Pesaro im Januar. Was bringt das Jahr 2016? Zu Beginn einen strahlenden Neujahrstag und einen langen Spaziergang am Meer. Kilometerlang zieht sich der breite Sandstrand Richtung Fano hin. Die tiefe Vormittagssonne scheint ins Gesicht, kaum merklich geht ein Wind. Hier und da tollen Hunde ausgelassen, gelegentlich begegnet man Joggern – sportlich auch am ersten Tag des Jahres. An der blauen Linie des Horizonts tauchen weiße Segel auf. In der Weite relativiert sich, was die Auguren in den Medien laut raunend für das neue Jahr erwarten. Einen Bürgermeister der Grillini in Rom, Giuseppe Sala für den Job in Mailand. Juve gewinnt das Campionato, für das Festival von Sanremo ist ein offenes Rennen vorausgesagt. Italien könnte sich militärisch in Libyen (mit UNO-Mandat?) engagieren und der Flüchtlingsstrom wird nicht abbrechen. Auch 2016 schafft es keiner, das Geheimnis der Identität von Elena Ferrante zu lüften. Sicher scheint allein: uns erwartet der heißeste Sommer seit langem. Nur Geduld – flüstern die Wellen, die leise ans Ufer schlagen.
Unterwegs – Kuerze
Mailand im Dezember. Jetzt ist sie da, die Adventszeit mit ihren jährlich sich wiederholenden Ritualen. Auf der Piazza Duomo wird ein riesiger Weihnachtsbaum errichtet. In der Scala läutet eine Luxusgala am Ambrosiustag (7.12.) die neue Spielzeit ein. Plätze zwischen 2000 und 500 Euro – ganz oben auf der Galerie auch für „nur“ 50 Euro. „Giovanna d’Arco“, Verdi, nach Schillers „Jungfrau von Orléans“. Anna Netrebko singt die Giovanna. Eine kämpferische Frau und zugleich total neurotisch. Um die Scala und die Piazza Duomo herum hat derweil der Kampf um Weihnachten begonnen. Geschenke müssen her – die Zeit drängt langsam. Für Freude ist später Zeit. Claudia, 18, Schülerin hat dagegen Zeit. Sie steht vor dem Eingang zur Galleria mit einem Schild „Regalo abbracci“ – „Ich verschenke Umarmungen.“ Sie ist freigiebig, einen ganzen Nachmittag lang. Warum? „Vorrei portare un po’ di gioa.“ Sie möchte ein bisschen Freude bringen. Und macht sich vermutlich selbst die größte Freude. So häufig wie an diesem Nachmittag ist sie in wenigen Stunden noch nie umarmt worden.
Rund um die Piazza Duomo
Ferrara im November, dichter Nebel begrüßt den Ankommenden am frühen Morgen. Man stapft durchs Laub entlang einer langen Allee zum Zentrum der alten Stadt der Mathilde von Canossa, des Ercole d’Este und der Finzi Contini. Es riecht merkwürdig nach frisch gemähtem Gras. Kaum sind die Backsteingebäude am Straßenrand zu erkennen. Scheinwerfer bohren auf der Fahrbahn durch die dickfeuchte Luft lange Trichter, die sich aber schnell wieder auflösen. Ein Zeitungsstand erscheint einer metaphysischen Insel gleich unter dem Kegel einer Laterne. Gespensterhaft taucht das Castello auf, mächtige Türme verlieren sich im grauen Nichts. Und je näher man kommt, huschen Schatten vorbei. Schemenhaft erkennt man Gestalten, die fleißig putzen, räumen, hin und her huschen. Was geht hier vor? Heinzelmännchen in Ferrara? Später, nach einer Verabredung, trifft man in der Via Garibaldi auf die gleichen Bewegungen. Doch jetzt hat blasses Sonnenlicht den Nebel zu feuchten Schlieren auf das Kopfsteinpflaster gedrückt. Und man erkennt: Die Heinzelmännchen, das sind die Arbeiter der Stadtreinigung. Ferrara wird geputzt. Der Staatspräsident hat seinen Besuch angesagt. Er will eine Ausstellung über Giorgio de Chirico im Palazzo dei Diamanti eröffnen. Und im Castello Werke von Boldini und De Pisis besichtigen. Die sind hier untergebracht, weil das Stadtmuseum seit dem Erdbeben vor drei […]
In Ferrara
Urbino, Ende August – Italien ist reich an historischen Zentren. Doch wenige Orte lassen in ihrem Stadtbild die Atmosphäre längst vergangener Jahrhunderte so aufleben wie Urbino. Besonders wenn Wolken über die Stadt ziehen und die Reisebusse ausbleiben, kann man sich durch ihren Gassen streifend in den Einsamkeiten des späten Mittelalter und der Renaissance verlaufen. Viele Palazzi aber auch einfache Häuser sind liebevoll restauriert. Erinnerungstafeln, die selbst schon Geschichte scheinen, rufen längst verklungene Namen in die Gegenwart. Wer war der „architetto militare“ Commandino? Zauber verbreiten Kirchen und Kapellen, bleiben geheimnisvoll wie die gotischen Darstellungen im Oratorium des San Giovanni. Sogar wo die Besucher bei gutem Wetter in größeren Gruppen die Spuren eines Raffaels oder eines Federicus Dux aufnehmen, geht es unaufdringlich zu. „Benvenuti a Urbino – welcome to Urbino“ – der Schriftzug der regionalen Verkehrsgesellschaft begrüßt die Ankommenden am neuen Busbahnhof unterhalb der Porta Lucia, dem nach Renzo Piano schönsten Tor der Stadt. Der Bahnhof darunter – ein seelenloses Betonambiente. Zu Füßen von zehn Stockwerken mit Parkdecks und einem Einkaufszentrum, in dem viele Verkaufsflächen unvermietet bleiben. Kälter kann man nicht empfangen werden. Und wenn man von der Busstation mit dem Fahrstuhl hochfährt zur Porta Lucia muss man umsteigen – auf der […]
In Urbino
Florenz Ende Mai, graue Wolken über der Stadt. Dramatisch ballen sie sich über dem Ponte Vecchio. Dann fällt Regen wie aus Kübeln. War es schon vorher schwer, sich durch die von Tagestouristen belagerte Innenstadt zu bewegen, werden die von Regenschirmen betanzten Straßen jetzt zu Spießrouten. Dazu Motorini auf Spritztouren durch Pfützen. Bei einer Dante-Lesung im Palazzo dell’Arte della Lana sitzt man zwar im Trockenen, doch Schläfrigkeit lässt die nicht enden wollenden Erläuterungen zwischen den Stuhlreihen versickern. Anschließend Flucht unter einem klapprigen Schirm auf die andere Seite des Arno zur Piazza Santo Spirito. Später, nach einem Abendessen in angenehmer Gesellschaft, ein kleiner nächtlicher Spaziergang zurück ins Zentrum. Der Regen hat aufgehört, die Gruppen der Tagestouristen haben sich verzogen. Florenz, wie leer gefegt, das Pflaster glitzert unter den Laternen, und die alten Gebäude strahlen selbstzufrieden. Glücklich, wer jetzt noch unterwegs ist und seine eigene Schritte hören kann.
