Das Teatro delle Albe aus Ravenna und zwei Gastspiele in Mailand. Eine Arbeit von Marco Martinelli und eine Vorlage von Luca Doninelli interpretiert jeweils von Ermanna Montanari. Mailand (Teatro dell’Elfo/Teatro Oscar) – fedeli d’Amore („Gläubiger der Liebe“) ist ein „Polyptichon“, wie es der Autor und Regisseur Marco Martinelli nennt. Sieben Szenen, die sich um die letzten Stunden von Dante Alighieri drehen, um seine Phantasien, Ängste oder die Tochter Antonia, die zum letzten Abschied an sein Bett tritt: „Padre, sono qui, mi senti? – Vater, ich bin hier, hörst Du mich?“. Der florentinische Dichter, die (über)große Vaterfigur der italienischen Literatur, starb an einem nebligen Septembermorgen 1321 im Exil in Ravenna. Martinelli schafft im Rückgriff auf den romagnolischen Dialekt, dem Dialekt der Stadt Ravenna, Monologe von poetischer Kraft, denen Ermanna Montanari mit ihren Stimmvariationen szenischen Raum gibt, der musikalisch mit Dissonanzen noch geweitet wird. Zu den aufgefalteten Bildern des Polyptichon gehört auch eine Vision Dantes, die sich von der Zersplitterung Italiens aus der Zeit der Stadtrepubliken in die Gegenwart weitet – ein Italien, „che scalcia se stessa“, das sich laufend selbst ein Bein stellt.
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Kulturminister Dario Franceschini kehrt zum Prinzip der autonomen Verwaltung bedeutender staatlicher Museen zurück, die sein Vorgänger aufgeweicht hatte. Aber wie lange hält die Regierung überhaupt noch? Mailand/Rom – Mit aller Kraft zurück. Das ist das Motto von Italiens Kulturminister Dario Franceschini. Mit einem Regierungserlass zur Ordnung staatlicher Museen und des Denkmalschutzes gibt er unter anderem drei Einrichtungen die Autonomie wieder, die ihnen sein Vorgänger genommen hatte: dem Museo dell’Accademia (Florenz), dem Museo Nazionale Etrusca di Villa Giulia (Rom) und dem Parco Archeologico dell’Appia Antica (Rom). Mehr noch: es werden zehn weitere Museen in die Gruppe der autonomen Einrichtungen aufgenommen, darunter der Palazzo Reale von Neapel, die Pinacoteca Nazionale von Bologna oder das Museo Archeologico Nazionale von Cagliari. Die Direktorenstellen sollen international ausgeschrieben werden.
FRISCHER WIND
Die Scala eröffnet ihre neue Spielzeit mit dem von Riccardo Chailly wundervoll eingestimmten Puccini-Klassiker, den Regisseur Davide Livermore (vielleicht zu) bewegt in Szene setzt Mailand (Teatro alla Scala bis 8.1.2020) – Im Januar 1900, also im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts, wurde Tosca in Rom uraufgeführt. Das Melodram steht an der Schwelle zwischen der Operntradition Italiens und der Moderne des 20. Jahrhunderts. Giacomo Puccini verbindet in diesem Stück musikalisch Dissonanzen, verzerrte Harmonien und lyrische Passagen. Als eine typische Oper des Verismus geht es um Liebe, Leidenschaft und politische Gewalt bei konkreter historischer Verankerung. Heute gehört Tosca zu den fünf meistaufgeführten Opern der Welt. Die Scala hat jetzt mit ihr die neue Spielzeit 2019/2020 eröffnet. Dirigent Riccardo Chailly, musikalischer Leiter der Mailänder Oper, baut auf der von Puccini später leicht veränderten Urfassung des Stücks auf. Regisseur David Livermore löst sich vom historischen Rahmen, ohne den politischen Hintergrund aus den Augen zu verlieren.
in der Oper: Tosca
Gianrico Carofiglio, bislang vor allem als Krimiautor wahrgenommen, ist mit „Drei Uhr morgens“ ein kleiner Entwicklungsroman gelungen Mailand/Bari – Der jugendliche Antonio leidet an Epilepsie. Am Ende einer erfolgreichen Therapie nach Vorgaben eines französischer Spezialisten fährt er zusammen mit seinem Vater zur Abschlussuntersuchung nach Marseille. Vater und Sohn erwarten eine Routineuntersuchung, doch der Neurologe will seinen Patienten einer letzten, schockartigen Prüfung unterziehen. Alle Medikamente werden abgesetzt und der junge Mann soll zwei Tage und zwei Nachte verbringen, ohne zu schlafen. Nach dieser Stressphase könne man, so der Arzt, endgültig feststellen, ob Antonio geheilt sei oder nicht. Das ist die Ausgangsposition des kleinen Romans Le tre del mattino (Einaudi 2016) von Gianrico Carofiglio, der jetzt unter dem Titel „Drei Uhr morgens“ in der Übersetzung von Verena von Koskull bei Folio (Bozen/Wien) auf Deutsch erschienen ist.
ZWEI TAGE UND NÄCHTE
Venedig, der Malvasier und die Buddenbrooks auf einer Tagung des Deutschen Studienzentrums Venedig Venedig – Wein, so schreibt Roland Barthes in seinen Mythen des Alltags, „ist eine Substanz der Wandlung, die Situationen und Zustände umzukehren und den Dingen ihr Gegenteil zu entziehen vermag.“ Thomas Mann etwa lässt zwei „Bouteillen alten Malvasier“ im fulminanten Eingangskapitel der Buddenbrooks aus dem Keller heraufholen, der dann „goldgelb und traubensüß“ in die Gläser fließt. Ein Erzählung voller versteckter Verweise auf andere Texte, in denen der Malvasier inszeniert wird – von der Novellistik eines Boccaccio über Richard III., der ja seinen Bruder in einem Malvasier-Fass ertränkt, bis zu Goethes Faust. Dem Malvasier hat sich gerade das Deutsche Studienzentrum Venedig, das von der Literaturwissenschaftlerin Marita Liebermann geleitet wird, zusammen mit dem Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti auf einer anregenden interdisziplinären Tagung gewidmet.
