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Hanna Kiels Augenzeugenbericht „Die Schlacht um den Hügel“ über die Belagerung und Besatzung in Fiesole beim Rückzug der Wehrmacht im Sommer 1944 ist endlich auch auf Deutsch erschienen Mailand/Florenz – Das ist die Geschichte einer Wiederentdeckung – und einer Wiedergutmachung. Die Schriftstellerin und Kunsthistorikerin Hanna Kiel (1894-1988) beschrieb mit dem Text „Die Schlacht um den Hügel. Eine Chronik aus Fiesole vom August 1944“ die letzten Wochen der deutschen Besatzung des Hügels von Fiesole nördlich von Florenz, wo sie damals lebte. Der Text sollte 1947 im Südverlag Konstanz unter dem Titel „Florentiner Tagebuch“ erscheinen, wurde aber nie gedruckt (weil angeblich zu deutschfeindlich). Die Schweizer Zeitschrift DU veröffentlichte später Ausschnitte. Eine italienische Übersetzung der „Chronik“ kam 1986 in Florenz heraus. Die Germanistin Eva-Maria Thüne von der Universität Bologna hat über diese Übertragung das deutsche Original wieder entdeckt und es jetzt mit einem Nachwort versehen im Berliner AvivA Verlag erstmals auf Deutsch veröffentlicht.

ERLEBNIS VON MENSCHLICHKEIT


Ein Festival des europäischen Gegenwartstheaters am Piccolo Teatro mit 16 Stücken an 16 Tagen – und ein Fest zum 77-jährigen Bestehen der von Giorgio Strehler, Nina und Paolo Grassi 1947 gegründeten Mailänder Bühne Mailand – Das internationale Theaterfestival am Piccolo Teatro „Presente Indicativo” („Indikativ Präsenz“), dass nach der erfolgreichen ersten Ausgabe 2022 im geplanten Biennale-Rhythmus jetzt vom 4. bis 19. Mai zum zweiten Mal veranstaltet wird, trägt den Untertitel „Milano Porta Europa“. “Porta“ lässt sich sowohl als Verb lesen („Mailand bringt/trägt Europa“) als auch als Substantiv („Mailand Tor Europa“). Einerseits geht es darum, vielfältigen Strömungen zeitgenössischer Dramaturgien mit Beiträgen u. a. aus Frankreich, Großbritannien, Polen, Spanien oder Portugal in Europa eine Plattform zu bieten, andererseits zeigt man sich offen für Wechselbeziehungen nach Lateinamerika (Argentinien, Chile) und natürlich zur eigenen, zur italienischen Szene. Auffällig fehlt u. a. der deutschsprachige Raum.

NEUGIER UND KÜHNHEIT



Antigone als Inbegriff von Widerstand und Bruderliebe oder als Beispiel einer egozentristischen Verweigerin legitimer Rechtsnormen – eine italienische Debatte ausgelöst durch die Streitschrift „Contro Antigone“ von Eva Cantarella Mailand – In ihrem Widerstand gegen die Obrigkeit gilt Antigone als zeitlose Kämpferin für Menschenrechte. Sie tritt, wie wir sie in der Tragödie von Sophokles kennen lernen, bis zur Selbstaufgabe für ihre Überzeugungen ein. Dieses heldenhaft positive Bild zerreißt jetzt die italienische Rechtshistorikerin und Gräzistin Eva Cantarella in ihrem Pamphlet Contro Antigone. O dell’egoismus sociale (Einaudi). Sie beschreibt Antigone als ein „menschliches Monstrum“, als eine Persönlichkeit „mit einem erschreckenden Egozentrismus“. Dass dieser Verriss von der inzwischen 88-jährigen Wissenschaftlerin kommt, die sich Zeit ihres Lebens mit der aktiven Rolle der Frau in der Antike beschäftigt hat und als streitbare Intellektuelle und Demokratin in der Öffentlichkeit aufgetreten ist, hat quer durch die Medien eine Debatte ausgelöst.

IDEAL ODER ASOZIAL? 


Die vielen Rollen der Edicola im italienischen Alltag und ihre Krise. Eindrücke auf einer Fotoausstellung über Zeitungskioske in Ferrara  Mailand/Ferrara – Wenn man nach typischen Unterschieden im Erscheinungsbild zwischen deutschen und italienischen Stadtlandschaften sucht, gehört die Edicola dazu. Nördlich der Alpen hat sich der Zeitungskiosk meist als Laden in die Häuserfront eingegliedert, wo man neben Zeitungen oft auch Getränke oder andere Waren kaufen kann. In südlicheren Breiten findet man ihn (noch) als frei stehende Einrichtung, in denen hauptsächlich Druck-Erzeugnisse angeboten werden. Das ist gerade auf einer kleinen Ausstellung mit rund 30 großformatigen Fotografien von Ulrich Wienand in Ferrara nachzuvollziehen. Sie wird in der kommunalen Biblioteca Giorgio Bassani unter dem Titel Vado a prendere il giornale („Ich geh die Zeitung holen“) gezeigt.

APOTHEKE GEGEN DIE DUMMHEIT



Zwei Eigenproduktionen des Piccolo Teatro „Ho paura torero“ und „Come tremano le cose riflesse nell’acqua (čajka)“, mit denen die Mailänder Bühne ins neue Jahr gestartet ist, gehören zu den Höhepunkten dieser Spielzeit Mailand – Das Piccolo Teatro Milano hatte in der vergangenen Saison versucht, mit seinen Aufführungen die Beziehung zwischen Wirklichkeit und Darstellung zu durchleuchten. In der gegenwärtigen Spielzeit 23/24 geht es um „Il corpo delle parole“ also um die Körperlichkeit der Sprache auf der Bühne. Wobei u. a. der Dialog mit der Literatur, etwa mit der Welt des Romans, gesucht wird. Aber auch die Auseinandersetzung mit der dem Theater eigenen Dramaturgie von der Klassik bis hin zu kritischen Neuerfindungen des 20. Jahrhunderts. Mit zwei Inszenierungen hat die Mailänder Bühne gerade diesen Ansatz eindrucksvoll unterstrichen: Ho paura torero („Torero, ich habe Angst“) von Pedro Lemebel und Come tremano le cose riflesse nell’acqua (čajka) („Wie zittern die sich im Wasser spiegelnden Dinge“) eine Bearbeitung von Tschechows „Die Möwe“ durch Liv Ferracchiati.

„WIR MÜSSEN SANFT IRONISCH SEIN“