Mailand


Die „Ventotto“ tut seit 1928 täglich ihren Dienst Mailand. Die Stadt ist mit 181 Quadratkilometer Grundfläche eine kleines Gemeinwesen (Hamburg ist viermal, Rom sogar sechsmal größer). Wenn man sich jedoch zwischen Zentrum und Peripherie bewegt, kann und will man nicht alles zu Fuß erledigen. Da hilft ein relativ gut ausgebautes öffentliches Verkehrssystem. Und darin spielt die Tram eine wichtige Rolle. Jedem Neuankömmling fällt sie sofort auf, zum Beispiel ein Wagen der Straßenbahnlinie 1, der sich stockend durch den Verkehr in der eleganten Via Manzoni müht. Er rattert an der Scala vorbei und legt sich quietschend in die Kurve Richtung Piazza Cordusio. „Guck mal, eine Museumsbahn“, ruft eine kleine deutsche Besucherin, die vielleicht aus München, Stuttgart oder Hannover modernere, voll klimatisierte Wagen mit elektronischen Türsystemen und digitalen Bildschirmen kennt. Diese Mailänder Tram hat über 80 Jahre auf dem Buckel und sieht ganz anders aus. Die Türen aus Teak klappen mit einem Druckluftmechanismus nach außen auf. Drinnen sind Sitzbänke aus dunkel lackierten Holzsprossen mit dem Rücken zur Außenwand des Fahrgehäuses angeordnet (29 Sitzplätze). Von Hand zu öffnende Schiebefenster ziehen sich über dem Metallchassis um den ganzen Wagen herum. Unter der Decke aus Lärchenholz hängen Lampen mit einem glockenartigen Schirm aus geripptem Glas – […]

EINE TRAM MIT TÜREN AUS TEAK


Mailand, das Design und sein Netzwerk – eine Spurensuche Mailand (23.2.2012). Design in Mailand also. Blitzlichtartig tauchen Namen auf. Alessi und Kartell, Cassina und Armani. Designer gründen Firmengruppen, Industriebetriebe stützen sich auf die Kreativität ihrer Architekten. Mode- und Produktdesign sind in einem regen Austausch begriffen. Mailand (1,3 Millionen Einwohner in der Stadt, 5 Millionen im Großraum) ist eine Stadt voller Bewegung und Konkurrenz. Jede gute Idee stößt hier auf bessere Alternativen. Rund 12.000 Architekten haben sich in der Stadt niedergelassen. Mehr als 7000 Menschen teilen sich ein Quadratkilometer Fläche, enger geht es in Italien nur noch in Neapel zu. Und weitere 900.000 Menschen pendeln jeden Tag in die lombardische Wirtschafts- und Finanzmetropole ein, die zugleich Europas größter Messeplatz ist. Dazu gehört auch der Salone del Mobile, die Möbel- und Einrichtungsmesse, die die Stadt jedes Jahr im April in einen wahren Design-Taumel versetzt. Einige Veranstaltungen des Fuorisalone in den Showrooms, Werkstätten und open studios der Architekten und Hersteller außerhalb des Messegeländes haben inzwischen chaotische Formen einer Kirmes angenommen. Ein Shoppingparadies für gefüllte Brieftaschen Den Rest des Jahres bleibt Mailand ein Shoppingparadies eher für Träger gefüllte Brieftaschen. Die vielen Boutiquen und Showrooms präsentieren die Objekte der Begierde, als sei die ganze Stadt […]

VOM LÖFFEL BIS ZUR STADT



Ein Reformationsdenkmal, das in den Himmel wächst Mailand/Wittenberg (Oktober 2009) – Vermutlich hat Martin Luther nie den Satz gesagt, dass selbst „wenn morgen die Welt unterginge“, wir noch heute „unser Apfelbäumchen pflanzen“ wollen. Es ist ebenfalls höchst umstritten, ob er am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen zur Reform des Glaubens wirklich an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg geschlagen hat. Wahrscheinlich hat er sie während jener Tage „nur“ übergeben. Dennoch feiert die lutherische Welt den 31. Oktober zu Recht als Reformationstag. Und das falsche Wort vom Apfelbäumchen hat dem Landschaftsarchitekten Andreas Kipar eine richtig gute Idee zu einem Reformationsdenkmal in Wittenberg gegeben, das auf Kommunikation, Internationalität und Ökumene ausgerichtet ist: ein Luthergarten mit 500 Bäumen zum Jubiläumsjahr 2017. Der Geschäftsführers des Lutherische Weltbund (LWB) in Deutschland, Norbert Denecke, hat diese Idee aufgenommen und sie den Wittenbergern schmackhaft gemacht. Wobei jeder Baum von einer christlichen Kirche oder von einer einzelnen Gemeinde – wo auch immer auf der Welt – gepflanzt und adoptiert werden soll, um so die weltweite Verbundenheit der unterschiedlichen Kirchen mit der Reformation zu dokumentieren, die wohl oder übel Spuren im Christentum hinterlassen hat. Die Mailand Connection Wenn jetzt am Reformationssonntag in Wittenberg auf der sogenannten Andreasbreite zwischen […]

LUTHERBÄUME


Wie in Italien der Film „Il vento fa il suo giro“ von Giorgio Diritti durch Mundpropaganda sein Publikum fand Mailand (2008) – Im Cinema Mexico, einem unabhängigen Mailänder Vorstadtkino, wird in diesen Tagen ein Rekord angezeigt. Seit zwölf Monaten steht hier der Film Il vento fa il suo giro (frei übersetzt: „Der Kreis des Windes“) des jungen Regisseurs Giorgio Diritti auf dem Programm. Er erzählt von Chersogno, einem halbverlassen Dorf in den piemontesischen Meeralpen nahe der französischen Grenze, wo noch Okzitanisch gesprochen wird. Als ein französischer Hirte mit seiner Frau, seinen Kindern und seinen Schafen ins Dorf zieht, wird ihnen ein begeisterter Empfang bereitet. Doch nach und nach reiben sich die verschiedenen Kulturen aneinander. Die Neuen werden zu Fremden und die Integration scheitert schließlich. Die Angst vor dem Anderssein Ohne ideologischen Fingerzeig thematisiert der Regisseur die gleichsam archaische Angst vor dem Anderssein und dem Fremden. Giorgio Diritti, ein Schüler von Normanno Olmi, dem bewegende Szenen und großartige Natureindrücke gelingen, erzählt das mit einer fast dokumentarischen Bildersprache. Bis auf die Hauptdarsteller Thierry Toscan und Alessandra Agosti treten Laien aus den okzitanischen Tälern auf. Man redet Okzitanisch und Französisch (jeweils untertitelt) sowie Italienisch. Wenn das deutsche Wort „Heimatfilm“ nicht falsche Assoziationen wecken […]

DER KREIS DES WINDES



Wissenschaftler, Literat und engagierter Intellektueller –  Manuskript eines Radio-Feature für NDR-Kultur (Januar 2007) zum 75. Geburtstag von Umberto Eco Anfangsmontage Musik O-Ton Coscia: Mi ero incuriosito, proprio in una viuzza qua vicino lì ho visto questo ragazzino con il violoncello. Zitator Coscia: „In einer Gasse ganz in der Nähe war das, da bin ich auf diesen Jungen aufmerksdam geworden, der ein Cello trug.” O-Ton Renate Eco: „Das war in Franfurt zur Buchmesse, da musste mein Mann sowieso hin, der war da für den Verlag tätig, da haben wir denn eben auch gleichzeitig geheiratet.“ Zitator Eco: „Ich gehe und hinterlasse dies Schreiben, ich weiß nicht für wen, ich weiß auch nicht mehr worüber: Stat rosa pristina nomine, nomine nuda tenemus.“ O-Ton Michael Krüger: „Ich weiß nicht, wer über mehr Sprache verfügt als er.“ O-Ton Furio Colombo: „Il nostro modo di essere di sinistra non aveva legami con il partito comunista che allora era così importante nella vita culturale italiana:“ Zitator Colombo: „Unser Linkssein hatte keine Beziehung zur kommunistischen Partei.“ O-Ton Inge Feltrinelli: „Er ist manchmal ein sehr melancholischer Mensch.“ Die Bibliothek Atmo Bibliothek mit Eco: La biblioteca è organizzata così: qui è la zona donne… Erzählerin: Nicht ohne Ironie führt Umberto Eco […]

EIN PIEMONTESICHES SCHNABELTIER