Mailand Ende Juni – Unter den Mailänder Metro-Bahnhöfen ist das die farbenprächtigste Station: Porta Venezia. Seit 2018 leuchten die Seitenwände im Bahnsteigbereich in den Regenbogenfarben, ein Symbol für die LGBT-Bewegung. Mailand ist nicht nur eine international geprägte Stadt und – mit allen Problematiken – Anlaufpunkt für Emigranten aus aller Welt, sondern hier schlägt auch des Herz der italienischen Gay-Pride-Bewegung. Das in vieler Hinsicht „open-mind“ geprägte Viertel um die Porta Venezia ist besonders auf dem Gebiet des ehemaligen Lazaretts mit Restaurants und Bars (etwa in der Via Lecco) zu ihrem Treffpunkt geworden – solidarisch erzählt auch im Dokumentarfilm „Porta(le) Venezia“ von Alberto Pattacini, der gerade in der Mailänder Kinemathek an der Piazza Oberdan gezeigt wird.
Kino
Rückgang von Publikumsveranstaltungen bereits vor der Covid-Krise und offen für Neues mit der Pandemie – Untersuchungen des Unternehmerverbandes Federculture und der Bankgruppe Intesa Sanpaolo über das Kulturverhalten der Italiener Mailand – Wie haben die Italiener auf das veränderte Kulturangebot der vergangenen Monate reagiert? Welche Rolle spielen die Kulturfestivals? Und wie wurde Kultur in welchen Sparten in den vergangenen Jahren genutzt? Analysen wurden jetzt in Mailand und Rom vorgestellt. Zusammenfassend kann man feststellen: In Italien sinkt (in den vergangenen zehn Jahren) die Teilnahme an Publikumsveranstaltungen, zugleich steigt die Neugier und Akzeptanz von neuen digitalen Formaten bzw. „hybriden“ (digital/präsent) Veranstaltungen.
DIGITAL ODER PRÄSENT?
Salvatore Mereu hat den Roman von Giulio Angioni mit Gavino Ledda in der Hauptrolle (fast) getreu verfilmt Mailand (Cinema Arcobaleno) – Es geht um die Verwertung von Traditionen im Wirtschaftstreiben der Gegenwart. Und um schnelle Befriedigung der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen durch Folklore. Auf Sardinien lässt sich der alte Hirte Costantino von seinem Sohn und seiner deutschen Schwiegertochter überreden, gemeinsam einen Agritourismus-Betrieb in seinem ehemaligen Schafsstall einzurichten. Besucher besonders aus Nordeuropa sollen „echtes“ Hirtenleben von einst „sinnlich“ erleben. Im Film „Assandira“, der gerade auf der Biennale außerhalb des Wettbewerbs gezeigt wurde, gerät Costantino, der typische Speisen kochen und in alten Trachten die Touristen unterhalten soll, in Konflikt zu den Werten seiner Vergangenheit.
im Kino: Assandira
Giorgio Diritti erzählt vom Leben des Malers und Bildhauers Antonio Ligabue – und vom Umgang der Gesellschaft mit einem Außenseiter Mailand (Cinema Arcobaleno) – Von klein auf schwer traumatisiert und am Rande der Gesellschaft lebend fand Antonio Ligabue (1899 – 1965) in einer Kleinstadt am Po weitgehend autodidaktisch zur Malerei und Bildhauerei. Mit ausdrucksvollen, bizarren Tier- und Naturschilderungen, aber auch mit vielen Selbstporträts mischte er naive Ansätze mit kunstvoll expressionistischen Elementen. Dem Film Volevo nascondermi („Ich wollte mich verstecken“) geht es dabei weniger um Ligabues künstlerische Entwicklung, sondern um sein Leiden mit sich und seiner Umwelt und wie sich das in seinen Werken niederschlägt. Wobei sich biographische Fakten und Elemente einer Fabel durchmischen. Großartig Elio Germano, der für seine Darstellung des nervlich zerrissenen und von der Gesellschaft abgestoßenen Künstlers auf der Berlinale 2020 ausgezeichnet wurde.
im Kino: Volevo nascondermi
Das kulturelle Venedig lebt nach langem Lockdown wieder auf. Und in die Lücke der verschobenen Architekturbiennale ist 125 Jahre nach der Gründung der Biennale eine dokumentarisch geprägte Ausstellung über die gemeinsame Geschichte ihrer sechs Sparten getreten. Venedig (bis 8.12.) – Gold fließt in den Fenstern des Museo Correr, die sich der Piazza San Marco zuneigen. Venedig will mit dieser Installation des Videokünstlers Fabio Plessi gegenüber der Markusbasilika spektakulär zeigen, dass es wieder geöffnet hat. Zu besichtigen sind – allerdings meist nur nach einerAnmeldung online – wieder Museen und Kultureinrichtungen von Peggy Guggenheim bis zum Palazzo Grassi, von der Galleria dell’Accademia bis zur Ca’ Rezzonico. Die einer großen Öffentlichkeit gewidmete Architekturbiennale musste jedoch aufs kommende Jahr und dementsprechend die nächste Kunstbiennale von 2021 auf 2022 verschoben werden. Ausgerechnet jetzt zum Jubiläum, 125 Jahre nachdem die erste Biennale ins Leben gerufen worden war, muss Venedig auf einen solchen Kulturhöhepunkt verzichten. Die Lücke kann man nicht füllen, doch hat man aus der Not eine Tugend gemacht.
