie unterstützenden Partisanenverbände ging eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Militärgeschichte zu Ende. Symbolisch wird die Befreiung mit dem Einmarsch von Resistenza-Einheiten in das von der Wehrmacht und der SS verlassene Mailand am 25. April 1945 gleich gesetzt. Der 25. April ist heute als „Festa della Liberazione“ ein nationaler Feiertag.

EIN ATLAS DER GEWALT



Die 21. Internationale Triennale Mailand unter dem (etwas schwammigen) Motto „Design after Design“ Mailand (bis 12. September). Mailand hat wieder eine richtige Triennale. Als Gegenstück zur internationalen Kunstbiennale von Venedig wurde 1923 zunächst in Monza und zehn Jahre später in der lombardischen Metropole die Triennale eingerichtet. Sie sollte alle drei Jahre unter internationaler Beteiligung Einblicke in die innovative Gestaltung von Gebrauchsgegenständen aus Industrie und Handwerk ermöglichen. „Vom Löffel bis zur Stadt“ hatte einst der Architekt und Vordenker Gio Ponti das Programm umschrieben. Bis 1996 wurden 20 Ausgaben veranstaltet. Nach einer langen Pause hat jetzt am 2. April die 21. Internationale Triennale Mailand eröffnet. Bis zum 12. September sind an verwirrend vielen Orten der Stadt 11 Haupt- und 16 Nebenausstellungen zu sehen – einige davon sogar in Monza. Erwartet werden 300 000 Besucher.

FRAGEN AN UNSERE GE-WOHNHEITEN


Umberto Boccionis Weg zum Futurismus – eine Ausstellung in Mailand Mailand (Palazzo Reale bis 10.Juli 2016) – Nichts sollte mehr so sein wie früher. Eine neue Kultur wollte Bewegung, Geschwindigkeit und Zeitabläufe in Poesie, Musik und bildende Kunst übertragen. Das war das Ziel der Futuristen am Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Im Jahr 1909 hatte der italienische Poet Filippo Tommaso Marinetti in einem „ersten futuristischen Manifest“ traditioneller, gegenständlicher Kultur eine Absage erteilt. Mit von diesen Ideen geprägten Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen beeinflusste Umberto Boccioni (1882 -1916) die europäische Kunst. Mailand widmet Boccioni, dem vielleicht bedeutendsten Vertreter dieser neuen Avantgarde, 100 Jahre nach seinem Tod eine umfassende Retrospektive im Palazzo Reale. Gezeigt werden 280 Exponate – Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Dokumente auch von Mitstreitern wie Giacomo Balla, Gino Severini, Carlo Carrà und anderen.

CHAOTISCH, UNORDENTLICH, GENIAL



Ein Besuch bei Dario Fo, der seinen 90. Geburtstag feiert Mailand – Dario Fo sitzt in seinem Arbeitszimmer an einem langen Holztisch, der mindestens so alt ist wie sein 90jähriger Besitzer. Er trägt einen fleckigen Arbeitskittel, für den er sich entschuldigt. Seine Finger, mit der er ein Blatt im A3 Format hält, auf dem er sich mit großen, etwas unsicheren Lettern Notizen gemacht hat, sind voller Farbspritzer. Im Raum nebenan, dem Salon der Mailänder Wohnung unweit der Porta Romana, stapeln sich Leinwände wie in einer Künstlerwerkstatt. Sie sind gegeneinander gelehnt, bedecken das Sofa, reihen sich vor Beistelltischen voller Erinnerungsstücken, Masken und Teller mit Nüssen. Zeichnungen und großformatige Gemälde bedecken auch die Wände. Gemälde nach Motiven klassischer Meister, Theater- oder Tanzszenen, Porträts oder farbenprächtige Illustrationen zu jüngsten Erzählungen.

„WIR WAREN NICHT ALLEIN“