Salvatore Mereu hat den Roman von Giulio Angioni mit Gavino Ledda in der Hauptrolle (fast) getreu verfilmt Mailand (Cinema Arcobaleno) – Es geht um die Verwertung von Traditionen im Wirtschaftstreiben der Gegenwart. Und um schnelle Befriedigung der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen durch Folklore. Auf Sardinien lässt sich der alte Hirte Costantino von seinem Sohn und seiner deutschen Schwiegertochter überreden, gemeinsam einen Agritourismus-Betrieb in seinem ehemaligen Schafsstall einzurichten. Besucher besonders aus Nordeuropa sollen „echtes“ Hirtenleben von einst „sinnlich“ erleben. Im Film „Assandira“, der gerade auf der Biennale außerhalb des Wettbewerbs gezeigt wurde, gerät Costantino, der typische Speisen kochen und in alten Trachten die Touristen unterhalten soll, in Konflikt zu den Werten seiner Vergangenheit.
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Interdisziplinarität hat die Auswahl der Balzanpreisträger 2020 bestimmt. Zum ersten Mal werden zwei Fachbereiche unter einem gemeinsamen Oberthema – Umweltprobleme – prämiert. Mailand – Jubel am Max Planck Institut für Biogeochemie in Jena: Die Direktorin Susan Trumbore wird in diesem Jahr mit dem Balzan Preis 2020 im Fachbereich „Dynamik das Systems Erde“ ausgezeichnet. Die amerikanische Staatsbürgerin, die außerdem als Professorin für Erdsystemwissenschaften an der University of California Irvine unterrichtet, wird u.a. – so die Begründung Jury – „für ihren außergewöhnlichen Beitrag zur Erforschung des Kohlenstoffkreislaufs und dessen Auswirkungen auf das Klima“ geehrt. Weitere Preisträger, die jetzt in Mailand bekannt gegeben wurden, sind Antonio Augusto Cançado Trindade (Brasilien) für „Menschenrechte“ sowie Jean-Marie Tarascon (Frankreich) für „Umweltprobleme: Materialwissenschaft für erneuerbare Energie“ und Joan Martinez Alier (Spanien) für „Umweltprobleme: Antworten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften“.
JUBEL IN JENA
In Italien werden mit Kulturfinanzierungen nach der Lockdown Krise Mittel für „Großprojekte der Kulturgüter“ wie die Loggia Isozaki in Florenz freigegeben. Mailand/Rom – Klappt es jetzt? Im schönen, stolzen Florenz denkt man nun schon seit über 20 Jahren darüber nach, ob auf der Rückseite der Uffizien ein zweiter Zugang gebaut werden soll oder nicht. Arata Isozakis Entwurf (in Zusammenarbeit mit Andrea Maffei Architects) einer hohen Loggia hatte sich 1998 bei einer internationalen Ausschreibung durchgesetzt. Mit toskanischem Sandstein verkleidete Stahlträger würden dabei ein transparentes Oberlicht tragen. Gegenwart (im Entwurf) und Tradition (im Material) geben sich bei Isozaki die Hand. Im Jahr 2001 kam es zu einem ersten Vertrag zwischen dem japanischen Architekten und der Stadt bzw. dem italienischen Kulturministerium. Doch dann begannen immer mehr Stimmen sich gegen den „modernistischen Eingriff“ in das Stadtbild von Florenz zu wehren. Archäologische Ausgraben verzögerten das Projekt und schließlich erklärte die Denkmalschutzbehörde, es habe sowieso keinen Vorrang – das umstrittene Projekt blieb lange in der Schublade.
AUS DER SCHUBLADE GEHOLT
Giorgio Diritti erzählt vom Leben des Malers und Bildhauers Antonio Ligabue – und vom Umgang der Gesellschaft mit einem Außenseiter Mailand (Cinema Arcobaleno) – Von klein auf schwer traumatisiert und am Rande der Gesellschaft lebend fand Antonio Ligabue (1899 – 1965) in einer Kleinstadt am Po weitgehend autodidaktisch zur Malerei und Bildhauerei. Mit ausdrucksvollen, bizarren Tier- und Naturschilderungen, aber auch mit vielen Selbstporträts mischte er naive Ansätze mit kunstvoll expressionistischen Elementen. Dem Film Volevo nascondermi („Ich wollte mich verstecken“) geht es dabei weniger um Ligabues künstlerische Entwicklung, sondern um sein Leiden mit sich und seiner Umwelt und wie sich das in seinen Werken niederschlägt. Wobei sich biographische Fakten und Elemente einer Fabel durchmischen. Großartig Elio Germano, der für seine Darstellung des nervlich zerrissenen und von der Gesellschaft abgestoßenen Künstlers auf der Berlinale 2020 ausgezeichnet wurde.
im Kino: Volevo nascondermi
Das kulturelle Venedig lebt nach langem Lockdown wieder auf. Und in die Lücke der verschobenen Architekturbiennale ist 125 Jahre nach der Gründung der Biennale eine dokumentarisch geprägte Ausstellung über die gemeinsame Geschichte ihrer sechs Sparten getreten. Venedig (bis 8.12.) – Gold fließt in den Fenstern des Museo Correr, die sich der Piazza San Marco zuneigen. Venedig will mit dieser Installation des Videokünstlers Fabio Plessi gegenüber der Markusbasilika spektakulär zeigen, dass es wieder geöffnet hat. Zu besichtigen sind – allerdings meist nur nach einerAnmeldung online – wieder Museen und Kultureinrichtungen von Peggy Guggenheim bis zum Palazzo Grassi, von der Galleria dell’Accademia bis zur Ca’ Rezzonico. Die einer großen Öffentlichkeit gewidmete Architekturbiennale musste jedoch aufs kommende Jahr und dementsprechend die nächste Kunstbiennale von 2021 auf 2022 verschoben werden. Ausgerechnet jetzt zum Jubiläum, 125 Jahre nachdem die erste Biennale ins Leben gerufen worden war, muss Venedig auf einen solchen Kulturhöhepunkt verzichten. Die Lücke kann man nicht füllen, doch hat man aus der Not eine Tugend gemacht.
