Eine gelungene Ausstellung über den romantischen Maler Francesco Hayez Mailand (Gallerie d’Italia bis 21.02.) – Das war mehr als ein Kuss. Eine romantische Szene, leidenschaftlich und politisch zugleich. Das Gemälde „Il Bacio“ aus dem Jahr 1859 zeigt Italien und Frankreich umschlungen, wenn man jedenfalls die Farben der Kleidung der sich Küssenden als Nationalfarben deutet. Ein Bild, das die italienisch-französische Partnerschaft symbolisierte, ohne die es nicht zur Befreiung Norditaliens von der Herrschaft Habsburgs gekommen wäre. Francesco Hayez (Venedig 1791 – Mailand 1882) schuf mit diesem Kuss eine Ikone.
Mailand
Die Scala buhlt um Riccardo Muti Mailand. Kommt er? Vielleicht kommt er. Oder kommt er nicht? Die Scala buhlt um Riccardo Muti. Und die lokalen Medien überschlagen sich mit Vermutungen. Vor zehn Jahren hatte der Maestro Italiens bedeutendstes Opernhaus Türe schlagend nach wochenlangem Streit mit dem Orchester (und mit dem Verwaltungsrat um die Besetzung der Intendanz) „tief verletzt“ verlassen. Der begnadete Dirigent (mit einem eher konservativen Kunstgeschmack) hatte bis dahin 19 Jahre lang von 1986 an den Opern- und Konzertbetrieb der Scala als musikalischer Leiter geprägt. Der Franzose Stéphane Lissner, der nach den Chaosmonaten im Frühjahr 2005 als Intendant an die Mailänder Oper berufen wurde, verzichtete zunächst auf die Wahl eines Nachfolgers für Muti. Später setzte er dann auf Daniel Barenboim als ersten Dirigenten („maestro scaligero“), den er schließlich auch als musikalischen Leiter gewinnen konnte. Versuche, Riccardo Muti wieder zu Gastauftritten in Mailand zu bewegen, scheiterten.
SILENZIO PER FAVORE!
Die Expo2015 und ihr kulturelles Erbe – lokal wie global Mailand. Dass für Mailand die Expo2015 mehr war, als eine von Oben verordnete, eher ungeliebte Großveranstaltung, begriff man gleich zu ihrem Beginn am ersten Mai-Wochenende. Gewaltsame Demonstrationen von Gegner der Weltausstellung unter Beiteilung von Black Blocks, die eine friedlich agierende Mehrheit ins Abseits stellten, hatten am Eröffnungstag für schwere Verwüstungen in der Innenstadt gesorgt. Schaufenster wurden eingeschlagen, Autos in Brand gesetzt, ganze Straßenzügen glichen nach Abzug der Demonstranten einem Schlachtfeld. Am Tag danach, einem Samstag, demonstrierten nicht nur mehrere Tausend Bürger gegen die Gewalt. Sie griff auch mit Besen, Schaufeln und Eimern zur Selbsthilfe und säuberten die Straßen. Die Angestellten von Supermärkten und Banken halfen mit, ihre zerstörten Filialen wieder herzurichten, Glaserbetriebe arbeiteten rund um die Uhr, und am Montag waren bereits so gut wie alle Spuren beseitigt.
VOM VOLKSFEST ZU ZUKUNFTSTRÄUMEN
Rem Koolhaas hat in Mailand für die Fondazione Prada eine ehemalige Industrieanlage eindrucksvoll umgebaut Mailand: Hellgraue Außenmauern einer typischen Industriearchitektur vom Anfang des 20. Jahrhunderts umziehen ein etwa zwei Hektar großes Areal im Süden Mailand. Hier und da werden sie von Fenstern durchbrochen. Elegant zurückhaltend leuchtet der Name des Hausherren in dünner Neonschrift neben dem Einfahrtstor an einer sonst eher gesichtslosen Straße: Fondazione Prada. Mehrere Baukörper ragen heraus, alte wie neue, darunter ein geheimnisvoll goldglänzendes Haus. Wenn man die Anlage der Kulturstiftung am Largo Isarco betritt, glaubt man sich in einer kleinen Stadt mit gepflasterten Wegen, Höfen und Plätzen. Im Hintergrund wächst ein weißer Turm 60 Meter in die Höhe, der einzige Teil des Komplexes, der noch im Bau ist. Das niederländische Architekturstudio OMA hat unter der Leitung von Rem Koolhaas für Prada die ehemalige Fabrikationsanlage einer Groß-Destillerie umgebaut. „Wir haben nicht die Gegensätze betont“, erläutert der Architekt bei einem Rundgang. Er und seine Mitarbeiter haben vielmehr versucht, Situationen zu schaffen, „in denen alt wie neu zusammen stehen.“ Das gilt für Baukörper ebenso wie für die Materialien von typisch lombardischen Backsteinen bis zu hochtechnologischen Wandstrukturen aus Aluminiumschaum, die silbergrau glitzern. Obgleich die Fabrikarchitektur nicht zu den Höhepunkten der Industriearchäologie Mailands […]
KULTUR KOMMT IN MODE
Die Weltausstellung zu Ernährungsfragen vor der Stadt und ein tolles Kulturprogramm im Zentrum Mailand: Das war ein Wettlauf mit der Zeit. Kurz vor der Eröffnung der Expo 2015 war auf dem 110 Hektar großen Ausstellungsgelände bei der Ortschaft Rho am nordwestlichen Stadtrand noch der Teufel los. Doch Italiener sind Endspurtweltmeister. Und selbst wenn jetzt zur Eröffnung der Weltausstellung am 1. Mai hier und da noch Nachholbedarf besteht, dann wird sich das in den kommenden Wochen erledigen lassen. Wer will denn da schon pingelig sein angesichts der großen Fragen, die im Mittelpunkt stehen. „Den Planeten ernähren – Energie fürs Leben“ lautet das Thema der Superschau mit über 140 Nationen und Organisationen als Teilnehmer (55 davon mit einem eigenen Pavillon). Angesichts der dramatischen Ernährungslage einer immer schneller wachsenden Weltbevölkerung gibt es hier ein brennend aktuelles Problem. Und, wie man gleich am Eingang in dem von Michele De Lucchi als aufgeschnittene Hügellandschaft entworfenen „Padiglione Zero“ (Pavillon Null) in einer eindrucksvollen Mammutausstellung sehen kann, ist das eine der ganz großen kulturgeschichtlichen Fragen überhaupt.
