Carl Wilhelm Macke: Zum 100. Geburtstag von Giorgio Bassani (4. März 2016 ) Ferrara – In den Tagen unmittelbar nach dem Tod von Giorgio Bassani am 13. April 2000 erschien in der Lokalzeitung Nuova Ferrara immer wieder dasselbe Foto. Man sah Giorgio Bassani in Garten seines Hauses in der Via Cisterna del Follo sitzen und neben ihm eine junge Frau. Die Leser der Zeitung erfuhren nicht, wer diese Frau war. Es handelte sich um Heidemarie Stücker, eine junge deutsche Romanistin, die Ende der achtziger Jahre nach Ferrara gekommen war, um mit Bassani über sein Werk zu sprechen. Heidemarie Stücker, die inzwischen leider verstorben ist, war eine von jene auffallend vielen deutschen Lesern, die schon früh die Literatur von Giorgio Bassani bewunderten. Und am Tag nach dem Tod des Schriftstellers schrieb die Süddeutschen Zeitung, dass die Romane von Bassani in Deutschland immer eine ganz besonders große Resonanz gefunden haben.
Gäste
Andreas Löhrer über Nanni Balestrinis Rückkehr nach Berlin Vor gut 25 Jahren habe ich Nanni Balestrinis Roman Der Verleger über Giangiacomo Feltrinelli übersetzt. Es war meine erste Belletristik-Übersetzung. Ich fuhr nach Paris, um Balestrini zu treffen und ein Jahr später, nach Erscheinen des Romans auf Deutsch, kam er auch zu einer Lesung nach Hamburg. Ich kannte schon seine Romane Wir wollen alles und Die Unsichtbaren, die die politischen Bewegungen in Italien schilderten. Dass Balestrinis Werk viel umfassender ist, wurde mir erst nach und nach klar. 1990 stellte er z.B. bei der Biennale in Venedig seine grafischen Werke aus.
„DIE GROSSE REVOLTE“
Carl Wilhelm Macke über: „Wenn Venedig stirbt“. Eine Streitschrift von Salvatore Settis „Venedig!“ Mit diesem Ausruf grenzenloser Entzückung beginnt Mark Twain seinen Bericht über einen Besuch in der Lagunenstadt. Und Rose Ausländer lässt ein viel zitiertes Gedicht mit dem tröstlichen Bekenntnis enden: „Mein Venedig versinkt nicht“. Unendlich viele Reiseberichte, Gedichte, Tagebucheintragungen, Erzählungen, auch Lieder und Filme wurden Venedig, der Serenissima, der heitersten aller Städte gewidmet. Ein Traum, ein Mythos, ein Sehnsuchtsort für Träumer, für Verliebte, für Melancholiker, für Kunsthistoriker, Künstler und solche, die es irgendwann einmal werden möchten.
WIDER DIE URBANE DEMENZ
Der Politiker und marxistische Theoretiker Pietro Ingrao, der am 27. September 2015 in Rom im Alter von 100 Jahren gestorben ist, prägte als Widerstandskämpfer und Mitglied der kommunistischen Partei die Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung. Von 1976 bis 1979, den Jahren unter anderen der Moro-Entführung, saß er als Präsident der Abgeordnetenkammer vor. Eine Würdigung von Peter Kammerer “Volevo la luna” heißt der Lebensbericht, den Pietro Ingrao (1915-2015) im Jahre 2006 veröffentlicht hat. Ein vieldeutiger Titel in einer Sprache, die mit dem Mond wechselhafte Gemütszustände, Unmögliches und Illusionen verbindet. Er erinnert an Lucio Magri`s “Der Schneider von Ulm”, in dem erstmals umfassend Höhenflug und Absturz der italienischen Kommunisten analysiert wird. Ein zu früh unternommener Versuch der Menschheit zu fliegen? Ingrao berichtet von der Faszination des „Unmöglichen“, vom langen Anlauf einer Jugend unter dem Faschismus, von der Resistenza, vom Aufbau einer Demokratie, der nicht die kapitalistische Manipulation, wohl aber die Irrwege des orthodoxen Kommunismus erspart geblieben sind. Aber wie fast alle Erinnerungen der großen kommunistischen Intellektuellen Italiens enden auch diese Memoiren abrupt in den 70er Jahren mit dem “Historischen Kompromiß” und der Ermordung Moro`s (1978). Der Absturz der Kommunistischen Partei und seine Folgen werden nicht thematisiert. Doch was ist in den Jahren zuvor […]
STILLER GEFÄHRTE DER NACHT
Carl Wilhelm Macke: Auf der Suche nach den kleinen Dingen Ich suchte unlängst in Ferrara nach einem Schneider. Mit dem Fahrrad hin und her durch die Gassen des Centro Storico fahrend, fand ich endlich eine kleine Werkstatt in der Via Ripagrande. Ich fragte den Schneider, ob er an meiner Jacke eine kleine Reparatur vornehmen könne. Höflich, aber auch etwas geschäftsmäßig kühl, begann er sofort mit seiner Arbeit. Während er die Jacke in die Hand nahm, ließ ich meine Augen durch den kleinen Raum schweifen. Überall erblickte ich Kassetten, unendliche viele Kassetten. Bis hoch an die Decke stapelten sie sich, gut nach dem Alphabet geordnet.
