Architektur


Das kulturelle Venedig lebt nach langem Lockdown wieder auf. Und in die Lücke der verschobenen Architekturbiennale ist 125 Jahre nach der Gründung der Biennale eine  dokumentarisch geprägte Ausstellung über die gemeinsame Geschichte ihrer sechs Sparten getreten. Venedig (bis 8.12.) – Gold fließt in den Fenstern des Museo Correr, die sich der Piazza San Marco zuneigen. Venedig will mit dieser Installation des Videokünstlers Fabio Plessi gegenüber der Markusbasilika spektakulär zeigen, dass es wieder geöffnet hat. Zu besichtigen sind – allerdings meist nur nach einerAnmeldung online  – wieder Museen und Kultureinrichtungen von Peggy Guggenheim bis zum Palazzo Grassi, von der Galleria dell’Accademia bis zur Ca’ Rezzonico. Die einer großen Öffentlichkeit gewidmete Architekturbiennale musste jedoch aufs kommende Jahr und dementsprechend die nächste Kunstbiennale von 2021 auf 2022 verschoben werden. Ausgerechnet jetzt zum Jubiläum, 125 Jahre nachdem die erste Biennale ins Leben gerufen worden war, muss Venedig auf einen solchen Kulturhöhepunkt verzichten. Die Lücke kann man nicht füllen, doch hat man aus der Not eine Tugend gemacht. 

DER DIALOG DER MUSEN


Massimo Osanna hatte Pompeji reformiert, jetzt soll er im italienischen Kulturministeriums die staatlichen Museen in Schwung bringen Mailand/Rom – „Artpride“ titelte das Giornale dell’Arte, die wichtigste italienische Kunstzeitung, in seiner jüngsten Ausgabe eine Untersuchung über die Strategien der Museen nach dem Lockdown in diesem Frühjahr und einer vorsichtigen Öffnung der Einrichtungen jetzt im Sommer. Überall spürt man eine gleichsam trotzige Aufbruchsstimmung. Die Verantwortlichen suchen nach Innovationen, formulieren Ideen, setzen erste Schritte um. In diesem spannenden Augenblick gibt auch das Kulturministerium ein Signal. Neuer Generaldirektor der Abteilung für staatliche Museen wird der Archäologe Massimo Osanna. Er ersetzt ab dem 1. September den Juristen Antonio Lampis, der auf eine weitere Amtszeit verzichtet hat.

DER MACHER



Amatrice vor und nach dem Erdbeben. Fotografien zwischen Erinnerung und Projekt. Eine Online-Ausstellung der Bibliotheca Hertziana Rom – Im August 2016 beschädigte ein Erdbeben weite Teile der mittelalterlichen Kleinstadt Amatrice im zentralen Apennin (Provinz Rieti). Weitere Erdstöße der folgenden Monate zerstörten sie ganz. 299 Menschen starben, ein Wiederaufbau nach der Formel „wo und wie es war“ blieb illusorisch. Trotzig ragt die Torre Civica (13. Jahrhundert) aus der heute von Trümmern geräumten Ruinenlandschaft. Die Online-Ausstellung Amatrice im Focus der Bibliotheca Hertziana (Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte) bereitet Fotomaterial aus verschiedenen Epochen und Quellen auf: historische Fotografien von Stadt- und Gebäudeansichten, von Architekturdetails sowie von einzelnen Kunstwerken werden mit Aufnahmen ergänzt, die unmittelbar nach den Beben bzw. in den Jahren darauf entstanden. Sie wurden von der Hertziana erworben soweit sie nicht aus eigenen Fotokampagnen stammten. Ziel der Ausstellung ist es, „virtuell einen Eindruck der einstigen kulturellen Einheit des Territoriums“ zu vermitteln und „zur Reflexion über Formen, Art und Zielrichtung einer Rekonstruktion“ beizutragen.

DAS SCHICKSAL DER TRÜMMER


Vor zehn Jahren bekam Rom das MAXXI geschenkt. Zaha Hadid schuf einen innovativen Museumsbau. Wegen Corona wird die Jubiläumsausstellung  verschoben Rom – Wer nach Rom fährt, sucht erst einmal nicht die Gegenwartskunst. Die Bühnen dafür in Italien sind Venedig, Mailand und Turin. Aber um die Hauptstadt auch museal der Zukunft zu öffnen, beschloss die Italienische Regierung in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, in Rom den Bau eines Museums für die Kunst des 21. Jahrhunderts zu finanzieren. Vor genau zehn Jahren konnte das MAXXI, (Museo nazionale delle arti del XXI secolo) am 27. Mai 2010 mit mehreren Ausstellungen eröffnet werden.  Große Feierlichkeiten fallen nach dem langen Corona-Lockdown erst einmal aus. Immerhin bietet das Museum seit dem 22.Mai mit einem Notprogramm Besuchern wieder Eintritt.

KURVIGE GÄNGE, SCHRÄGE GALERIEN



Stadt und Corona (1): Die Pandemie stellt die Urbanistik vor Herausforderungen, die so neu gar nicht sind. Eine internationale Debatte, die auch in Italien intensiv geführt wird  Mailand – Muss die Stadt sich neu erfinden? Der Coronavirus hat in Italien wie anderswo eine breite Debatte über die Zukunft urbaner Räume und das Verhältnis von Stadt und Land ausgelöst. „Basta con le città, tutti in campagna“ überschreibt il Sole 24 Ore  (8. März) einen Beitrag über die New Yorker Ausstellung „Countryside, The Future“, die Rem Koolhaas kuratiert hat. Italien ist besonders vom ländlichen Raum geprägt, es gibt fast 6000 Ortschaften mit weniger als 5000 Einwohnern. Rund 2300 davon sind von der Bevölkerung so gut wie verlassen. Könnten sie gerettet werden und zu neuem Leben erwachen, wenn sich Natur suchende Städter ihrer annehmen? Das jedenfalls schlägt Stefano Boeri in la Repubblica (21. April) vor: „Nei vecchi borghi c’è il nostro futuro“ Oder haben nicht längst die Städte, die sich in den vergangenen 30 Jahren immer mehr verdichtet haben, die Nase vorn, und der Virus wird daran nichts ändern? „Campagna? No, grazie“ kommentiert Carlo Ratti in il Foglio (8. Mai).

LEBENSRAUM MIT QUALITÄT