Giorgio Fontanas kleiner Bildungsroman „Im Namen der Gerechtigkeit“ Mailand. Es geht um Recht und Gesetz und um die Möglichkeit, sich mit damit der Gerechtigkeit anzunähern. In einem Vorort von Mailand kommt es zu einer Schießerei. Eine zufällig beteiligte Frau wird dabei schwer verletzt. Beim Prozess weist der Hauptangeklagte, ein bislang unbescholtender Einwanderer aus Tunesien, alle Schuld von sich. Doch Indizien und Aussagen von Beobachtern der Tat sprechen gegen ihn. Der Mann wird unter dem Beifall der populistischen Presse verurteilt. Vor der Berufung recherchiert eine junge Journalistin die Hintergründe und entdeckt ein anderes Szenarium. Sie versucht, den Staatsanwalt am Berufungsgericht von der Unschuld eines Angeklagten zu überzeugen, der inzwischen jede Aussage verweigert. Eine Zeuge aus dem Einwanderermilieu, der seine Unschuld bestätigen könnte, wird getötet. Langsam gewachsene Zweifel Der Roman von Giorgio Fontana „Im Namen der Gerechtigkeit“, den Karin Krieger elegant übersetzt hat, benutzt viele Krimi-Elemente. Aber es ist mehr ein Spiel mit dem Genre. Denn im Mittelpunkt steht nicht ein Fall und seine juristische Aufklärung, sondern die Person des Staatsanwaltes. Für den 65jährigen Roberto Doni geht es um einen letzten Karriereschritt auf dem Weg zu seiner Pensionierung. Doch bricht er, angetrieben durch die Hartnäckigkeit der Journalistin Elena, aus der Routine eines […]
Bücher
Erinnerung an Esther Béjarano, die im Juli 2021 in Hamburg im Alter 96 Jahren gestorben ist. Die jüdische Musikerin hatte 2013 in Turin ihre (nur auf Italienisch herausgegeben) Erinnerungen vorgestellt. Ein Beitrag in der Südddeutschen Zeitung vom 26. Januar 2013 Mailand/ Turin (2013) Die Vorstellung im Auditorium des Turiner Polytechnikums war längst zu Ende, da holte Gianni Coscia im Foyer für einen Fotografen noch einmal sein Akkordeon aus dem Koffer. Der 82jährige Jurist und Jazzmusiker improvisierte ein paar Takte und als Esther Béjarano hinzutrat, begann er das Lied „Bel Ami“ aus dem Willi-Forst-Film von 1939 zu spielen. Die 88jährige Sängerin nahm sogleich die Melodie auf: „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami…“ Und denen, die dabei standen, lief ein Schauer über den Rücken. Denn „Bel Ami“ war ihre Prüfungsaufgabe für die Aufnahme in das Frauenorchester von Auschwitz gewesen. Die damals neunzehnjährige Esther Loewy stammte aus einer musikbesessenen Familie. Ihr Vater hatte als Kantor verschiedener jüdischer Gemeinden unter anderem in Saarbrücken und Ulm gearbeitet, wo Esther das Klavierspielen lernte. Als die Rassenverfolgungen begannen, konnten sich zwei ältere Geschwister gerade noch rechtzeitig ins Ausland absetzen. Die Familie wurde auseinander gerissen, die Eltern nach Litauen verschleppt und dort bereits 1941 von den […]
VOM ORCHESTER IN AUSCHWITZ BIS ZUM RAP
Andreas Camilleris Caravaggio-Roman „Die Farbe der Sonne“ und die Mafia Rom. Die Geschichte handelt von einem Künstlerleben, doch sie beginnt wie ein Krimi. Dem Erzähler wird beim Besuch einer Inszenierung im griechischen Theater von Syrakus eine Telefonnummer zugespielt. Sie führt zu einem versteckten Landgut unweit von Catania, wo er bislang unbekannte handschriftliche Notizen eines berühmten Malers aus der Zeit des Epochenwechsels von der Renaissance zum Barock einsehen kann. Notizen von Caravaggio, das heißt von Michelangelo Merisi, der 1571 vermutlich in Mailand zur Welt kam. Die Familie des Malers stammte aus dem Marktflecken Caravaggio (südlich von Bergamo), auf den sich Merisi immer wieder stolz berief. In Rom, das er später fluchtartig verlassen musste, weil er wegen Totschlags angeklagt wurde, und in Neapel schuf er seine Hauptwerke. Caravaggio starb am Ende eines kurzen, teilweise abenteuerlichen Lebens vor 400 Jahren am 18. Juli 1610 in Porto Ercole an der Grenze zum Vatikanstaat. In den Jahren vor seinem Tod hielt er sich von 1607 bis 1609 vor allem auf Malta und auf Sizilien auf. Aus den geheimnisvollen Notizen rekonstruiert der Sizilianer Andrea Camilleri in seinem kleinen Roman „Die Farbe der Sonne“ eben diese Jahre. Caravaggio kommt nach Malta, malt dort einige wichtige Bilder wie […]
ANGEFRESSEN VON SCHWEINEN UND MÄUSEN
Die Fotografie in der Kunstgeschichte und eine Online-Ausstellung zum Kreuzgang von Monreale Florenz/Mailand (2009) – Es ist eine Frage der Methode: „Wer die meisten Photos hat, gewinnt.“ Mit diesem Satz brachte Erwin Panofsky die tragende Rolle der Fotografie in der kunsthistorischen Beurteilung auf den Punkt. Fotos von Kunstwerken gelten nicht nur als Gedächtnisstütze für den Wissenschaftler oder als Lehrmittel im Unterricht, sondern als Dokument und als Beweis im wissenschaftlichen Streit. Und sogar als Ersatz für das, was man selbst nie gesehen hat, obwohl man ausführlich darüber redet – wie etwa Richard Krautheimer einmal selbstkritisch anmerkte.
DIGITALER SCHATTEN
Die Gedichte von Antonia Pozzi endlich auch auf Deutsch Es war für die Antonia Pozzi, die 1912 in Mailand auf die Welt kam, ein Leben „unter herbstlichen Farben“ und in schwierigen Zeiten. Vor dem Hintergrund des Faschismus und belastet mit einer Liebe, die zu schwer war für sie. 1938, als auch Italien Rassengesetze erließ, hat sie ihr Leben, obgleich Nichtjüdin, nicht mehr tragen können und wählte mit 26 Jahren den Tod. Die aus einer wohlhabenden Familie stammende Literatin (und Fotografin) Antonia Pozzi, die über Flaubert promovierte und Rilke im Original las, hinterließ mehre Hundert Gedichte. Ihr Vater gab nach ihrem Tod nur einen kleinen und von ihm stark bearbeiten Teil zum Druck frei. Viel später, in den 1980er-Jahren, wurde dann Antonia Pozzis gesamtes lyrisches Werk mit seinem Montale verwandten existenzialistischen Grundton sichtbar. Und erst jetzt kann man es durch die von Gabriella Rovagnati einfühlsam übersetzt und herausgegebene Auswahl auch im deutschen Sprachraum kennen lernen. Es war ein Schreiben gegen das Aufgeben, ein Dichten gegen den Todesdrang. Und dann, wie „Vögel,/ die ihre Flügel nicht mehr tragen“, blieb die Kraft des Schreibens aus. Antonia Pozzi, Parole/Worte. Gedichte. Italienisch/Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Gabriella Rovagnati. Wallstein Verlag Göttingen 2008. 336 Seiten, 24 […]
