News – Kuerze


Italien diskutiert den neuen Roman „Bruciare tutto“ von Walter Siti über einen pädophilen Priester. Widerwärtig, ein klassisches Problem der Ethik oder einfach nur eine anachronistische Debatte?     Mailand – In den italienischen Blättern findet man auf den Seiten der Literaturkritik selten Verrisse. Eine Ausnahme machte jetzt die Tageszeitung la Repubblica, die die Veröffentlichung des jüngsten Romans von Walter Siti „Bruciare tutto“ („Alles verbrennen“) zu einem „Fall“ erklärt. Die Philosophin Michela Marzano nennt Sitis Buch in ihrer Kritik „inakzeptabel“, weil es „spekulativ“ und „zynisch“ mit dem Thema Kirche und Pädophilie umgehen würde (siehe hier). Kaum war der Artikel am 13. April erschienen, brach in den Blättern wie im Web eine Debatte pro und contra Siti (und pro und contra Marzano) los, die auch über die Osterfeiertage anhielt.

IST DAS LITERATUR?


Vor 150 Jahren wurde Arturo Toscanini geboren. Gefeiert wird in Italien und auch in den USA. Das Scala-Museum widmet ihm eine kleine Ausstellung Mailand – Am 25. März 1867 wurde Arturo Toscanini im norditalienischen Parma als Sohn eines Schneiders geboren. Früh entdeckte man sein musikalischen Talent. Italien feierte nun seinen 150. Geburtstag. Mittelpunkt war Mailand, wo an der Scala Riccardo Chailly ein Konzert zu seinen Ehren unter anderem mit der 7. Symphonie von Beethoven dirigierte. Dem umjubelten Abend wohnte neben dem Kulturminister auch der italienischen Staatspräsident bei. Veranstaltungen gab es auch in Parma, Bologna und New York. Derweil ist noch im Museum des Teatro alla Scala eine Ausstellung über das Leben und den Mythos von Arturo Toscanini zu sehen. 

DER ERSTE WELTSTAR UNTER DEN DIRIGENTEN



Jannis Kounellis ist im Alter von 80 Jahren in Rom gestorben. Er nannte sich einen „Maler, der aus dem Bild ausbrechen und mit dem Publikum ins Gespräch kommen wollte.“ Rom – Jannis Kounellis wurde 1936 in Piräus geboren. Mit zwanzig Jahren verließ er Griechenland und ging nach Italien, wo er in Rom und Umbrien seinen Lebensmittelpunkt fand. Nach dem Studium an der römischen Kunstakademie brach er in ersten Ausstellungen mit der Traditionen der klassischen Moderne und verabschiedete sich vom Leinwandbild. Kunst, so glaubte er, könne nur noch in der „Theaterhaftigkeit des Raumes“ zu sich selbst kommen. Zusammen mit anderen Künstlern nutzte er Alltagsmaterialen aller Art, grobe Stoffe, Holz, Eisen oder Kohle, die er in Installationen wie für ein „Theater der Armen“ arrangierte und bearbeitete. Der Kritiker Germano Celant schuf für diese heterogene Gruppe von Einzelpersönlichkeiten unterschiedlicher Herkunft und jeweils eigener Poetik, zu der Alighiero Boetti, Luciano Fabro, Giulio Paolini oder eben Jannis Kounellis gehörten, den Oberbegriff „Arte Povera“. Installationen von Kounellis, die im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrem Einsatz wuchtiger Materialen den Begriff „Arbeit“ deutlich machten, waren auf der Kassler documenta (1972 und 1982) wie auch mehrfach auf der Biennale von Venedig zu sehen.

EIN PROVOKATEUR DER ARTE POVERA


Riccardo Muti hat mit dem Chicago Symphonie Orchestra nach zwölfjähriger Abstinenz an der Mailänder Scala zwei umjubelte Konzertabende gegeben Mailand – Nun ist er zurück gekehrt. Riccardo Muti war vor zwölf Jahren nicht ganz unschuldig an den chaotischen Verhältnissen an der Mailänder Scala gewesen, die er im April 2005 Türe schlagend verlassen hatte. Jetzt feierte er am 20. und 21. Januar mit zwei Konzerten seines Chicago Symphonie Orchestra eine triumphale Wiederkehr. Am Freitag Abend unter anderem mit der symphonischen Dichtung „Don Juan“ von Strauss und der 4. Symphonie von Tschaikowski. Am Sonnabend ragten Hindemiths „Konzertmusik op. 50“ und Musorgskis „Bilder einer Ausstellung“ heraus. Als Zugabe und als Hommage an Giuseppe Verdi (und die Scala) dirigierte er die Ouvertüre von Nabucco. Das Publikum – unter viel lokaler Prominenz auch Kulturminister Dario Franceschini – feierte den Maestro und das Orchester mit einer Standing Ovation. Bei einer kurzen Rede widmete Riccardo Muti das Gastspiel den jüngsten Opfern des Erdbebens und der Lawinenkatastrophe in Mittelitalien.

WIEDER IN DIE ARME GENOMMEN



Zur Erinnerung an den Anthropologen und Schriftsteller Giulio Angioni Mailand/ Cagliari – Die Beschäftigung mit sich selbst ist für eine Gesellschaft, die auf einer Insel lebt, eigentlich selbstverständlich. In Sardinien kommt ein Bruch mit der eigenen Geschichte hinzu, einer Geschichte, die sich tausend, zweitausend Jahre nicht, oder nur wenig bewegt hatte. Der Anthropologe und Schriftsteller Giulio Angioni, der 1939 in Guasila (Provinz Cagliari) auf die Welt kam, erzählt, er habe noch eine Jugend erlebt, „die näher an der Jugendzeit vor tausend oder zweitausend Jahren war als an der von heute.“ Mit diesem Bruch zwischen Geschichte und Gegenwart muss sich jeder Schriftsteller auf Sardinien auseinandersetzen, wie Angioni auch in einem brillanten Essay schreibt, der dem Fotobuch von Marianne Sin-Pfältzer: Sardinien. Menschliche Landschaften (Ilisso Edizioni, Nuoro 2015) vorangestellt ist.

DAS SCHWEIGEN BEWAHREN