Ein Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Philip V. Bohlman, Balzan Preisträger 2022, über Volksmusik und Gesellschaft, den Eurovision Song Contest, Viktor Ullmann und den Begriff Rassismus Mailand/Rom – Der US-amerikanische Musikologe Philip V. Bohlman wurde kürzlich in Rom im Fachbereich Ethnomusikologie mit dem Balzan Preis 2022 ausgezeichnet. Der 70jährige Wissenschaftler lehrt und forscht an der University of Chicago, hat aber auch in Europa u.a. an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover sowie an den Universitäten Freiburg, Wien, Innsbruck oder Kassel unterrichtet. Der Preis der internationalen Balzanstiftung (Mailand/Zürich) wurde ihm, wie es in der Begründung der Jury heißt, „für seinen bahnbrechenden Beitrag zur Ethnomusikologie und zur Musikforschung im weiteren Sinne, für seine Arbeiten über Musik und europäischem Nationalismus, Musik, Rasse und Kolonialismus, Globalisierung, Zusammenhang von Musik und Religion, jüdische Musik in der Moderne und historische Aufführungen urbaner jüdischer Musik“ verliehen. Am Rande der Preisverleihung in Rom gab es die die Möglichkeit zu einem kurzen Gespräch mit Philip V. Bohlman, der sich u.a. auch durch die Verbreitung der Schriften Herders im angelsächsischen Raum verdient gemacht hat.
Geschichte
Fondazione Prada (2): Die gelungene Ausstellung „Recycling Beauty“ über die Wiederverwendung antiker Fragmente und über die Vergangenheit als ein Phänomen in ständiger Entwicklung Mailand (Fondazione Prada bis 27.2.) – Als die Kunstzeitung „Giornale dell’Arte“ traditionell zum Jahresbeginn Kritiker, Fachleute, Liebhaber, Insider u.a. nach der besten Ausstellung des Jahres fragte, wurde immer wieder auf „Recycling Beauty“ in der Fondazione Prada hingewiesen. Eine Ausstellung, die sich dem Thema der Wiederverwendung von griechischen und römischen Kulturgütern in postantiken Zusammenhängen, vom Mittelalter bis zum Barock, widmet. Sie wurde von Salvatore Settis und Anna Anguissola in Zusammenarbeit mit Denise La Monica kuratiert und von Rem Koolhaas/OMA gestaltet.
AUFERSTANDEN AUS RUINEN
Die Mailänder Museums-Wohnung Bagatti Valsecchi und ihre Einrichtungen im Stil der Neorenaissance suchen den Dialog mit der Sammlung Gastaldi Rotelli. Dazu Anmerkungen von Walter Benjamin Mailand (bis 12.3.2023) – Die eigene herrschaftliche Wohnung zu einer Art Gesamtkunstwerk zu machen, das war der Traum der Brüder Bagatti Valsecchi aus einer wohlhabenden Familie des Mailänder Stadtadels, den sie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Wirklichkeit werden ließen. Fausto (1843-1914) und Giuseppe (1845-1934) rekonstruierten die Innenräume ihres Familienpalastes im historistisch Stil der Neorenaissance und richteten sie mit Kunst- und Gebrauchsgegenständen vornehmlich aus dem 15. und 16. Jahrhundert ein: darunter Gemälde (etwa von Giovanni Bellini oder Bernardo Zenale) und Möbel, Tapisserien und Schmuckarbeiten, wissenschaftliche Geräte und Waffen. Mit der Generation der Enkel öffneten sich die Privaträume dann 1994 zu einem Museum. In den Räumen dieses Museo Bagatti Valsecchi und im Dialog zu seinen Einrichtungsgegenständen werden gerade rund 50 Exponate aus der privaten Sammlung Gastaldi Rotelli mit Gemälden aus Früh- und Spätbarock gezeigt.
EINE LOGE IM WELTTHEATER
Ein Gespräch mit Nando dalla Chiesa über die Strategien der Cosa Nostra, die Periode der Gewalt unter Totò Riina, seine Festnahme vor 30 Jahren und die Bedeutung der Erinnerung Mailand – Manchmal lässt Aktualität Geschichte aufleuchten. So jetzt die Festnahme von Matteo Messina Denaro, Padrino der Cosa Nostra aus der Provinz Trapani. Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren konnte Totò Riina, damaliger Boss der Bosse der sizilianischen Mafia, von den Carabinieri in Palermo verhaftet werden. Messina Denaro, verbündet mit den Corleonesi von Riina und seinem Nachfolger Provenzano, war u.a. mitverantwortlich für die mörderischen Bombenanschläge, die 1993/94 als Reaktion auf Riinas Verhaftung in Florenz, Rom und Mailand verübt wurden. Dabei kamen etliche Personen ums Leben, andere wurden teilweise schwer verletzt. In einem Gespräch mit dem Soziologen Nando dalla Chiesa ( – das kurz vor der Festnahme von Messina Denaro geführt wurde -) geht es vor allem um die Rolle der Gewalt in der Strategie der Cosa Nostra unter der Herrschaft von Totò Riina und den Corleonesi.
„EINE FÜR UNS UNERREICHBARE KRIMINELLE VERNUNFT“
Zwei Autorinnen und ein Autor des Jahres 2022: Esther Kinsky, Giulia Caminito und Emilio Lussu. Tipps auch für Geschenke Mailand – Drei Bücher aus (bzw. über) Italien fallen aus dem breiten Angebot der Titel des Jahres 2022 heraus. „Rombo“ von Esther Kinsky, „Das Wasser des Sees ist niemals süß“ von Giulia Caminito (Übersetzung von Barbara Kleiner) und „Marsch auf Rom und Umgebung“ von Emilio Lussu (Nachwort und Übersetzung von Claus Gatterer). Es geht um unser Verhältnis zur Natur, zur Gesellschaft, zu Politik und Geschichte. Es sind drei Bücher, in denen Erinnerung eine Hauptrolle spielt. Drei Bücher, in denen Genres sich mischen. Drei Bücher, die zu lesen (und zu verschenken) sich lohnt.
