Unterwegs


Rom Ende November – Die Stare sind wieder da. Sie bilden lebendige dunkle Wolken über der Piazza Venezia. Die Vögel lassen sich mit lautem Geschwätz auf den Bäumen in Parks, längs der Alleen und am Lungotevere nieder. Steigen dann wieder zu schlauchartigen Schwärmen auf, die sich auseinander ziehen und erneut verdichten, als würden sie atmen. Ihr Exkremente vermischen sich auf regennassen Straßen zu einer guanoartigen Paste und das Gehen und Fahren auf dem Kopfsteinpflaster wird zur Rutschpartie. Der Lungotevere dei Vellati musste zur Säuberung für zwei Stunden gesperrt werden.

In Rom


Bozen im November – Der Walther-Platz ist mit Gittern abgesperrt, bald werden hier die Buden des Weihnachtsmarktes stehen. Der Tannenbaum ist bereits aufgerichtet. Touristen begnügen sich solange mit den Ständen in den Altstadtgassen, an denen Speck und Wurstwaren, Pilze und Maroni angeboten werden. Nieselregen passt zur Jahreszeit. Ungewöhnlich war das Wetter die Tage zuvor. Die Zeitungen berichten von Unwetterschäden. Stürme haben eine Million Kubikmeter Holz umgeworfen, liest man in den Dolomiten. Ganz Südtirol wurde zum Notstandsgebiet erklärt.

In Bozen



Genua im Oktober – Rund um den alten Hafen scheint die Welt noch in Ordnung. Sobald man aber nur wenig in Richtung Sampierdarena geht, spürt man bereits am Verkehrsaufkommen das Drama Genuas. Der Einsturz des Ponte Morandi am 14. August hat das volkstümliche und industrielle Herz der Stadt getroffen und die „Superba“ praktisch in zwei Hälften geteilt. 43 Menschen starben, 566 Bewohner musste Hals über Kopf ihre Häuser verlassen. Jetzt durften sie für zwei Stunden zurückkehren und in höchstens fünfzig Kartons ein Teil von Hab und Gut sichern und in ihre Notunterkünfte bringen.

In Genua


Maurizio Cattelan wirbt mit Wandbilder in London, New York, Hongkong und Mailand für eine vom ihm kuratierte Ausstellung in Shanghai über Kopien in der Kunst – Eindrücke von einer Mailänder Straßenszenerie Mailand – Von der modernen Architektur Mailands beim Garibaldi-Bahnhof hin in die Altstadt und zum Brera Viertel führt ein Spaziergang durch die sich ganz jugendlich, hip-lebendig gebende lombardische Metropole. Im Corso Garibaldi geht es vorbei an neuen Bars und alten Kirchen, bunten Geschäften und lauten Werbeplakaten, an Straßenmusikanten und Bettlern. Man lässt sich treiben – und bleibt plötzlich stehen. Kurz vor dem Largo La Foppa sieht man sich einem Murales gegenüber, das eine vierstöckigen Häuserwand vollständig füllt. Ein überdimensionales Frauengesicht, das Marina Abramovic ähnelt, blickt entrückt über die Flaneure unten auf dem Corso Garibaldi hinweg. „The artist is present“ steht da geschrieben – der Titel einer legendären Abramovic-Ausstellung in New York 2010. Und unter dem Dachfirst sieht man das Logo des Modeimperiums Gucci und liest Namen „Maurizio Cattelan“.

MARINAS FACE-FAKE



Treviso, Anfang Juni – Venetien ist eine wasserreiche Region, aber wenige Städte im Nordosten Italiens werden von so vielen Bachläufen und Kanälen durchquert wie Treviso. Das ist eine Folge einiger Karstquellen, die hier kräftig sprudeln und ihre Wasser in immer neue Arme („cagnani“) verzweigen. Hinzu kommt noch der Sile-Fluss, den es dann zum Meer zieht, wo er bei Jesolo in die Adria mündet. So begleitet eine Grundmelodie, ein stetes Rauschen, Glucksen und Sprudeln von Wassern das Leben der rund 85.000 Einwohnern dieser sympathischen Stadt, denen eine gewisse Lebenslust nachgesagt wird. An Lebenswert hat jedenfalls die Innenstadt in den vergangenen Jahren gewonnen- kulturell wie urban.

In Treviso