Gespräch


Ein Gespräch mit Shaul Bassi über Shakespeare, die Juden und den „Kaufmann von Venedig“ Venedig – Er ist der venezianische Jude schlechthin, auch wenn er nie existiert hat: Shylock aus Shakespeares Drama „Der Kaufmann von Venedig“. In der Ausstellung „Venezia, gli Ebrei e l’Europa 1516 – 2016“, die im Palazzo Ducale an die Gründung des Ghettos vor 500 Jahren erinnert ist, darf er nicht fehlen. Der Anglist Shaul Bassi von der Universität Ca’ Foscari, ein Mitglied der jüdischen Gemeinschaft Venedigs, ist für diesen Teil der Ausstellung verantwortlich. Im Interview äußert sich der 46jährige Wissenschaftler zum Thema.

„MAN KANN EINEN SHYLOCK NICHT AUSSCHLIESSEN“


500 Jahre Ghetto (1) – ein Gespräch mit dem Historiker Romedio Schmitz-Esser vom Deutschen Studienzentrum Venedig     Der Historiker und Kulturwissenschaftler Romedio Schmitz-Esser leitet das Deutsche Studienzentrum Venedig. Die interdisziplinäre Einrichtung, die hauptsächlich von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert wird, fördert seit 1972 wissenschaftliche Arbeiten und Projekte zur Geschichte und Kultur Venedigs und seiner ehemaligen Herrschaftsgebiete. Junge Wissenschaftler aber auch Künstler werden vom Studienzentrum mit Stipendien unterstützt. Laufende Forschungsprojekte reichen von den Beziehungen Venedigs und seines Hinterlandes mit dem asiatischen Raum im Mittelalter bis zur Unterdrückung des Jazz in Venedig während des Faschismus oder der Erarbeitung einer Luigi-Cherubini-Werkausgabe. Zu den Schwerpunkte im Jahr 2016 gehört auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte des jüdischen Ghettos, das im März 1516, also vor genau 500 Jahren, von der Serenissima per Gesetz eingerichtet wurde. Es ist das erste Ghetto der Geschichte überhaupt.

„IN GEWISSER WEISE WAR VENEDIG AUCH EIN TOLERANTER ORT“



Ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker Gerd Roos über Giorgio de Chirico und seine Jahre in Ferrara 1915 – 1918 anlässlich einer Ausstellung im Palazzo dei Diamanti Ferrara – In der Biographie von Giorgio de Chirico (1888-1978) markieren die Jahre, die der italienische Maler vor einhundert Jahren in Ferrara verbrachte, einen tiefen Einschnitt. Eine repräsentative Auswahl von Bildern der Zeit, in der die „metaphysische Malerei“ von de Chirico sich voll entwickeln könnte, ist gerade in einer äußerst gelungenen Ausstellung im Palazzo dei Diamanti der Stadt bis zum 28.2. zu sehen. Sie zeigt mit rund 70 Exponaten ebenso Arbeiten von unter anderen Carlo Carrà, Giorgio Morandi, Max Ernst, Georges Grosz oder René Magritte, die den Einfluss von de Chirico auf verschiedene Strömungen der europäischen Avantgarde dokumentieren. Die Ausstellung haben Paolo Baldacci (Mailand) und Gerd Roos (Berlin), die beiden heute wohl bedeutendsten Fachleute der de-Chirico-Forschung, eingerichtet. Gemeinsam arbeiten sie auch an einem Werkverzeichnis. Mit Gerd Roos gab es am Rande der Ausstellung die Möglichkeit zu einem Gespräch.

POETISCHER FUNKENSCHLAG


In Erinnerung an Hans Belting (1935 -2023), Balzanpreisträger 2015, ein Gespräch über die Rolle von Kunstgeschichte, die Bilderwelt und den Wissenschaftsbetrieb Bern/Mailand (2015) – Der deutsche Kunst- und Medienwissenschaftler Hans Belting ist einer von vier Preisträgern, die in diesem Jahr mit dem Premio Balzan ausgezeichnet wurden. Der äußerst umtriebige emeritierte Professor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe hat mit vielen Veröffentlichungen die internationale Debatte über Fragen der Kunst- und Medientheorie angestoßen und bereichert – aber auch für Widerspruch gesorgt. Dazu gehören Arbeiten wie „Das Ende der Kunstgeschichte“(1983/1995), die Fortschreibung unter dem Titel „Art History after Modernism“ (2003), „Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst“ (1990/2011), der Essayband „Bild-Anthropologie“ (2001/2004) oder zuletzt „Faces. Eine Geschichte des Gesichts“ (2013). Am Rande der Preisübergabe in Bern gab es Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem 80jährigen Wissenschaftler.

DIE TÜR WEIT AUFMACHEN



Erinnerung an Esther Béjarano, die im Juli 2021 in Hamburg im Alter 96 Jahren gestorben ist. Die jüdische Musikerin hatte 2013 in Turin ihre (nur auf Italienisch herausgegeben) Erinnerungen vorgestellt. Ein Beitrag in der Südddeutschen Zeitung vom 26. Januar 2013  Mailand/ Turin (2013) Die Vorstellung im Auditorium des Turiner Polytechnikums war längst zu Ende, da holte Gianni Coscia im Foyer für einen Fotografen noch einmal sein Akkordeon aus dem Koffer. Der 82jährige Jurist und Jazzmusiker improvisierte ein paar Takte und als Esther Béjarano hinzutrat, begann er das Lied „Bel Ami“ aus dem Willi-Forst-Film von 1939 zu spielen. Die 88jährige Sängerin nahm sogleich die Melodie auf: „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami…“ Und denen, die dabei standen, lief ein Schauer über den Rücken. Denn „Bel Ami“ war ihre Prüfungsaufgabe für die Aufnahme in das Frauenorchester von Auschwitz gewesen. Die damals neunzehnjährige Esther Loewy stammte aus einer musikbesessenen Familie. Ihr Vater hatte als Kantor verschiedener jüdischer Gemeinden unter anderem in Saarbrücken und Ulm gearbeitet, wo Esther das Klavierspielen lernte. Als die Rassenverfolgungen begannen, konnten sich zwei ältere Geschwister gerade noch rechtzeitig ins Ausland absetzen. Die Familie wurde auseinander gerissen, die Eltern nach Litauen verschleppt und dort bereits 1941 von den […]

VOM ORCHESTER IN AUSCHWITZ BIS ZUM RAP