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Die Kulturlandschaft der Abruzzen nach dem Erdbeben vom 6. April, die Ängste und Hoffnungen der Menschen und Berlusconis Liste für Hochzeitsgeschenke L’Aquila (April 2009)- Die Seitenmauer der prächtigen Kirche ist aufgeplatzt wie nach einem Bombenangriff. Gesteinsbrocken liegen vor dem Längshaus von Santa Maria di Collemaggio, das Dach der dreischiffigen Kirche aus dem 13. Jahrhundert ist über der Apsis eingestürzt und durch ein Seitentor kann man ins Innere blicken: nichts als Trümmer, Säulenreste, geborstene Architraven. Der schwere Arm eines mächtigen Krans zieht eine Plattform heraus, auf der zwei Feuerwehrleute stehen, die eine Holzverschalung sichern. Die Plattform schwebt langsam auf den Platz vor dem Längshaus, wo Italiens Kulturminister Sandro Bondi umringt von Sicherheitsbeamten, Feuerwehrleuten, Denkmalschützern und Journalisten darauf wartet, dass die Plattform abgesetzt wird. Unter den Journalisten wird gerätselt, ob Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der an diesem Tag eine der in Zelten eingerichteten Grundschulen eröffnet hat, sich auch zu dem Aufbau der Kulturgüter äußern wird. Kommt er oder kommt er nicht? Ein Symbol der Hoffnung Erst einmal kommt er nicht. Die Holzverschalung wird ohne ihn geöffnet und eine Madonna mit Kind kommt zum Vorschein, eine lebensgroße Terrakottagruppe eines heimatlichen Künstlers aus dem frühen 16. Jahrhundert. Bis auf Abbrüche an den Händen scheinen Mutter […]

ZWISCHEN DEN TRÜMMERN VON L’AQUILA


Wie in Italien der Film „Il vento fa il suo giro“ von Giorgio Diritti durch Mundpropaganda sein Publikum fand Mailand (2008) – Im Cinema Mexico, einem unabhängigen Mailänder Vorstadtkino, wird in diesen Tagen ein Rekord angezeigt. Seit zwölf Monaten steht hier der Film Il vento fa il suo giro (frei übersetzt: „Der Kreis des Windes“) des jungen Regisseurs Giorgio Diritti auf dem Programm. Er erzählt von Chersogno, einem halbverlassen Dorf in den piemontesischen Meeralpen nahe der französischen Grenze, wo noch Okzitanisch gesprochen wird. Als ein französischer Hirte mit seiner Frau, seinen Kindern und seinen Schafen ins Dorf zieht, wird ihnen ein begeisterter Empfang bereitet. Doch nach und nach reiben sich die verschiedenen Kulturen aneinander. Die Neuen werden zu Fremden und die Integration scheitert schließlich. Die Angst vor dem Anderssein Ohne ideologischen Fingerzeig thematisiert der Regisseur die gleichsam archaische Angst vor dem Anderssein und dem Fremden. Giorgio Diritti, ein Schüler von Normanno Olmi, dem bewegende Szenen und großartige Natureindrücke gelingen, erzählt das mit einer fast dokumentarischen Bildersprache. Bis auf die Hauptdarsteller Thierry Toscan und Alessandra Agosti treten Laien aus den okzitanischen Tälern auf. Man redet Okzitanisch und Französisch (jeweils untertitelt) sowie Italienisch. Wenn das deutsche Wort „Heimatfilm“ nicht falsche Assoziationen wecken […]

DER KREIS DES WINDES



Die neue Berlusconi-Mehrheit, der Kampf um die Bewertung des Widerstandes und die Hoffnung der linken Opposition – ein Gespräch mit Claudio Magris Triest/Mailand (23.04.2008)– Italien feiert traditionell am 25. April den Tag seiner Befreiung von faschistischer Herrschaft und deutscher militärischer Besatzung. Die aktive Rolle des Widerstandes bei der Befreiung hatte den Geist der demokratischen Verfassung von 1948 bestimmt und jahrzehntelang als eine Art Gründungsmythos die ideologische Basis der italienischen Republik getragen. Auf dieser Basis hatten sich die aus dem Widerstand kommenden politischen Gruppen von den Christdemokraten bis zu den Sozialisten und Kommunisten in einem parlamentarischen „Verfassungsbogen“ zusammen gefunden, der zugleich die Faschisten und ihre Nachfolgeorganisationen ausschloss. Mit dem Fall der Mauer und dem Ende der Nachkriegszeit zerbrach in Italien, verschärft durch einen Korruptions- und Finanzskandal, dieser „Verfassungsbogen“. Es kam unter anderem mit der Gründung der Alleanza Nazionale (AN), der demokratischen Nachfolgepartei neofaschistischer Gruppen, zu einer Umbildung der Parteienlandschaft. Die AN hat sich inzwischen mit Berlusconis Forza Italia zu der neuen großen Mitte-rechts-Partei PDL (Volk der Freiheit) zusammengeschlossen, die überraschend deutlich in einem Bündnis mit der norditalienischen Lega die jüngsten Parlamentswahlen gewinnen konnte. Der Triestiner Claudio Magris (69), Schriftsteller, Germanist und Ende der neunziger Jahre als unabhängiger Vertreter eines Linksbündnisses Mitglied […]

DER TAG DER BEFREIUNG


Wie im hinteren Ligurien von einem Deutschen eine historische Orgel entdeckt wurde, die jetzt wieder zum Klingen gebracht werden soll Imperia (März 2008)  „Das ist ja super!“ Der Orgelbauer Philipp Klais prüft die Drahtverbindungen hinter dem Manual und untersucht die beiden mit Leder bespannten Windladen. Er nimmt die seitliche Holzverschalung der alten Orgel ab, um ins Innere des Instrument zu gucken – eine „fast unberührtes“ Exemplar aus dem 18. Jahrhundert. „Stark“, freut sich Klais, der in die barocke Kirche der Santissima Annunziata von Tavole, einem abgelegenen Bergdorf unweit der ligurischen Küste, gekommen ist. So einem Instrument zu begegnen, „das ist der Traum für einen Orgelbauer“. Das gute Stück könnte aus der Werkstatt der bedeutenden ligurischen Orgelbauerfamilie Roccatagliata stammen und damit nicht nur alt, sondern auch wertvoll sein. Als Philipp Klais dann dem Instrument einige Töne entlocken will, klingt es allerdings recht jämmerlich. Die schiefen Töne haben einen musikbegeisterten deutschen Anwohner von Tavole, schon länger geärgert. Seit 23 Jahren besitzt Peter Hoenisch in dem malerischen Dorf mit seiner prächtigen Kirche rund elf Kilometer von der Kreisstadt Imperia entfernt ein Haus. Doch was ist die schönste Kirche ohne wohltönende Orgel? Denn die Windanlage, wie die Fachleute die Bälge nennen, durch das Instrument […]

DIE DREI VON TAVOLE



Die Scala nach dem Rücktritt von Riccardo Muti Mailand (4. April 2005) – Jetzt ist der Katzenjammer groß. Der Rücktritt von Riccardo Muti als musikalischer Direktor der Mailänder Scala hat in der Stadt und in ganz Italien Bestürzung ausgelöst. Trotzt des Todes eines Papstes widmete die Tageszeitung „la Repubblica“ am Sonntag sechs ganze Seiten dem Abschied des maestro. Die Scala ist ganz abgesehen von ihrem wirklichen künstlerischen Rang ein Symbol für die gesamte italienische Kultur. Und Muti ist ihr Prophet. So ist auch zu verstehen, dass nicht nur Freunde wie Maurizio Pollini die Umstände seines Rücktritts als „unwürdig“ beklagen. Die Medien hofieren weiterhin einen Riccardo Muti, der doch in seiner Auseinandersetzung mit dem langjährigen Intendanten Carlo Fontana wie ein Zauberlehrling selbst die Geister gerufen hat, welche die Scala ins Chaos gestürzt haben und die das Haus jetzt nicht mehr los wird: die Politik, die plötzlich in die Oper hinein agieren konnte und mit der Entlassung von Fontana ein jahrelang gewachsenes inneres System von Gleichgewichten zerstörte; die Gewerkschaften, die jetzt Schützengräben ausheben, um verlorene Machtpositionen wieder zu erringen; die Musiker, die den Aufstand proben, weil sie sich von ihrem Dirigenten nicht mehr angeleitet sondern unterdrückt fühlen und ihm den Fenstersturz von […]

DER ZAUBERLEHRLING