50 Jahre Radio Popolare di Milano. Der linke Mailänder Lokalsender gilt als Einzelfall im Panorama des unabhängigen und nichtkommerziellen Rundfunks in Europa. Doch Radiomacher wie Hörer werden immer älter. Mailand – Rund zehn Jahre bevor in Deutschland private Radios neben den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Programme ausstrahlen konnten, begannen sich bereits in Italien private Sender als „radio libere“ neben der staatlichen RAI zu etablieren. Eine historische Entscheidung des römischen Verfassungsgerichts im Juli 1976 ließ die Ausstrahlung private Radioprogramme auf lokaler Ebene zu und legalisierte damit eine Reihe von Gründungen der Vorjahre. Dazu gehörte auch der Sender Radio Popolare in Mailand, der im Dezember 1975 gegründet ab dem September 1976 mit einem Vollprogramm auf Sendung ging. Während die meisten Radiostationen die Anfangsjahre dieser Entwicklung nicht überlebten, hat Radio Popolare nicht nur alle Krisen in der Medienlandschaft überwunden, sondern bis heute seinen Charakter als ein unabhängiger und gesellschaftspolitisch linksorientierter lokalverwurzelter Sender mit nationaler Ausstrahlung beibehalten.
Geschichte
In Deutschland eher am Rande wahrgenommen, in Italien ein Longseller: „Der wiedergefundene Freund“ des Stuttgarter Autors Fred Uhlman Mailand – Was und wen lesen die Italiener? Alles mögliche, aber kaum Bücher aus dem deutschen Sprachraum. Die Literaturbeilage „tuttolibri“ der Turiner Tageszeitung „La Stampa“ hatte kürzlich eine Untersuchung zum vergangenen Jahr 2025 veröffentlicht. Unter den 100 meistverkauften Titeln finden sich vor allem italienische Autorinnen und Autoren, aber auch Übersetzungen aus vielen Sprachen – Spitzenreiter ist Dan Brown – allerdings keine einzige aus dem Deutschen. Die geringe Anerkennung deutschsprachiger Autoren in Italien beim breiten Publikum bestätigen regelmäßig die seit Jahren gemeinsam von den wichtigsten Tageszeitungen jeweils wöchentlich veröffentlichten Bestsellerlisten. Dennoch sind sie auch für eine positive Überraschung gut, die zwar nicht zu einer Übersetzung aus dem Deutschen, doch nach Deutschland, nach Stuttgart führt.
TRILOGIE DER WIEDERKEHR
Die Welturaufführung der Oper „Anna A.“ von Silvia Colasanti über Verfolgung, Verlust, Zensur im Leben der russischen Lyrikerin Anna Achmatova in der Mailänder Scala. Sprechtheater, musikalische Charakterisierung, Gesang und Video finden in der Regie von Giulia Giammona zu einer vielschichtigen Erzählform zusammen Mailand (Teatro alla Scala) – Im Mittelpunkt der Oper Anna A. mit der Musik von Silvia Colasanti steht das Leben der Lyrikerin Anna Achmatova (1889 – 1966), die als bedeutendste Dichterin russischer Sprache im 20. Jahrhundert gilt. Die Oper, die jetzt an der Mailänder Scala ihre Welturaufführung erlebt hat, rückt flashartig Schicksalsschläge und dramatische Ereignisse ihres Lebens ins Licht. Die Inszenierung steht im Zusammenhang mit dem Jugendprogramm der Scala. Bei einigen Rollen kamen Solistinnen und Solisten der Musikakademie der Mailänder Oper zum Einsatz. Die Accademia Teatro alla Scala stellt auch das Orchester (Leitung durch die Deutsch-Russin Anna Skryleva) und den angegliederten Jugendchor, was zugleich den hohen künstlerischen Rang dieser in Italien einmaligen Institution unterstreicht.
IM ZEICHEN DER FRAUEN
Josiah Ober, Balzanpreis 2025, und aktuelle Auseinandersetzungen um kollektive Selbstbestimmung, Rechtsstaatlichkeit oder individuelle Freiheiten im Rückblick auf die Entwicklung der Demokratie im antiken Athen Mailand/Bern – Weltweit stehen demokratische Gesellschaftssysteme unter Druck. Von außen durch Krieg und Gewalt, im Inneren durch Populismus, Verzerrung der Informationen und autoritäre Tendenzen. Um aktuelle soziale und politische Umwälzungen besser zu verstehen, lohnt die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Demokratie. Gelegenheit dafür bot gerade die Verleihung der Balzanpreise 2025 in Bern u. a. an Josiah Ober (USA). Denn der emeritierte Professor der Stanford University wurde für „Altertumswissenschaften: Athenische Demokratie – neu betrachtet“ geehrt. Die Auszeichnungen der Internationalen Stiftung Balzan (Mailand/Zürich) werden jährlich im Wechsel in der Hauptstadt Italiens oder der der Schweiz vergeben. (Zu den anderen Preisträgern siehe hier)
DEMOKRATIE ALS SOFTWARE
Cremona macht mit einer Ausstellung den Renaissancemaler Boccaccio Boccaccino einer breiteren Öffentlichkeit bekannt Mailand – Bedeutende Sammlungen wie herausragende Einzelwerke in den Museen der großen Städte verstellen oft den Blick auf den kulturellen Reichtum des ländlichen Raums und seine Geltung für die italienischen Kunstlandschaften. Das unterstreicht gerade eine Ausstellung im Museo Diocesano der lombardischen Kreisstadt Cremona, die dem Maler Boccaccio Boccaccino (um 1462/66 bis 1525) gewidmet ist. 500 Jahre nach seinem Tod werden sechzehn von insgesamt rund dreißig bekannten Gemälden des Künstlers mit vorwiegend religiösen Motiven gezeigt. Sie belegen, wie der dem großen Publikum eher unbekannte Boccaccino nach einem wechselseitigen Leben zwischen Ferrara, Genua, Milano, Venedig und Rom in Cremona zur Ruhe kam und zwischen den Einflüssen zunächst aus der Emilia und dann der Schulen von Leonardo, Bellini oder Giorgione zu einem eigenen eindrucksvollen Stil fand.
