Ein Knäuel von Geschehnissen: Umberto Nobile, das Schiff „Krasin“, Antonio Gramsci und Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg. Ein Gastbeitrag von Peter Kammerer Rom – In Zeiten allgemeiner Desorientierung, in denen gängige Narrative zu Sackgassen werden, aus denen herauszukommen verordnete Lesarten so wenig nützen wie das Pfeifen im Wald, wird Erzählen zur letzten Hilfe. Walter Benjamin, der in den 1930-er Jahren eine Krise des Erzählens diagnostizierte, liebte die Geschichten von Johann Peter Hebel. Eine beginnt mit dem programmatischen Satz: „Es ist nichts lehrreicher als die Aufmerksamkeit, wie in dem menschlichen Leben alles zusammenhängt, wenn man es zu entdecken vermag.“ In diesem Geist begann die Fotografin Ursula Schulz-Dornburg ihre Streifzüge durch die Geschichte der sich auflösenden Sowjetunion. Streifzüge, die zu einer Erzählung in neun kurzen Kapiteln (und ein Postskriptum) führen.
Geschichte
Unterwegs zwischen den Jahren in „bald fröhlicher bald nachdenklicher Weise“. Zeit für Lektüre, für Rück- und Ausblicke, für verschreckte Blicke in die „Gesichter der Hausenden“ und für Hoffnungen auf die „Freiheit der Vernunft“ Mailand – Verlegte Zeitungsausschnitte tauchen auf, Bücher werden am Teetisch durchgeblättert. Gedanken entfalten sich, ohne gleich nach Umsetzung zu rufen, sie lassen sich breiter streuen, vergehen wieder. Erinnerungen an alte Texte werden wach. „Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen, denn als Wanderer.“ Friedrich Nietzsche in „Menschliches, Allzumenschliches“ war so ein Wanderer. Man liest bei ihm (Band 1, Aphorismus 638), dass einer, der mit offenen Augen in der Welt unterwegs sei und dabei das Ganze im Blick habe, „sein Herz nicht allzu fest an alles Einzelne anhängen“ dürfe. Es müsse in ihm selber „etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe.“
WANDERUNGEN
Peter Peter schreibt in seinem kulturhistorischen Reiseführer „Blutorangen“ wie aromatische Zitrusfrüchte Italien, Europa und uns eroberten Mailand – Italien ist – natürlich – das Land, wo die Zitronen blühen und im dunklen Laub die Goldorangen glühen. Dahin, dahin will uns der „Gastrosoph“ und Kulturwissenschaftler Peter Peter mit seinem kleinen, leuchtend rot eingebundenen Buch „Blutorangen“ ziehen. Die kalte Jahreszeit, die Wochen um Weihnachten und zum Jahresbeginn sind eine ideale Zeit, um „eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens“, so der Untertitel anzutreten. Denn die duftenden Agrumen versprechen Süden, Sommer und Sonne, reifen jedoch im Winter und bereichern unseren Vitaminhaushalt, wenn es in geheizten Zimmern wohlig warm ist. Sie stammen aus Asien, bevor sie auch im Westen, schon zu Zeiten der Römer, aber besonders mit den Kreuzzügen vor allem in Italien Lebensraum fanden und heute in ganz Südeuropa verbreitet sind. Ihre ursprüngliche Herkunft steckt noch in manchen regional geprägten Namen: Holländer nennen etwa die Süßorange „sinaasappel“ oder Norddeutsche sprechen von der „Apfelsine“, dem Apfel aus China, passend zum Fachbegriff „Citrus sinensis“.
DER DUFT DES SÜDENS
Vom Stummfilm bis zur KI: die kleine, aber konzentrierte Ausstellung „Puccini – Opera Meets New Media“ im Museum der Mailänder Scala Mailand – Ein Komponist wie Giacomo Puccini (1858 – 1924) stand nicht nur musikalisch mit einem Bein im 19. und dem anderen im 20. Jahrhundert. Über seinen Arbeiten, die allerdings von Teilen der Musikkritik als eher konservativ beurteilt werden, erlebte er auch ganz modern den Umbruch des Musiktheaters und seine Industrialisierung durch neue Techniken und mediale Verbreitung. Eine im hundertsten Todesjahr des Komponisten von Bertelsmann und dem Archivio Storico Ricordi organisierte Ausstellung „Puccini – Opera Meets New Media“ ist im Museum der Mailänder Scala zu sehen. Sie versucht mit Objekten, Fotografien, Videos, Musikeinspielungen, Kostümen und Installationen die Beziehung von Puccini und seinem Verlagshaus Ricordi zu den im frühen 20. Jahrhundert aufkommenden Medien wie Kino oder Schallplatte ebenso zu untersuchen wie neue Methoden der Vermarktung.
BRANDING PUCCINI
Die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston, Balzan Preisträgerin 2024, im Gespräch über die Beziehung von Mensch und Natur, den Klimawandel sowie über Wissenschaft und Kommunikation Mailand/Rom – Die Wissenschaftsgeschichte verbindet Methoden der Geschichtswissenschaft mit der Grundlagenforschung aller Wissenschaftsbereiche und ist interdisziplinär ausgerichtet. Die Überwindung einer strengen Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften gehört deshalb zu den Kernanliegen der US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston. Für den Umfang, die Originalität und die Vielfalt ihres Oeuvres wurde sie im November 2024 in Rom mit dem Balzan Preis für Wissenschaftsgeschichte ausgezeichnet. Am Rande eines Forums zu den Themen der vier mit dem Balzan Preis ausgezeichneten Persönlichkeiten (siehe hier) ergab sich die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. In dem unterstreicht sie u. a. die Bedeutung der Kommunikation von Wissenschaft mit der Öffentlichkeit.
