Mailand


Ein Hamlet-Fragment am Piccolo Teatro für eine Oper nach Heiner Müllers Bühnenvorlage Mailand – Vor 20 Jahren starb am 30. Dezember 1995 der Dramaturg, Regisseur und Lyriker Heiner Müller wenige Tage vor seinem 67. Geburtstag. Ein Jahr zuvor war ihm der Europäische Theaterpreis verliehen worden. Hinterlassen hat er ein sperriges Werk, das sich inzwischen in der deutschen und europäischen Bühnenlandschaft schwer tut. Dennoch hat er Autoren, Regisseure und sogar bildende Künstler auch außerhalb des deutschen Sprachraums beeinflusst. So zeigte das Mailänder Piccolo Teatro gerade eine Raum-Installation des Arte-Povera-Künstlers Jannis Kounellis. Darin inszenierte der griechische Regisseur Theodoros Terzopoulos eine Performance unter dem Titel „Hamlet“. Kounellis und Terzopoulos  wollen mit dieser Hommage – unterstützt vom Mailänder Goethe-Institut –  nicht nur an sein Erbe erinnern, sondern es in ihre gegenwärtige Arbeit integrieren.

TEILE EINER MASCHINE


Die Scala eröffnet ihre neue Spielzeit erfolgreich mit Verdis „Giovanna d’Arco“ Mailand – Elf Minuten Applaus (was für italienische Verhältnis ganz ordentlich ist) standen am Ende eines gelungenen Premiere-Abends der Scala. Und Jubelrufe gab es für Anna Netrebko und für Riccardo Chailly.  Mit  „Giovanna d’Arco“ von Giuseppe Verdi frei nach Schillers Drama „Die Jungfrau von Orléans“ ist die Mailänder Bühne traditionell am Ambrosiustag (7.12.) in die neue Spielzeit gestartet. Die Oper, die zu den weniger bekannten Stücken Verdis zählt, wurde 1845 an der Scala mit großem Erfolg uraufgeführt, doch stand sie danach nur noch zwei Mal – zuletzt 1865 – auf dem Spielplan der Bühne. Sie ist also mit dieser Premiere 150 Jahre später wieder nach Hause zurückgekehrt. Die musikalische Leitung hatte Riccardo Chailly, der sich auf die kritische Werkausgabe von 2008 stützen konnte, und mit dem Scala-Orchester die dramatischen Aspekte der Partitur unterstrich. In den Hauptrollen überzeugten Anna Netrebko als Giovanna und der Tenor Francesco Meli – viel Beifall auch für ihn – als König Carlo VII. . Mit Bravour ersetzte Devid Cecconi (Bariton) als Vater von Giovanna den unpässlichen Carlos Àlvarez. Überragend zeigte sich der Chor, der seit Jahren zu den Stärken der Scala gehört.

GANZ IN GOLD GEBADET



Spannend und mit philosophischem Tiefgang: der Roman „Tod eines glücklichen Menschen“ von Giorgio Fontana Mailand – Italien im Jahr 1981. Auf den Terror von rechts antwortet der Terror von links. Staatsanwalt Giacomo Colnaghi gelingt es, den Anführer einer Splittergruppe der Roten Brigaden festzusetzen, die für den Mord an einem christdemokratischen Politiker verantwortlich ist. Recht und Gerechtigkeit sind für den gläubigen Katholiken Colnaghi keine leere Floskeln. Zugleich versucht er zu verstehen, woher der Hass der meist bürgerlichen Täter kommt, der wieder Hass bei den Opfern erzeugt – „am Ende ist da nur noch der Tod.“ Ein Tod, der sich überall zeigt, auch im Wohnviertel des Staatsanwalts, wo kurz zuvor zwei sozial engagierte und politisch aktive Jugendliche von einem neofaschistischen Schlägertrupp ermordet worden waren. Das sind keine guten Jahre in Italien.

„SIE WOLLTEN ALSO RACHE“


Mailand im Dezember. Jetzt ist sie da, die Adventszeit mit ihren jährlich sich wiederholenden Ritualen. Auf der Piazza Duomo wird ein riesiger Weihnachtsbaum errichtet. In der Scala läutet eine Luxusgala am Ambrosiustag (7.12.) die neue Spielzeit ein. Plätze zwischen 2000 und 500 Euro – ganz oben auf der Galerie auch für „nur“ 50 Euro. „Giovanna d’Arco“, Verdi, nach Schillers „Jungfrau von Orléans“. Anna Netrebko singt die Giovanna. Eine kämpferische Frau und zugleich total neurotisch. Um die Scala und die Piazza Duomo herum hat derweil der Kampf um Weihnachten begonnen. Geschenke müssen her – die Zeit drängt langsam. Für Freude ist später Zeit. Claudia, 18, Schülerin hat dagegen Zeit. Sie steht vor dem Eingang zur Galleria mit einem Schild „Regalo abbracci“ – „Ich verschenke Umarmungen.“ Sie ist freigiebig, einen ganzen Nachmittag lang. Warum? „Vorrei portare un po’ di gioa.“ Sie möchte ein bisschen Freude bringen. Und macht sich vermutlich selbst die größte Freude. So häufig wie an diesem Nachmittag ist sie in wenigen Stunden noch nie umarmt worden.

Rund um die Piazza Duomo



Mailand (Spazio Oberdan bis 6.1.). In den 1930er-Jahren war das Fernsehen kaum mehr als ein Versprechen auf die Zukunft. Und der Film blieb vom technischen Aufwand her ein schwerfälliges Unterfangen. Es war die Fotografie, die eine Hauptrolle bei der Dokumentation von gesellschaftlichen Vorgängen zu spielen begann. Mehr noch: Immer handlichere Fotoapparate ließen sie auch für den nicht professionellen Einsatz interessant werden. Die junge Antonia Pozzi, 1912 in Mailand geboren und in einer Familie des Bildungsbürgertums aufgewachsen, war dabei, diesen Weg vom Amateurhaften zum Professionellen einzuschlagen. Auf einer Ausstellung der Fondazione Cineteca Italiana mit dem Titel Sopra il nudo cuore („Über dem nackten Herzen“) kann man in dem Spazio Oberdan  ihre Fotos entdecken.

Antonia Pozzi: Die Poesie der Fotografie